Brasilien, China, Russland Das Comeback der Schwellenländer-Aktien

Mit Papieren aus den großen Schwellenländern war in den vergangenen Jahren nicht viel Staat zu machen. Risikobewusste Anleger finden aber interessante Titel. Und China öffnet sogar seine Festlandsbörse – ein wenig.

Der Bullen- und Bärenmarkt steht an der Börse für anhaltend steigende oder fallende Kurse. Quelle: Fotolia

Wer kaufen will, wenn die Kanonen donnern, wie die martialische Börsenweisheit rät, der kann auch ins offene Messer laufen. Zwar machten vom Ukraine-Konflikt und Westboykott betroffene russische Aktien seit ihrem März-Tief bis dato rund ein Viertel gut – aber nur in Rubel. Euro-Anlegern fraß der Verfall der russischen Währung jeden Gewinn auf.

Auch an den beiden anderen großen Schwellenländerbörsen war nicht viel zu holen. Brasilien drückten Wahl und Währungsverluste, in China sehen Aktienanleger trotz massiven Wachstums schon seit sieben Jahren unterm Strich kein Land mehr. Marktkenner üben sich deshalb in Zurückhaltung, investieren nicht breit, sondern selektiv. „Wir machen keine Marktprognosen, sondern suchen nach Unternehmen mit starker Marktstellung und steigenden Gewinnen“, sagt Emil Wolter, Portfoliomanager des Comgest Magellan Fonds, der sich auf Papiere aus Schwellenländern spezialisiert hat.

Putin spricht...

Die Börsen in Brasilien, Russland oder China sind nichts für Anleger, die zum ersten Mal vom Minizins-Sparbuch in Aktien umschichten; die politischen Verhältnisse sind wenig berechenbar, Wirtschaftsstatistiken mit Vorsicht zu genießen, die Transparenz, etwa in den Bilanzen oder was gute Unternehmensführung betrifft, lässt deutlich zu wünschen übrig. Aber „im Vergleich zu anderen Börsen sind die Schwellenländermärkte günstiger bewertet als vor vier Jahren“, sagt Wolter. Damals kam die Hausse in New York, London oder Frankfurt ins Laufen, in São Paulo, Shanghai und Moskau dagegen ging eher wenig.

Wolter von Comgest ist ein klassischer Stock-Picker, wie es im Fachjargon heißt: Er investiert in ausgesuchte Unternehmen, nicht in den Markt. In China etwa hat er den Versicherer China Life gekauft, der vom Wachstum der Mittelschicht profitiere, sagt Wolter. Gut 17 Prozent des Fondsgeldes hat er in chinesische Papiere gesteckt, weil „China einen Plan hat, mit seinen Problemen umzugehen“. Brasilianische Titel stehen an zweiter Stelle mit einem Gewicht von 14 Prozent. Auch von Russlands Aktien hat er sich nicht komplett verabschiedet. Mit sechs Prozent haben sie die sechstschwerste Gewichtung im Fonds.

Russland: Ölpreis drückt

Für die gebeutelte russische Seele ist das Balsam: Kremlchef Wladimir Putin hat die Krim „zurück“ nach Russland geholt, er stoppt die angebliche Expansion des Westens – und die halbe Welt zittert.

Ökonomisch steht Putin allerdings vor den Trümmern seines Wirtschaftsmodells, das letztlich doch stets den Spielregeln des westlichen Kapitalismus folgte. Nach monatelanger Achterbahnfahrt an der russischen Börse warten Anleger nun auf einen stabilen Kompromiss in der Ukraine-Krise und einen Neustart in den Beziehungen zum Westen. Ein Zeichen für den Einstieg in russische Papiere aber fehlt noch. „Es ist eine schwierige Zeit“, gibt Barings-Fondsmanager Matthias Siller zu, „aber ich gehe nicht davon aus, dass Putin seinem Land ökonomisch völlig das Licht ausknipst.“ Russische Titel gehörten „in jedes diversifizierte Portfolio“.

Russlands hat zwei Probleme. Zum einen Putins Politik, zum anderen den niedrigen Ölpreis – und der ist für das rohstofflastige Land eine noch größere Gefahr als Sanktionen oder politische Unsicherheiten. Das Fass der Sorte Ural kostet weniger als 80 Dollar – die Alarmglocken schrillen deshalb unüberhörbar. Denn bei einem Preis unter der 100-Dollar-Marke fehlt dem Staat das Geld für Investitionen und Rentenzahlungen. Das bringt nicht nur Rohstoffunternehmen unter Druck, sondern bremst auch den Konsum und die Stimmung in der Industrie.

„Im Moment würde ich nicht in den russischen Rohstoffmarkt einsteigen“, sagt Jochen Wermuth vom gleichnamigen Vermögensverwalter. „Aber Russland besteht nicht nur aus Öl- und Gasunternehmen. Im Konsumgüter- und Logistiksektor sehe ich langfristige Chancen – erst recht, wenn endlich Reformen in Gang kommen.“

Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus. Russland ist ein Hochrisiko-Investment. Halbwegs sicher ist der IT-Sektor: Entwickler wie die auf den Virgin Islands registrierte Softwareschmiede Luxsoft sind weltweit aufgestellt und so relativ immun gegen das politische Chaos zu Hause. Das gilt auch für die Internet-Dienstleister Yandex und die Mail.ru-Group, die nicht zuletzt dank des Antiamerikanismus am russischen Heimatmarkt ihre Wettbewerber wie Google und Facebook auf Distanz halten.

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