Börsengang von Rocket Internet Prinzip Hoffnung als Anlagestrategie

Investoren glauben, dass Rocket Internet den Internet-Handel außerhalb der USA und Chinas dominieren kann. Doch die Aktie ist hochriskant.

Die größten Börsengänge weltweit
Telekom Quelle: dapd
Platz 10Japans Telekommunikations-Riese Nippon Tel ging bereits 1987 an die Börse und nahm 15,3 Milliarden Dollar ein. 1999 wurde der Konzern umstrukturiert und ging in der NTT Communications Corp auf. Im Bild NTT-Präsident Masanobu Suzuki. Quelle: AP
General Motors Quelle: dpa
Facebook Quelle: dpa
Platz 7Der italienische Energieversorger Enel SpA beschäftigt über 58.000 Mitarbeiter. Bei seinem Börsengang im Jahr 1999 konnte der Konzern 16,5 Milliarden Dollar einsammeln. Quelle: REUTERS
Platz 6Ein Blick auf den AIA-Turm in Hong Kong. Die asiatische Sparte des US-Versicherers AIG nahm bei seinem Börsengang im Oktober 2010 17,8 Milliarden Dollar ein. Quelle: REUTERS
visa Quelle: dapd

Um 9.25 Uhr, fünf Minuten vor dem offiziellen Verkaufsstart, hatten die Banken schon Kaufaufträge für alle neuen Aktien von Rocket Internet in den Büchern. Das erinnert an beste Neue-Markt-Zeiten. Am Mittwoch um 9.30 Uhr gab Rocket-Vorstand Oliver Samwer dann den Startschuss zum Börsengang, präsentierte in Frankfurt ernst und sehr verbindlich die Daten seines seit 2007 aufgebauten globalen Start-up-Inkubators. Die Holding ist inzwischen an 103 Online-Geschäftsmodellen beteiligt, die in mehr als 100 Ländern aktiv sind und über 20.000 Mitarbeiter beschäftigen. Sollte es in den nächsten Tagen nicht noch einen Börsencrash geben, entsteht hier vom Start weg ein Börsenriese, der mit rund sechs Milliarden Euro Marktwert in einer Liga mit Konzernen wie der Lufthansa spielen würde.

Totaler Hype

Schon lange nicht mehr wurde in Frankfurt so viel Hoffnung so teuer verkauft. Ein deutscher Vermögensverwalter spricht von einem „totalen Hype“, den er nicht verstehe. „Ohne den geglückten Börsengang der chinesischen Alibaba, bei dem sich hohe Kursgewinne abräumen ließen, hätte es Rocket Internet schwer gehabt, Anleger von dem Geschäft zu überzeugen“, sagt er.

Die drei Samwer-Brüder

Rocket hat renommierte Investoren an Bord – neben den Samwers, die mit dem Ebay-Klon Alando und Klingeltonanbieter Jamba viele Millionen machten, sind unter anderem die schwedische Beteiligungsgesellschaft Kinnevik, die US-Investmentbank JP Morgan, die schottische Fondsgesellschaft Baillie Gifford und United Internet mit im Boot. Deren Chef Ralph Dommermuth steht nicht in dem Ruf, ein waghalsiger Hasardeur zu sein.

Und Baillie Gifford, auch bei Zalando mit dabei, hatte einst schon mit einem frühen Einstieg bei Facebook und Amazon Gespür für Online-Investments bewiesen. Rocket strebt an, die führende globale Internet-Plattform außerhalb der USA und Chinas zu werden. Aber hat die Samwer-Holding wirklich das Zeug, um mit Netzgiganten wie Amazon oder Alibaba in einer Liga zu spielen? Oder entpuppt sich Rocket Internet lediglich als hübsch garniertes Online-Soufflé, das nach dem Börsengang in sich zusammenfällt?

