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Boom bei SPACs Seid umschlungen, Milliarden

FILE PHOTO: A WeWork logo is seen outside its offices in San Francisco, California, U.S. September 30, 2019. REUTERS/Kate Munsch/File Photo Quelle: REUTERS

Mehr Verlust als Umsatz? Egal! Die Börse kauft alles. Das zeigen der Börsengänge wie der des Bürovermieters WeWork – und in Deutschland Wirecard.

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Dass die Weitervermietung von Büros vielleicht nicht so das ganz heiße Ding ist, das vermuteten vor einigen Jahren schon viele Beobachter, als das Start-up WeWork mit eben jenem Geschäftsmodell groß herauskommen wollte. In Zeiten von Pandemie und Homeoffice sollte das noch mehr gelten und der Weg an die Börse eigentlich versperrt sein. Doch seit Monaten gibt es einen Boom bei neuen Börsenmänteln, SPACs genannt (Special Purpose Acquisition Company). Ganz offenbar ist zu viel Geld vorhanden, denn selbst Bürovermieter WeWork kommt nun endlich unter.

38 Milliarden weniger wert als 2019

Nicht mehr zu den 47 Milliarden Dollar, zu denen die Firma noch vor zwei Jahren bewertet war, aber zu neun Milliarden Dollar immerhin. Das ist erstaunlich, schrieb WeWork doch in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 6,7 Milliarden Dollar Verlust. Eher abschreckend, genauso wie ein Streit zwischen dem Hauptaktionär Softbank und Co-Gründer Adam Neumann, der kürzlich mit einer Zahlung über 580 Millionen Dollar beigelegt worden sein soll. 

Blackrock und Fidelity an Bord

Sei’s drum, der SPAC mit dem hübschen Namen BowX Acquisition Corp. verleibt sich WeWork ein. 483 Millionen in Bar hat dabei BowX selbst aufgebracht,  800 Millionen Dollar an weiterem Kapital fließt von privaten Investoren wie Fidelity, BlackRock und Starwood Capital. Geld hat WeWork dringend nötig: 2020 konnte das US-Unternehmen gerade noch 49 Millionen Dollar an Investitionen stemmen, nach 2,2 Milliarden im Vorjahr. Im vergangenen Jahr war die Auslastung von WeWork von 72 auf nur noch 47 Prozent zurückgegangen. Die Quote soll auf 90 Prozent steigen, bis 2024 wird eine Verdopplung der Einnahmen auf sieben Milliarden Dollar prognostiziert. Daran müssen Anlegerinnen und Anleger aber ganz fest glauben in Zeiten in den vielen Unternehmen gezwungenermaßen oder freiwillig Büroflächen verlassen. Selbst wenn dies aber gelänge, bleibt fraglich, ob WeWork aus den roten Zahlen herauskäme.



Mehr Geld als interessante Unternehmen

Warum WeWork jetzt überhaupt an die Börse kommen kann, wenn auch um die Ecke, das hat einen einfachen Grund: SPACs sind der neue Börsenhype schlechthin – und erhöhen den Druck, auf ihre Sponsoren entsprechende Übernahmeziele zu finden, um die Gelder nicht wieder zurückgeben zu müssen. Auch Cazoo, ein britischer Auto1-Konkurrent (wirkaufendeinauto.de) geht mit einer Verschmelzung mit einem leeren Börsenmantel an die US-Börse. Der Online-Gebrauchtwagenhändler hat sich gerade mit dem SPAC Ajax I Acquisition Corp auf eine Fusion verständigt. Cazoo werde dabei mit sieben Milliarden Dollar bewertet, hieß es am Montag. Dennoch haben derzeit etwa 400 SPACs, die insgesamt mindestens 130 Milliarden Dollar investieren wollen, noch kein Übernahmeziel angekündigt.

