Börsenstart der Siemenstochter Börsenneuling Osram schlägt sich tapfer

Dass der Lichtkonzern Osram im zweiten Anlauf den Schritt in die Selbstständigkeit geschafft hat, bescherte Siemens am Montag kräftige Kursgewinne. Am Abend gingen die Papiere mit 23,80 Euro aus dem Handel und notierten damit nicht weit unter dem Startkurs von 24,00 Euro.

Warum alle Firmen gleichzeitig an die Börse möchten
Kion, Springer Science, Deutsche Annington – und dann auch noch Osram. Ende Juni und Anfang Juli werden sich die Firmenchefs der Neuzugänge an der Frankfurter Börse fast die Glocke in die Hand geben. Dabei ist der letzte normale Börsengang in Frankfurt – LEG Immobilien – dann schon fünf Monate her. Dass sich die Börsenkandidaten nun plötzlich drängeln, ist kein Zufall. Denn die Zeitfenster, auf die Unternehmen für einen erfolgreichen Börsengang angewiesen sind, sind – jedenfalls in Deutschland - eng. Im März, im Juni, im September und Mitte November werden deshalb die meisten Börsengänge gestartet. Quelle: dpa
„Es gibt Fenster, die man erwischen muss. Da müssen mehrere Faktoren zusammentreffen: Das Unternehmen muss bereit sein für einen Börsengang, der Markt muss stabil sein, aber auch der angepeilte Börsenplatz muss gut laufen“, sagt Martin Steinbach, der für die Unternehmensberatung Ernst & Young Börsengänge begleitet. „Der IPO-Eurostoxx-Performance-Index zeigt nach oben. Daher steht die Ampel derzeit auf Grün.“ Quelle: dpa
Die ZahlenDiese Voraussetzungen allein würden Börsengänge im Mai oder August noch nicht ausschließen. Doch hinzu kommen die rechtlichen Vorgaben. Die Zahlen, die die Unternehmen in ihrem Wertpapierprospekt verwenden, dürfen zur Erstnotiz nicht älter sein als 135 Tage, das sind viereinhalb Monate. „Sonst dürfen die Wirtschaftsprüfer die Zahlen nicht mehr beglaubigen“, erläutert Oliver Seiler, der als Wirtschaftsanwalt für die Kanzlei Allen & Overy an vielen Börsengängen mitarbeitet. Das heißt: Verweist der Börsenaspirant auf seine Geschäftszahlen zum Jahresende, muss er bis spätestens Mitte Mai an der Börse sein. Quelle: dpa
Der AusblickÄltere Zahlen würden die Investoren nervös machen - vor allem bei Unternehmen, deren Geschäft stark schwankt. Das begünstigt auch Börsengänge im zweiten Halbjahr. Denn dann wagen die Firmen einen Ausblick auf das kommende Jahr – und die meisten Investoren treffen ihre Kaufentscheidungen für neue Börsenwerte auf Basis der Erwartungen für das Folgejahr. Auch in den vergangenen Jahren hatten daher viele Kandidaten auf einen Termin im Herbst gesetzt – doch da kam regelmäßig eine Krise dazwischen. Die LEG, die ihren Börsengang im Januar auf Basis der Zwischenbilanz bis September 2012 gestartet hatte, war eine Ausnahme. „Je stabiler das Geschäftsmodell ist, desto eher kann das das wagen“, sagt Seiler. Quelle: REUTERS
Urlaubsszettel Quelle: Fotolia
Interne GründeDass Kion, Springer Science und Deutsche Annington auf den letzten Drücker kommen wollen, hat auch individuelle Gründe: Beim Gabelstapler-Konzern Kion musste erst der Einstieg des chinesischen Großaktionärs Weichai Power abgeschlossen sein, der größte deutsche Wohnungskonzern Annington hatte erst im April einen neuen Vorstandschef bekommen. Und beim Wissenschaftsverlag Springer Science versuchen die Eigner alternativ zu den Börsen-Vorbereitungen einen Käufer für das ganze Unternehmen zu finden. Endgültige Offerten werden erst in diesen Tagen erwartet. Quelle: dpa
Dass der Lichtkonzern Osram erst jetzt an die Börse kommt, ist eher Zufall: Aktionärsklagen gegen die Abspaltung hatten den Schritt zuvor verhindert. Doch auf die Sommerpause musste auch Osram achten. Zwar verschenkt Siemens die Papiere nur an die eigenen Aktionäre. Doch um eine Verkaufswelle großer Aktionäre - etwa von Indexfonds - nach dem Börsendebüt zu vermeiden, müssen Banker vorher neue Investoren für Osram-Aktien im Volumen von mehreren hundert Millionen Euro finden. Quelle: REUTERS

Im dritten Anlauf hat es nun geklappt: Siemens ist seine Lichttochter Osram losgeworden. Im April 2011 hatte der Konzern versucht, Osram an die Börse zu bringen, da sie nicht mehr ins „strategische Konzept“ passe, so die offizielle Version. Doch der Börsengang musste abgeblasen werden. Investoren bemängelten die schwache Profitabilität, das teils veraltete Produktportfolio und die große Marktunsicherheit in der Leuchtmittelindustrie, die gerade in der größten Umwälzung seit Erfindung der Glühbirne steckt. 2012 wurde auch ein Verkauf an Investoren geprüft, es gab aber angeblich keine ernsthaften Gebote.