Die größten Börsengänge in Deutschland
Platz 10: Norma Group AGDer Maschinen- und Werkzeugbauer hat sich rund um Rohr- und Leitungsverbindungen einen Namen gemacht. Obwohl das zunächst nach Nische klingt, waren Investoren beim Börsengang am 7. April 2011 bereit, 336 Millionen Euro für die neuen Aktien locker zu machen. An der Börse ist Norma mit rund einer Milliarde Euro bewertet. Quelle: Thomson Reuters, Stand: 01.10.2014 Quelle: Presse
Platz 9: GSW Immobilien AGIn den Jahren seit 2009 wagten gleich mehrere große Wohnungsgesellschaften den Sprung an die Börse. Die GSW Immobilien AG überzeugte Anleger und bekam für ihre Aktien-Neuemission 467 Millionen Euro. An der Börse ist GSW zwei Milliarden Euro wert. Quelle: REUTERS
Platz 8: Kion Group AGDer Gabelstablerhersteller Kion ist eine Abspaltung der Linde-Gruppe und ging am 26. Juni 2013 an die Börse. Investoren gaben dem Unternehmen für die neuen Aktien 475 Millionen Euro. Die Börse bewertet Kion zur Zeit mit 2,9 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Platz 7: Talanx AGMit Talanx gelang am 1. Oktober 2012 einem der größten deutschen Versicherer der Börsengang in Frankfurt. Zu Talanx gehören unter anderem die Versicherer Ergo und Victoria. Zum Börsengang erhielt Talanx frisches Kapital in Höhe von 517 Millionen Euro. An der Börse ist der Konzern derzeit 6,6 Milliarden Euro wert. Quelle: dpa
Platz 6: Zalando SEEinen so großen Börsengang aus dem Internetbereich hat Deutschland seit Jahren nicht gesehen. Der Online-Modehändler nutzte die Gunst der Stunde nach dem Rekordbörsengang des chinesischen Internetgiganten Alibaba, um an der der Börse 526 Millionen Euro für seine neuen Aktien aus Kapitalerhöhung einzusammeln. Kommt es zur Ausübung der Mehrzuteilungsoption sind es sogar 605 Millionen Euro - was Zalando Platz 5 einbrächte. An der Börse wird das erst 2008 gegründete Unternehmen aus dem Stand mit 5,35 Milliarden Euro bewertet. Quelle: Thomson Reuters, Stand: 01.10.2014 Quelle: REUTERS
Platz 5: Deutsche Annington ImmobilienWohnimmobilien sind in Deutschland gefragt wie seit Jahren nicht. Das gilt auch für Aktien von Wohnungsgesellschaften. Die Deutsche Annington Immobilien ging am 9. Juli 2013 vergleichsweise spät an die Börse und konnte dafür 575 Millionen Euro bei Investoren locker machen. An der Börse ist das Unternehmen mit 5,5 Milliarden Euro bewertet. Quelle: Thomson Reuters, Stand: 01.10.2014 Quelle: dpa
Platz 4: Brenntag AGChemiehändler Brenntag wagte am 29. März 2010 den Sprung an die Börse und kassierte für seine Aktien 748 Millionen Euro. Heute ist das Unternehmen an der Börse gut sechs Milliarden Euro wert. Quelle: Thomson Reuters, Stand: 01.10.2014 Quelle: Presse

Klar ist: Seit sieben Jahren geht es für das Unternehmen bergauf. Es wurden vielversprechende Online-Konzepte kopiert und weltweit ausgerollt. Von Chile bis Myanmar, von Aserbaidschan bis nach Nigeria erstreckt sich das Rocket-Reich. Die Online-Portale des Unternehmens verkaufen Schuhe und Shirts, vermitteln Putzfrauen, Immobilien oder Kredite via Netz. In Deutschland sind Home24 und Westwing bekannt. Es gibt die russischen, asiatischen und brasilianischen Zalando-Pendants Lamoda, Zalora und Dafiti, das in Brasilien so bekannt ist wie Zalando hierzulande.

Was Anlageprofis von den Internet-Börsengängen halten

Viele Versuchsballons

Ein hochdekorierter britischer Fondsmanager spricht von „dem verrücktesten Ding, das ich je gesehen habe“. Zunächst einleuchtende Geschäftsmodelle im Netz gebe es viele, aber es funktioniere trotzdem längst nicht alles. Und erst recht verdient nicht alles Geld, sagt ein deutscher Fondsmanager. In Rocket Internet stecken viele solcher Versuchsballons, denen die Berliner sechs bis neun Jahre Zeit lassen wollen, um profitabel zu werden. Beim Börsenstart sind die meisten längst noch nicht so weit.

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