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Börseneuphorie Internet-Aktien im Check

Mit Börsengängen von Internet-Unternehmen eröffnet sich Investoren ein breiteres Anlagespektrum. Welche Aktien ihr Geld wert sind, welche für Anleger zu riskant sind.

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Facebook Quelle: dapd

20 Milliarden, 50 Milliarden, 100 Milliarden – wie teuer hätten Sie es denn gern? Der vermeintliche Wert von Facebook ist in den vergangenen zwei Jahren ordentlich nach oben gejazzt worden. Schuld daran ist vor allem Goldman Sachs. Die US-Investmentbank kaufte vor Jahresfrist Facebook Aktien für 1,5 Milliarden ab und bewertete das soziale Netzwerk im Handumdrehen so rechnerisch plötzlich mit 50 Milliarden Dollar, nachdem der rechnerische Wert, abgeleitet anhand von Kapitalspritzen, zuvor bei nur 23 Milliarden gelegen hatte. Noch gibt es von Facebook keine offiziellen Zahlen. Über vorbörsliches Research lässt sich erahnen, wo die Reise hingeht. Nach 1,9 Milliarden Dollar Umsatz 2010 sollen die Erlöse über 4,3 Milliarden 2011 auf 6,0 Milliarden dieses Jahr und 8,1 Milliarden Dollar 2013 steigen. Nicht unrealistisch. Verdienen soll Facebook rund ein Drittel vom Umsatz, also dieses Jahr rund zwei Milliarden Dollar. Allerdings dürfte sich die Gewinnmarge auf ein Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen beziehen. Zu einem Nettogewinn (oder -verlust) gibt es bisher keinerlei Indikation.

Facebook: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Facebook: groß wie Google

Wenn es aus Anlegersicht gut läuft, dann ist Facebook heute die Google von gestern, sprich: Facebook schafft ähnliche Wachstumsraten und Gewinne. Google machte 2005 einem Umsatz von 6,1 Milliarden Dollar, so viel wie für Facebook dieses Jahr taxiert werden. Die Internet-Suchmaschine machte dabei knapp 1,5 Milliarden Dollar Nettogewinn, hatte acht Milliarden Cash und brachte 2005 rund 115 Milliarden Dollar Börsenwert auf die Waage. Diese damals hohe Bewertung war gerechtfertigt. Im abgelaufenen Jahr dürfte Google mehr als 29 Milliarden Dollar umgesetzt haben, bei einem Nettogewinn von gut zehn Milliarden; die Cashposition ist auf rund 40 Milliarden angewachsen.

Fakten rund um den Facebook-Börsengang

Auf Basis von Analystenschätzungen wächst Google rasant weiter: 2013 soll der Umsatz bei gut 44 Milliarden, der Gewinn bei gut 15 Milliarden liegen. Damit kostet Facebooks Wettbewerber heute den knapp 15-fachen Jahresgewinn 2013 oder den fünffachen Jahresumsatz. Umgelegt auf Facebook, die enorme Cashposition von Google mal außen vor gelassen und dieselbe Nettogewinnmarge unterstellt, dürfte das soziale Netzwerk heute 40,5 Milliarden (gemessen am Umsatz) oder 41,4 Milliarden Dollar (gemessen am Gewinn) kosten. Jede Bewertung darüber hinaus unterstellt ein stärkeres Wachstum als bisher angenommen. Sollte Facebook die Vorschusslorbeeren einer Google des Jahres 2005 erhalten, dann wären 100 Milliarden Dollar Börsenwert jedoch machbar. Vorbörslich liegt die Bewertung derzeit bei 80 Milliarden – basierend auf sehr dünnen Umsätzen auf außerbörslichen Plattformen.

Fazit: Die Aktie wird, unabhängig von der Bewertung, in den ersten Tagen gefragt sein. Schnelle Kursgewinne sind drin. Ein Börsenwert unter 70 Milliarden Dollar ließe langfristig Luft nach oben; 100 Milliarden Marktwert wären spekulativ.

