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Börsengang von Rocket Internet Prinzip Hoffnung als Anlagestrategie

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Rätselhafte Bewertung, unbekannte Verluste

Wie der Preis für das Online-Konglomerat von rund sechs Milliarden Euro zustande kommt, bleibt das Geheimnis der Samwers und der beteiligten Banken. Laut Börsenprospekt wurden die Rocket-Beteiligungen bei der jüngsten Finanzierungsrunde nur mit 2,6 Milliarden Euro bewertet. Die Differenz entfällt auf die Fantasie der Investoren. Die ist auch nötig, denn harte Fakten bleibt der Konzern selbst im Börsenprospekt schuldig.

Zentrale Kennzahlen vermisst

So fehlen in dem Papier zentrale Kennzahlen wie die Höhe der Gesamtverluste, die bei den Rocket-Beteiligungen 2013 aufliefen. Lediglich für die elf wichtigsten Rocket-Ableger dröselt Rocket Internet die Geschäftszahlen auf: Bei Gesamterlösen von 757 Millionen Euro summierten sich die Jahresfehlbeträge der elf sogenannten „proven winners“, bei denen Rocket aber auch nur Minderheitsbeteiligungen hält, auf insgesamt 442 Millionen Euro.

Was Sie über die Börsenkandidaten wissen sollten

Wie tief allerdings die anderen Rocket-Beteiligungen in den roten Zahlen stecken, bleibt offen. Im Prospekt heißt es lediglich: Die Emittentin verfüge „nicht über Informationen, die es ihr erlauben würden, den Gesamtverlust“ aller Beteiligungen „verlässlich zu ermitteln“.

Ein Management, das nicht in der Lage ist, die Verluste von Portfolio-Unternehmen zu beziffern – das ist eigentlich ein K.o.-Kriterium am sonst so zahlenfixierten Finanzmarkt. Trotzdem reißen sich Investoren darum, beim größten deutschen Börsengang des Jahres dabei zu sein.

Wer rechnet schon so genau nach, wenn das rasante Wachstum lockt, etwa bei der Online- und Smartphone-Nutzung in Schwellenländern. „Konsumenten haben weltweit die gleichen Wünsche. Sie wollen ihr Handy, den Anzug oder die Pizza online bestellen“, sagt Samwer. Und Rocket Internet will ihnen in Afrika oder Lateinamerika den gleichen Zugang zu Produkten und Dienstleistungen bieten wie in Deutschland. Da es einen stationären Einzelhandel in Afrika und Lateinamerika kaum gibt, ist die Konkurrenz für E-Commerce nicht so groß. Ob das Gewinne bringt, bleibt offen.

Marktführer vom Fließband?

Die Konsumausgaben in den Schwellenländern steigen zwar, werden im Vergleich zu den entwickelten Märkten aber noch über Jahre auf bescheidenen Niveaus liegen. Die Geschäftsrisiken sind ungleich höher. Welche Auswirkungen hat die Ebola-Epidemie in Afrika auf das Geschäft der nigerianischen Rocket-Beteiligung Jumia, welche Folgen haben die Sanktionen des Westens auf die Nachfrage in Russland – und damit für Lamoda?

Die aussichtsreichsten Massenmärkte im Web sind besetzt. Hier noch neue Marktführer zu kreieren wird schwer. Trotzdem sollen jedes Jahr zehn neue Start-ups die Berliner Raketenfabrik verlassen. Rocket Internet reagiert mit einer Art Konzern-Upgrade auf die Entwicklung: Mit einer digitalen Finanzsparte wird das Bankgewerbe angegriffen. Lendico und Zencap sind Plattformen, über die Anleger Geld an Privatleute oder Unternehmen verleihen können. Im August stieg die philippinische Telefongesellschaft PLDT bei Rocket ein, um Angebote für das Bezahlen per Handy aufzuziehen.

Dividenden wird Rocket Internet laut Prospekt „in absehbarer Zukunft“ nicht zahlen. Schließlich sollen alle verfügbaren Mittel ins Wachstum investiert werden.

Das war bis vor Kurzem noch anders. 2012 und 2013 schüttete Rocket Internet an die Samwers und ihren Investorenzirkel 551 Millionen Euro aus. Für 2014 gönnten sich die Samwers eine sogenannte Vorabausschüttung in Höhe von 287 Millionen Euro, sie machten damit de facto schon vor dem Börsengang Kasse. Dass die Alteigentümer weder beim Börsengang noch in den kommenden zwölf Monaten Rocket-Aktien abgeben wollen, wirkt deshalb schon nicht mehr ganz so beeindruckend.

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