
Russell LaScala hat interessante Augen, das eine blau, das andere grünbraun, ganz so wie die Augen der Poplegende David Bowie – und sie blitzen auf, wenn er sich an die Nacht des EU-Referendums vor einem Jahr erinnert. Das Pfund legte damals in wenigen Stunden eine Achterbahnfahrt hin, erst getragen von der Erwartung auf einen Verbleib der Briten in der EU; doch am Ende sackte die britische Währung auf ein 30-Jahres-Tief, weil die Insel überraschend für den Austritt aus der EU gestimmt hatte. Der 51-jährige New Yorker mit den kantigen Zügen ist Co-Chef des weltweiten Devisenhandels bei der Deutschen Bank und arbeitet in der Regel hier in der Londoner Great Winchester Street.
LaScala sitzt in einem Konferenzraum im achten Stock, er trägt die Uniform der Banker, ein hellblaues Hemd und eine rot-weiß gemusterte Krawatte, er isst ein Sandwich, während er sich erinnert und dabei sparsam gestikuliert.
Es sind keine schlechten Zeiten für Devisenhändler. Nichts fürchten sie mehr als ruhige Märkte, in denen es kaum etwas zu verdienen gibt. Zwar handelt die Deutsche Bank nicht auf eigene Rechnung, doch sie verdient mit, wenn ihre Kunden rege kaufen und verkaufen. Hauptsache, es bewegt sich was, rauf oder runter, darauf kommt es an: dass sich was tut am Markt, dass man auf irgendwas wetten kann, dass es nicht ganz so schlimm kommt wie gedacht oder vielleicht noch viel schlimmer! Unruhige Zeiten, Ungewissheit – für Devisenhändler sind unklare Lagen das, was für Unternehmer stabile Verhältnisse sind: Traumbedingungen für Investitionen.
Der Brexit-Fahrplan
Laut Barnier sollen bis Oktober 2018 die Details für den Austritt Großbritanniens ausverhandelt sein. Der Franzose hat diesen Zeitplan bereits als sehr ambitioniert bezeichnet. Andere Experten halten ihn angesichts der Fülle der Problemfelder für unmöglich. Womöglich wird es deshalb zahlreiche Übergangsfristen von etwa zwei bis fünf Jahren geben.
Die schottische Regierung will im Herbst 2018 ein zweites Referendum über den Verbleib im Vereinigten Königreich abhalten, sobald die Bedingungen für den Brexit klar sind. May hat dies abgelehnt.
Bis März 2019 wäre dann Zeit, damit Mitgliedsländer und EU-Parlament die Vereinbarung ratifizieren. Der Tag des Austritts Großbritanniens aus der EU wäre dann Samstag, der 30. März.
Unklar ist, wann die umfassenderen Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU abgeschlossen sind. May strebt ein Freihandelsabkommen mit der EU innerhalb weniger Jahre an, über das schon parallel zum Brexit verhandelt werden soll. Dagegen verweist die EU-Kommission auf die Erfahrung aus anderen Abkommen wie etwa mit Kanada (Ceta), über das sechs Jahre lang verhandelt wurde. Im Ceta-Vertrag sind allerdings keine Vereinbarungen über den komplexen Bereich der Finanzdienstleistungen enthalten, die für Großbritannien und den Finanzplatz London von enormer Bedeutung sind.
Seit dem Brexit-Votum schwankte die britische Währung ungewohnt heftig: 12 Prozent Verlust gegenüber dem Euro, fast 20 Prozent gegenüber dem Dollar! Und auch seither immer wieder diese Ausschläge, je nachdem, ob die Politik das eine oder andere entscheidet. So war das Pfund im Oktober 2016 nur noch 1,20 Dollar wert, als Premierministerin Theresa May während des Parteitags der Tories einen „harten Brexit“ ankündigte, also den konsequenten Austritt Großbritanniens aus EU-Binnenmarkt und -Zollunion – weil sie sich zu einer strikt regulierten Einwanderungspolitik verpflichtet fühlte.
Und beim mysteriösen Flash Crash am 7. Oktober brach das Pfund zu Beginn des asiatischen Handels sogar um 6,1 Prozent ein, fiel in nur zwei Minuten auf 1,18 Dollar.
Auch die zwischenzeitliche Wende sorgte bei den Devisenhändlern für Auftrieb: Die Annahme, dass May und ihre Partei bei den Wahlen am 8. Juni eine große Mehrheit erzielen werden, stützte die britische Währung in den vergangenen Wochen. Einige spekulierten darauf, dass May künftig weniger Rücksicht auf die Euro-Skeptiker in ihrer Partei nehmen müsse und bei den Austrittsverhandlungen auf einen konzilianteren Kurs einschwenken würde. Wer indes nicht damit rechnete, konnte hernach gute Gewinne einstreichen: May büßte ihre Mehrheit überraschend ein. Die Verunsicherung lastete auf dem Pfund und drehte einmal mehr den Trend.
Und nun? Auf welche Prognosen sollen sich mutige Anleger heute stützen? Von welchen Politkapriolen können sie in den nächsten Wochen und Monaten profitieren? Zwei Jahre, mindestens, wird sich der Austrittsprozess hinziehen. Wie wird die Schlussabrechnung aussehen? Marginalisiert sich die wirtschaftliche Bedeutung des Vereinigten Königreichs ohne die Mitgliedschaft in der EU? Oder eröffnen sich Großbritannien sogar neue Chancen? Was wäre eine Stärkung der Achse London–Washington wert: mit Donald Trump und über ihn hinaus? Nun – den größten Erfolg für mutige Anleger verspricht derzeit wohl die Spekulation auf einen weiteren Abwärtstrend.
Am Freitag, dem 23. Juni, jährt sich das historische Brexit-Referendum zum ersten Mal. Jetzt wird abgearbeitet. Das erste Scheidungsgespräch zwischen London und Brüssel ging am Montag über die Bühne, leidlich harmonisch, feierlich ernst, wie es heißt: Man muss halt miteinander auskommen und beteuert, wie sehr man an einem freundschaftlichen Verhältnis nach der Trennung interessiert ist. Und aus Sicht der Briten läuft es bisher gar nicht so schlecht. Bis zum endgültigen Austritt Ende März 2019 hat das Königreich weiter ungehindert Zugang zum EU-Binnenmarkt. Hinzu kommt, dass das schwache Pfund den britischen Exporteuren Wettbewerbsvorteile verschafft; ihre Waren sind im Ausland billiger. Die Börse jubelt darüber.
Zwar gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftsdynamik abschwächt. Doch die Rezession, vor der Volkswirte im Vorfeld des Referendums gewarnt hatten, ist zunächst einmal ausgeblieben. Mit ihrem schwachen Pfund müssen die Briten für ausländische Waren allerdings mehr zahlen. Die Inflationsrate sprang im Mai auf knapp drei Prozent, der Konsum beginnt bereits zu schwächeln – und wird zur Konjunkturbremse.