Lesen Sie mehr über die Aktien von Amazon, Google, Yahoo und Co. auf den folgenden Seiten

Amazon: Der Discounter

Amazon Quelle: dpa

Ziemlich viel Gegenwind bekommt derzeit Jeff Bezos. Der Chef des als Internet-Buchhändler groß gewordenen Unternehmens Amazon.com investiert mächtig in die Zukunft, zulasten derzeitiger Gewinne. Das stößt auf Kritik bei Investoren, die den Amazon-Kurs binnen knapp zwei Monaten um ein Drittel auf Talfahrt geschickt haben. Bezos ficht das nicht an.

Amazon: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Statt auf den schnellen Dollar setzt er mehr auf Marktpenetration, derzeit vor allem mit der Produktion des neuen Tablet-Computers Kindle Fire, der mit Kampfpreisen zur großen Konkurrenz von Apples iPad oder auch Samsungs Tablets werden soll. Amazon ist inzwischen viel mehr als nur ein Großhändler im Netz, so etwa auch ein führender Anbieter im Cloud Computing. Das Wachstum ist rasant, die Gewinnbewertung derzeit sehr hoch.

Fazit: Amazon bleibt eines der führenden Internet-Unternehmen der kommenden Jahre. Bei Kursen zwischen 120 und 160 Dollar kaufen.

Google: Die Cash-Maschine

röffnung einen neuen Google-Daten-Centers in Singapur Quelle: dpa

Vom Saulus zum Paulus: Plötzlich ist Google nicht mehr der böse Bube, der im Internet Daten verdichtet, Internet-Surfer verfolgt und gläsern macht. Dank sei Mark Zuckerberg, der mit seinem Netzwerk Facebook weit mehr als Googles Algorithmen schafft: detaillierte Profile, echt klasse für Stalker, Polizei, Versicherer und sonstige Interessierte.

Google: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Da lässt es sich nun für Google freier arbeiten, weil weniger in der Kritik. Neben der Suchmaschine läuft vor allem das Handybetriebssystem Android extrem erfolgreich. Marktanteile fehlen noch beim Browser Chrome und bei der Abwehr von Facebook über Google+. Großer Vorteil im Kampf gegen neue Wettbewerber: Google ist eine wahre Cash-Maschine, im Kampf um Internet, Software und Endgeräte können nur Microsoft und Apple mithalten.

Fazit: Google ist bestens gerüstet und kann sich sogar Flops leisten. Unter den großen Internet-Aktien bleibt Google die Nummer eins.

Ebay: Das Welt-Auktionshaus

Immer noch Wachstumsmöglichkeiten mit dem Auktions- und Secondhand-Handel Quelle: dapd

Um das Internet-Auktionshaus ist es ziemlich still geworden. Grund: Während draußen Social Media gerade das ganz große Ding ist, bleibt Ebay bei seinem Leisten als größte Auktions- Secondhand- und Neuwarenplattform der Welt. Aber auch da ist immer noch schönes Wachstum drin. Sollte Ebay, wie von Analysten geschätzt, 2013 rund 15,6 Milliarden Dollar umsetzen, wären das immerhin 70 Prozent mehr als 2010.

Ebay: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Die Nettogewinnmargen von rund 16 bis 18 Prozent liegen zwar deutlich unterhalb derer von Google, aber um das Mehrfache höher als diejenigen klassischer Handelskonzerne. Internet-Vertrieb kostet einfach relativ wenig. Mit einem Börsenwert von rund 40 Milliarden Dollar, was dem knapp vierfachen Jahresumsatz 2011 entspricht, und der 17-fachen Gewinnbewertung auf Basis der Schätzungen für 2012 ist Ebay kein Schnäppchen, aber auch nicht überteuert.

Fazit: Die Aktie ist eine solide Halteposition.

