Börsenkommentar Die blinde Gier der Banken

Was ist los bei den Banken? Morgan Stanley vergeigt Facebook, JP Morgan verzockt Milliarden.

Schriftzug von Morgan Stanley Quelle: dapd

Das hat die US-Bank Morgan Stanley, Konsortialführerin beim Börsengang von Facebook, wirklich fein hinbekommen: ein Aktienkurs, der in den ersten drei Tagen um 20 Prozent abschmierte – und jetzt auch noch ein Skandal. Unmittelbar vor dem Börsengang senkten Analysten von Morgan Stanley die Umsatzprognose für Facebook, JP Morgan und Goldman Sachs folgten der Einschätzung.

Damit hätten die Banken Anleger verschreckt, heißt es an der Wall Street. Wenn Konsortialbanken während der Werbetour für die Aktie die Prognose für das Unternehmen senkten, dann sei dies ein Fall für die US-Börsenaufsicht, schimpfte der bekannte Börsenanalyst und Blogger Henry Blogdet. Mit Aufsichtsfragen kennt der sich aus, hatte er doch im Jahrtausendboom selbst Ärger mit der SEC, weil er als Analyst bei Merrill Lynch Internet-Aktien, die er Kunden empfahl, in internen E-Mails als Mist bezeichnete.

Die Aktien der alten und neuen Internet-Riesen
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T-Online Bis heute das größte Internet-IPO aller Zeiten, was das Einspielergebnis betrifft: Umgerechnet 2,9 Milliarden Dollar nahm die Telekom-Tochter im April 2000 ein. 27 Euro je Aktie bezahlten Anleger. 2004 bot die Telekom 8,99 Euro als Rücknahmepreis. Ex-Aktionäre erstritten 2010 erst eine Nachzahlung über 1,38 Euro; 2011 wies sie das Bundesverfassungsgericht dann ab. Quelle: Bloomberg
Groupon Der Rabatthändler startete mit einer ambitionierten Bewertung im vergangenen Jahr an der Börse. Den Ausgabekurs haben Aktionäre der ersten Stunde seither nicht wieder gesehen. Und dabei konnte Groupon erst vor kurzem den ersten Gewinn vermelden. Aber die Zweifel am Geschäftsmodell nehmen zu. Quelle: Bloomberg
Pandora Nightmare on Wall Street: Der Kurs des Internet-Radiobetreibers Pandora hat sich schnell halbiert. Wegen Urheberrechtsprobleme hat sich Pandora auch vom deutschen Markt zurückgezogen. Quelle: Bloomberg
Yandex Die russische Suchmaschine lässt Google im Heimatmarkt keine Chance. Nach dramatischen Kursverlusten 2011 erholt sich die Aktie seit Jahresbeginn wieder, liegt aber immer noch fast die Hälfte unter dem Kurs bei Erstnotiz. Quelle: Bloomberg
YelpNoch recht frisch an der Börse, hat die Yelp-Aktie bereits einige Kurskapriolen hinter sich und liegt derzeit deutlich im Minus. Quelle: Bloomberg

Trotzdem hat er recht. Was Anleger besonders erbost und jetzt auch die Behörden auf den Plan ruft: Längst nicht alle Anleger waren über die Prognoseänderung informiert, einige, und ganz bestimmt nicht die kleinen, wussten mehr als andere.

Konkurrentin Goldman Sachs, von Morgan Stanley bei Facebook ausgestochen, reibt sich die Hände. Doch auch Goldman wurde zuletzt von Skandalen erschüttert, unter anderem müssen sich Manager der Bank Ermittlungen wegen Insiderhandels stellen. Und auch Wettbewerber JP Morgan hat eigene Probleme. Zwei, vielleicht auch drei Milliarden Dollar hat ein Händler der US-Bank verzockt. Die Summe stürzt JP Morgan nicht in den Abgrund, schließlich hat die Bank 2011 19 Milliarden Dollar Gewinn gemeldet. Doch Bilderbuch-Banker Jamie Dimon, Chef des Instituts, muss sich zu Recht massive Kritik an seinem Führungsstil und am Risikomanagement gefallen lassen.

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Dimon hatte die spekulativen Wetten als dummen Fehler, der nie hätte passieren dürfen, abgetan. Doch damit kommt er nicht durch. Denn wie aus Finanzkreisen zu hören ist, erinnert das, was über mehrere Monate bei der Bank in New York und in London ablief, schwer an die Szenarien aus den Finanzkrisenzeiten: Eigensinnige Händler in London sollen interne Kritik an ihren Geschäften abgewehrt haben.

Solange der Rubel rollte, drückte kein Risikomanagement der Bank den Alarmknopf. Irvin Goldman, verantwortlich für die Risikokontrolle in dem Bereich, hatte schon 2007 eine andere Wall-Street-Firma in Schwierigkeiten gebracht. Zunutze gemacht haben sollen sich die Händler der Abteilung außerdem, dass Ex-Investment-Chefin Ina Drews wegen einer Borreliose-Erkrankung zeitweise fehlte und den Herren nicht täglich auf die Finger schaute. All das klingt wie Zickenkrieg im Callcenter und nicht nach dem Top-Management einer der profitabelsten Banken Amerikas. Die Institute haben aus der Finanzkrise nichts gelernt. Es ist höchste Zeit, dass die US-Behörden sie an die Kette legen.

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