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Britisches Pfund Ein Banker im Auge des Brexit-Sturms

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Vom Ergebnis der Volksabstimmung überrascht

Devisenhändler LaScala wurde, wie so viele, vom Ergebnis der Volksabstimmung im Juni 2016 überrascht: „Ich hatte einen starken Sieg für Remain erwartet“, sagt er, „keinesfalls mit einer Mehrheit für den Brexit gerechnet.“ Die Brexit-Nacht wird ihm daher immer im Gedächtnis bleiben: „Dramatisch“ sei es gewesen, erzählt er, obwohl einer wie er starke Nerven hat. In seinen 28 Jahren als Devisenhändler, unter anderem bei Chase Manhattan und der CitiBank, hat er den Schwarzen Mittwoch miterlebt, als George Soros 1992 seine Milliardenwette gegen das Pfund gewann und die britische Währung den Europäischen Wechselkurs-Mechanismus verlassen musste, die Terrorattacken am 11. September 2001 in New York.

Und natürlich den Untergang der US-Bank Lehman Brothers im September 2008, aber auch die radikale Entscheidung der Schweizer Nationalbank, den Franken- vom Eurokurs zu lösen, die die Devisenmärkte im Januar 2015 erschütterte. Der „Brexit“ aber sei dennoch etwas Besonderes gewesen: Ein erwartetes Ereignis nahm eine völlig unerwartete Wendung.

Vielleicht sollten alle künftig weniger auf die Demoskopen achten und sich stattdessen genauer bei Buchmachern umhören, um besser gewappnet zu sein? In den meisten Meinungsumfragen wurde ein knapper Sieg der EU-Befürworter prognostiziert. Bei den Buchmachern in den Wettbüros hingegen wurde zwar das meiste Geld auf „Remain“ gesetzt; nach Köpfen jedoch rechnete eine Mehrheit mit „Leave“.

Dass die Volksabstimmung ein Großereignis mit langer Nachtschicht werden würde, wussten alle in der Londoner City; auch die Deutsche Bank, einer der Topakteure im globalen Devisenhandel, bereitete sich vor. Es habe eine Liste mit mehr als 40 Prüfpunkten gegeben, berichtet LaScala. Getestet wurde unter anderem die elektronische Handelsplattform Autobahn. Würde sie in der Lage sein, den erwarteten Ansturm von Käufern und Verkäufern zu bewältigen? Und dann die Einteilung des Personals: „Jeder wollte in dieser Nacht dabei sein.“ In London werden 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels abgewickelt, weit mehr als in New York; das Pfund Sterling ist nach Dollar, Euro und Yen die meistgehandelte Währung der Welt.

LaScala selbst reiste kurz vor dem Referendum nach New York. Als die Wahllokale in London um 22 Uhr schlossen, war es bei ihm erst 17 Uhr; noch ahnte keiner, wie turbulent die Nacht werden würde. Übrig blieb im großen Handelsraum schließlich eine Truppe von Devisenhändlern: Einige trugen Jeans, andere waren im Anzug gekommen, einer hatte Donuts mitgebracht.

Auch in London blieben die Devisenhändler der Deutschen Bank die Nacht über an Bord. Unter ihnen Tom Rees, Analyst, Anfang 20, Berufsanfänger. Rees war um 20 Uhr ins Büro gekommen. Die Stimmung: erwartungsvoll. „Wir hatten uns monatelang auf das Brexit-Votum eingestellt, waren bestens vorbereitet und in höchster Alarmbereitschaft“, sagt Rees. Auf großen Bildschirmen verfolgten Händler und Analysten die Liveberichte von BBC und Bloomberg.

„Als die Wahllokale schlossen, herrschte die nervöse Zuversicht, dass Remain gewinnen würde“, erinnert sich LaScala. Das Pfund notierte zu diesem Zeitpunkt bei rund 1,47 Dollar. Als eine knappe halbe Stunde später eine Wählerbefragung von 5000 Briten eine 52-prozentige Mehrheit für den Verbleib in der EU signalisierte, schnellte die britische Währung bis auf 1,50 Dollar hoch – den höchsten Stand seit Weihnachten 2015.

Sogar Nigel Farage, der Chef der EU-kritischen UKIP, schien zu diesem Zeitpunkt überzeugt: „Sieht so aus, als ob Remain es schafft.“ So zuversichtlich waren LaScala und seine Kollegen, dass sie das Pfund sich in den nächsten 48 Stunden schon auf ein Niveau von 1,55 oder 1,57 Dollar einpendeln sahen. Was für ein Irrtum.

Denn nach Mitternacht wendete sich das Blatt. Am frühen Morgen traf die Nachricht ein, in der nordenglischen Stadt Newcastle hätten mit 50,7 Prozent viel weniger Wähler als erwartet für den EU-Verbleib gestimmt. Die Ergebnisse aus dem benachbarten Sunderland waren ein noch größerer Schock: 61,3 Prozent für den EU-Austritt. „Wir handelten bei etwa 1,50 Dollar, als die Resultate von Newcastle reinkamen. Die britische Währung schwächte sich daraufhin auf 1,49 Dollar ab und dann – binnen etwa 30 Sekunden – sackte sie auf 1,43 Dollar. Das Tempo war irgendwie beängstigend“, sagt LaScala.

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