Viel Prominenz unterwegs

Selbst prominente Namen helfen manchmal nicht. So soll Hedgefonds-Titan Bill Ackman versucht haben, die Gründer von Airbnb von einem Börsengang via SPAC zu überzeugen. Doch die wählten dann doch einen regulären IPO, zumal sie reichlich Umsätze nachweisen konnten. Es war die richtige Entscheidung. Nach dem Börsengang im Dezember verdoppelte sich der Airbnb-Kurs in der Spitze, das Unternehmen ist nun über 100 Milliarden Dollar wert. Das Hauen und Stechen um interessante Wachstumsunternehmen treibt jedenfalls die Preise hoch. Zumal auch das Geschäft mit klassischen Übernahmen boomt.

Zugleich pumpen Wagnisfinanzierer allein in den USA jedes Jahr über 100 Milliarden Dollar in Start-ups. „Die Tatsache, dass so viele SPACs nach Übernahmezielen suchen, erlaubt es diesen, die SPACs gegeneinander auszuspielen“, erwartet Jay Ritter, Professor für Finanzen an der Universität von Florida. Sicher ist: Für Hedgefonds und andere Profi-Investoren sind SPACs ein beliebtes Mittel, um Gelder sicher zu parken und dabei zugleich noch zu verdienen. Denn während die SPACs auf Akquisesuche gehen, werden sie gehandelt. Je prominenter der Name und je phantasievoller die über Twitter oder Reddit gestreuten Gerüchte über potentielle Übernahmen, desto stärker steigt der Kurs.

Bezugsrechte als Lotterielos

So wie der von Silicon Valley Halbleiter-Veteran TJ Rodgers mit seinem Rodgers Silicon Valley Acquisition Corp SPAC. Der Gründer von Cypress Semiconductor will in Zulieferer von Elektroautounternehmen einsteigen, was er mehrfach kundtat. Sein SPAC stieg von 10,40 Dollar auf 34 Dollar Ende Februar. Seit klar ist, dass er mit Akkuhersteller Enovix mergen will, ist der SPAC auf 13 Dollar zurückgefallen. Das Pikante ist, dass TJ Rodgers Gesellschafter bei Enovix ist. Hat ein SPAC eine Übernahme verkündigt und vollzogen, dann steigen viele der Profiinvestoren in der Regel wieder aus. Sie erhalten nicht nur ihr Kapital zurück und machen Kursgewinne, sondern haben auch noch Bezugsrechte als eine Art Lotterielos.

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Hohe Verluste für Anlegerinnen und Anleger

Lora Dimitrova, die an der Universität Exeter Finanzen unterrichtet, analysierte SPACS der zweiten Generation aus den Jahren 2003 und 2006. Im Schnitt verloren diese sogar 41 Prozent im Wert im ersten Jahr nach dem Merger, während es bei regulären Börsengängen nur 1,3 Prozent waren. Die Wissenschaftler Tim Jenkinson von der Universität Oxford und Miguel Sousa von der Universität Porto studierten SPAC-Merger aus den Jahren 2002 bis 2009. Diese verloren sogar 55 Prozent im ersten Jahr. Sie entdeckten jedoch schon 2011 eine Strategie, wie man von SPACs profitieren kann. Wurden sie kurz nach deren Börsengang gekauft und eine Woche nach dem Verkünden eines potenziellen Übernahmekandidaten verkauft, ließ sich in ihrem Experiment ein Gewinn von 21,6 Prozent realisieren.

Wirecard tickte 15 Jahre

In Börsengängen über Mantelgesellschaften mag so manche Zeitbombe noch schlummern. Bei Wirecard tickte sie 15 Jahre. Dessen Chef Markus Braun hatte den Skandal-Finanzdienstleister 2005 an die Frankfurter Börse geführt – über einen Börsenmantel namens InfoGenie.

Mehr zum Thema: Spezielle Börsenvehikel, SPACs genannt, erleben in den USA und zunehmend auch in Europa einen Boom.

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