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Brexit US-Milliardärsfamilien wollen vom Brexit-Chaos profitieren

Die Ungewissheit in Sachen Brexit löst im britischen Immobiliensektor Volatilität aus. Zwei amerikanische Milliardärsfamilien begrüßen die Nervosität.

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Der Londoner Finanzbezirk steht angesichts eines drohenden harten Brexits unter Druck. Quelle: Reuters

New York Das „Quay House“ im Londoner Finanzbezirk Canary Wharf ist eine zweistöckige Glasbox, die zwischen einigen der höchsten Gebäuden Europas liegt. Ihre neuesten Besitzer haben große Pläne, die Liegenschaft möglicherweise in ein Hotel zu verwandeln. Im Gespräch ist, das Gebäude höher zu machen, womit es näher an die etwa 180 Meter hohen Nachbar-Objekte herankäme.

Die Immobilie ist der erste Kauf von FirethornTrust, einem Unternehmen, hinter dem zwei amerikanische Milliardärsfamilien stehen: die Van Tuyls, die ihr Vermögen im Autohandel erzielten, und der Stephens-Clan hinter der gleichnamigen Investmentbank.

Sie zweifeln die Prognosen an, dass ein Brexit die Finanzindustrie Großbritanniens ruinieren und die Wirtschaft beeinträchtigen wird. Während das Pfund seit dem Vorabend des Referendums um elf Prozent eingebrochen ist, war die Abschwächung nicht so dramatisch wie der erste Tumult nach der Abstimmung.

Und doch gibt es bedrohliche Anzeichen. Investoren in einem Fonds des Vermögensverwalters Schroders, der einige der teuersten Büros in London besitzt, wollen laut Angaben von Insidern fast ein Fünftel aus dem 1,09-Milliarden-Dollar schweren Portfolio abziehen. Standard & Poor’s hat im vergangenen Monat gewarnt, dass die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits gestiegen ist, was zu einer Rezession führen könnte.

FirethornTrust begrüßt derartige Nervosität. „Der Brexit im gegenwärtigen Status verursacht Unsicherheit“, sagte Peter Mather, einer der Gründungspartner des Unternehmens. „Die Ungewissheit löst Volatilität aus und die Volatilität schafft Chancen.“

Die Stephens und Van Tuyls haben 200 Millionen Pfund (230 Millionen Euro) investiert, um im September den in London angesiedelten Trust zu gründen.

Die Amerikaner sind nicht die einzigen, die die durch den Brexit geschaffenen Chancen im Immobiliensektor nutzen wollen.

Anfang des Jahres hatte die israelische Immobiliengesellschaft Alony Hetz Properties & Investments zugestimmt, bis zu 340 Millionen Pfund zu investieren, um Brockton Everlast zu gründen, das Büros in Großbritannien erwerben und entwickeln will.

Der Brexit kann uns eine Einstiegschance verschaffen, „wo andere Menschen Angst haben und aufgeben wollen“, sagte Moti Barzilay, Executive Vice President bei Alony Hetz. Kontrolliert wird die Immobiliengesellschaft von CEO Nathan Hetz und von David Wertheim, der zusammen mit seiner Schwester Drorit Wertheim auch die israelische Coca-Cola-Franchise besitzt.

Ausländische Investoren sammeln weitere Londoner Büroimmobilien ein und stellten laut Green Street Advisors per 28. August 74 Prozent des Marktes dar, von 67 Prozent Ende 2016. Auf nordamerikanische Investoren entfielen in diesem Jahr 15 Prozent der gesamten Transaktionen, verglichen mit 10 Prozent im Jahr 2017 und 25 Prozent im Jahr 2016.

Die Hälfte aller Investitionen stammte 2018 aus Asien, nach einer Einkaufstour 2017, bei der einige der berühmtesten Gebäude Londons den Besitzer wechselten. Im März letzten Jahres zahlte Cheung Chung-kiu’s CC Land Holdings 1,15 Milliarden Pfund für eines der größten Hochhäuser Londons, das Leadenhall Building, das allgemein als Cheesegrater (Käsereibe) bekannt ist. Vier Monate später erwarb die Immobiliensparte des Austernsaucenherstellers Lee Kum Kee das Walkie Talkie-Gebäude für 1,3 Milliarden Pfund.

Während Brockton Everlast und FirethornTrust nach Schnäppchen in einem chaotischen Markt suchen, sei das Chaos nicht das, was die meisten ausländischen Investitionen in Londoner Immobilien antreibe, sagte Rasheed Hassan, Direktor für grenzüberschreitende Investitionen bei dem Immobilien-Dienstleistungsunternehmen Savills.

„Die Währung ist billig und es gibt immer eine große Sogwirkung nach London“, sagte er.

Die Pfund-Schwäche hält möglicherweise nicht lange an, wenn es eine Vereinbarung zu einem reibungslosen Austritt aus der EU gibt. Aberdeen Standard Investments wettet darauf, dass das Pfund Sterling innerhalb von drei Monaten nach Abschluss eines Deals auf 1,50 USD steigen könnte, was einem Plus von 15 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau entsprechen würde.

Hassan nimmt die Warnung von S&P vor einer Rezession zur Kenntnis, falls das Vereinigte Königreich keinen Brexit-Deal mit der EU erzielt. In diesem Fall könnte auf allen Märkten Chaos herrschen, auch am Immobilienmarkt.

Derartige Aussichten findet Mather von FirethornTrust eher anregend.

„Bei einem sehr reibungslosen Austritt aus Europa, bei dem sich alles normalisiert und sich die Preise halten das wäre nicht gut für uns“, sagte er. „Das hört sich schlecht an, aber: Wenn ich eine weitere Abschwächung bei Immobilien mit dem Katalysator Brexit herbeiführen könnte, würde ich das wollen.“

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