Yahoo: Der E-Mail-Klassiker

Yahoos größtes Vermögen ist die Kundenbasis Quelle: dapd

Zu Beginn als Klitsche belächelt, dann als führendes Internet-Unternehmen gefeiert, nur um schnell von der Konkurrenz gefressen zu werden. Das ist in Kurzform die Unternehmensgeschichte der 1995 gegründeten Yahoo. E-Mail-Dienste, Nachrichten und Suchmaschine sind im Web 2.0 einfach zu wenig, um bestehen zu können.

Yahoo: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Während der Wettbewerb sich erweiterte – in Handygeschäft, Betriebssysteme, Browser und Cloud Computing –, tritt Yahoo auf der Stelle. Vom 9. Januar an soll das der neue Chef Scott Thompson ändern. Dass aber selbst eine vor Silvester kolportierte mögliche Übernahme durch den chinesischen Internet-Händler Alibaba den Kurs kaum beflügelte, spricht Bände. Größtes Vermögen ist die Kundenbasis: 600 Millionen Menschen in 43 Ländern nutzen Yahoo.

Fazit: Bei geschätzten 1,1 Milliarden Dollar Nettogewinn 2012 und derzeit 21 Milliarden Dollar Marktwert ist Yahoo auch ohne Übernahmefantasie nicht mehr zu teuer. Halten.

Xing: Das deutsche Netzwerk

Xing schüttet eine Dividende aus Quelle: dpa

Internet-Aktien und Dividende? Bei der Frage brechen Börsianer in lautes Gelächter aus. Tech-Unternehmen wachsen, sie schütten kein Geld aus! Bei der deutschen Xing jedoch ist das anders. Zumindest am 8. Februar 2012. Dann fließen den Aktionären des sozialen Netzwerks 3,76 Euro je Aktie an Sonderdividende zu. Macht, gemessen an aktuellen Kursen, eine Rendite von neun Prozent.

Xing: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Xing, das im deutschsprachigen Raum 5,1 Millionen, weltweit 11,4 Millionen Mitglieder zählt, traut sich was. Die Mitarbeiterzahl von derzeit 420 soll um ein Viertel aufgestockt werden. Trotz einiger Unkenrufe aus der Internet-Gemeinde, die schon Facebook über allem sieht, wachsen die Hamburger weiter zweistellig und schreiben blitzsaubere schwarze Zahlen. Wegen der guten Kennzahlen ist auch das Xing-Papier nicht ganz billig, aber deutlich günstiger als die US-Konkurrenz.

Fazit: Gehört auf jeden Fall in ein Internet-Aktien-Portfolio.

LinkedIn: Das Profi-Netzwerk

Aktie von LindedIn könnte abwärts gehen Quelle: REUTERS

Wer den ersten Internet-Hype verpasst haben sollte, bekam im vergangenen Mai einen Nachgeschmack. LinkedIn, ein soziales Netzwerk für Geschäftskontakte, ging an die Börse. Erstzeichner freuten sich am ersten Tag über einen mehr als verdoppelten Kurs. Wer bei 45 Dollar Zeichnungskurs zum Zuge kam, konnte seine Papiere im Juli gar zu 110 Dollar verkaufen. Das wäre gut gewesen.

LinkedIn: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Inzwischen liegt der Kurs bei nur noch 64 Dollar, mit weiterem Abwärtspotenzial. Zuletzt, im dritten Quartal, schrieb LinkedIn sogar Verluste. Läuft es so, wie von Analysten erhofft, schafft das Netzwerk dieses Jahr einen Gewinn von 27,5 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 828 Millionen. Viele wollen da nicht mehr die aktuellen 6,3 Milliarden Dollar Marktwert bezahlen: Jede achte umlaufende Aktie ist an Hedgefonds verliehen, die auf fallende Kurse spekulieren.

Fazit: Die Aktie ist einfach zu teuer, lieber Finger weg.