Deshalb wurde Osram nun abgespalten. Zum Start auf dem Parkett schlug sich der Lichtspezialist am Montag tapfer. Am Abend gingen die Papiere mit 23,80 Euro aus dem Handel und notierten damit nicht weit unter dem Startkurs von 24,00 Euro. Wo die Reise hingeht, dürfte sich aber ohnehin erst in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Das Verfahren ist selten, denn es bringt weder Mutter noch Tochter frisches Geld. Am Abend des 5. Juli wurden 80,5 Prozent der 104,7 Millionen Osram-Aktien unter den Siemens-Aktionären verteilt; diese bekommen je zehn Siemens eine Osram. Siemens behält rund 17 Prozent; 2,5 Prozent bekommt die eigene Pensionskasse übertragen. Für Anleger, die sowohl Siemens- als auch Osram-Aktien im Depot haben, kommt es darauf an, ob die Börse die Summe der beiden Papiere höher bewerten wird als die alten Siemens-Aktien. Hoffnung besteht. Bayer wählte 2005 ein Spin-off, um die damals margenschwache Färb- und Gerb-Chemie sowie die Kautschukproduktion loszuwerden. Lanxess wurde saniert und gewann an der Börse zeitweise 250 Prozent.

Börsenneuling Osram im Check
BrancheLichttechnik
Mitarbeiter39.000
ISINDE000LED4000
KonsortialbankenDeutsche Bank, Goldman Sachs, UBS
Erstnotiz8. Juli 13
Wert der ausgegebenen Aktien12,96 Milliarden Euro
Börsenwert¹'²3,66 Milliarden Euro
Umsatz 2011/12/13/14/15³5031/5399/5290/5400/5550
Nettogewinn 2011/12/13/14/15³246/(–378)/18/200/300
Kurs-Gewinn-Verhältnis 2011/12/13/14/1515/Verlust/203/18/12
fairer Wert⁴27 Euro
Risikohoch
Empfehlungnicht kaufen
¹ bei einem Aktienkurs im mittleren Bereich der Analystenschätzungen (= 35 Euro); ² inklusive der bei Siemens verbleibenden 19,5 Prozent Osram-Aktien; ³ in Millionen Euro; 2013, 2014 und 2015 geschätzt; ⁴ WirtschaftsWoche-Schätzung; Quelle: Prospekt, Banken

Mit Osram werden die Anleger mehr Geduld brauchen: Weil viele Siemens-Aktionäre, etwa Dax-Indexfonds, mit dem Papier nichts anfangen können, droht Verkaufsdruck. Mehr als 40 Prozent der Osram-Aktien könnten den Besitzer wechseln, auch haben sich Siemens und die Pensionskasse keine bindenden Haltefristen (Lock-ups) für die bei ihnen verbleibenden rund 20 Millionen Osram-Aktien auferlegt. Schließlich könnten Hedgefonds verlockt werden, die Papiere zu leihen und auf den Markt zu werfen, um so den Preis zu drücken. Wäre der Kurs erst tief genug, könnten allerdings Schnäppchenjäger die Aktie einsammeln. Immerhin ist Osram neben Philips der weltweit führende Leuchtmittelhersteller.

Der Markt ist nicht uninteressant: Er wächst pro Jahr um vier Prozent und dürfte 2020 ein Volumen von 115 Milliarden Euro haben. Banken schätzen, dass Osram 2015 zwischen 5,5 Milliarden und 6,2 Milliarden Euro umsetzen wird. Doch die Prognose ist unsicher, denn der Markt ändert sich rapide. Das Geschäft mit Glühbirnen, in dem Osram ein komfortables Auskommen im globalen Oligopol (mit Philips und GE) gefunden hatte, ist tot; mit Energiesparlampen, Halogen und Neonröhren wird Osram noch ein paar Jahre gutes Geld verdienen können, dann sind auch deren Tage gezählt.

Die Zukunft gehört der Lichterzeugung mit Halbleitern, LEDs. Die Leuchtdioden brauchen bis zu 90 Prozent weniger Strom als Birnen, da sie keine Hitze entwickeln, und werden dank Massenproduktion in Fernost immer billiger, derzeit pro Jahr um bis zu 15 Prozent. Zwar hat Osram den Technologiewechsel gemeistert und verdient etwa mit LED-Scheinwerfern in Autos schon Geld, schleppt aber noch zu viele Altlasten mit.

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