Zynga: Der Spieledealer

Börsengang des Online-Spieleanbieters Zynga Quelle: dpa

Wenn der Weizen sprießt und glückliche Kühe wiederkäuen, dann befindet sich der moderne Mensch nicht mehr auf einem Bauernhof nahe Gütersloh, sondern in Farmville. So heißt das virtuelle Internet-Spiel des Anbieters Zynga, der seine Nutzer über Facebook bezieht. Zuletzt sollen sich gut 30 Millionen Nutzer für das Spiel interessiert haben, im Februar 2010 waren es noch 80 Millionen.

Zynga: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Mit mehreren Online-Spielen, darunter Poker, beschäftigt Zynga pro Monat 232 Millionen Zocker. Für einige Anwendungen der Spiele verlangt Zynga Gebühr: Das spülte in den ersten neun Monaten 2011 829 Millionen Dollar Umsatz in die Kasse, im Gesamtjahr 2012 sollen es gut 1,4 Milliarden werden. Viel hängen bleibt nicht: Ein geschätzter Nettogewinn von 21,2 Millionen Dollar 2012 bedeutet eine Umsatzrendite von mickrigen 1,5 Prozent.

Fazit: Zum jetzigen Zeitpunkt lohnt die Aktie nicht, Zynga muss deutlich beim Gewinn zulegen.

Groupon: Der Rabattier

Negativer Ausblick für Groupon Quelle: dapd

So schnell wie Börsenneuling Groupon hat wohl noch kein Unternehmen Umsatz verloren. Im Vorfeld des Börsengangs zwang die US-Börsenaufsicht SEC den Händler von Rabattgutscheinen im Internet, seine Umsatzzahlen zu korrigieren. Ursprünglich hatte Groupon bei seinen Erlösen Zahlungen an seine Handelspartner als eigene Umsätze ausgewiesen.

Groupon: Kursentwicklung (zur Komplettansicht bitte klicken)

Nachdem diese durchlaufenden Posten fachgerecht herausgerechnet wurden, sackte der Umsatz für das erste Halbjahr 2011 um mehr als die Hälfte, von 1,5 auf knapp 0,7 Milliarden Dollar; derjenige von 2010 rutschte von 713 auf 313 Millionen Dollar. Selbst wer den wahrscheinlich äußerst schön gefärbten Analystenschätzungen glauben schenken mag, bezahlt für die Aktie den diesjährigen rund 100-fachen Jahresgewinn, negative Überraschungen wahrscheinlich.

Fazit: Schon der Gang an die Börse war dubios. Groupon wird schnell auf dem großen Internet-Friedhof landen.

Twitter: Der Schnelltippdienst

Twitter Quelle: REUTERS

300 Millionen Dollar ist Alwalid bin Talal ein 3,8-Prozent-Anteil am Kurznachrichtendienst wert. Nach dem Einstieg des saudi-arabischen Milliardärs kurz vor Weihnachten wird Twitter nun mit 7,9 Milliarden Dollar bewertet. Ziemlich viel für ein Unternehmen, dessen Umsatz 2011 auf rund 140 Millionen Dollar taxiert wird und das wohl Verluste schreibt. Von einem Börsengang ist Twitter weit entfernt. Es fehlt schlicht ein Geschäftsmodell. Zwar daddeln 168 Millionen Menschen 200 Millionen Mitteilungen täglich über Twitter, aber ohne Erträge abzuliefern.

Die Umsätze des 2006 gegründeten Unternehmens stammen einzig aus Werbung, 96 Prozent kommen aus den USA. Eine Kostenpflicht für Twitterer würde den Dienst wohl sterben lassen. Ständige Werbung wiederum würde die Nutzerfreundlichkeit behindern. Twitter könnte eher von einem der großen Internet-Unternehmen übernommen werden, als in absehbarer Zeit an die Börse gehen zu können. Zwei, drei Milliarden sind dann vielleicht drin, acht Milliarden wohl kaum.

Fazit: In erster Linie ein Übernahmekandidat für etablierte Web-Unternehmen, die den Dienst lukrativer vermarkten könnten.

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