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Bundesnetzagentur "Es fehlen Leitungen und Wasserspeicher"

Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, über Regeln gegen Strompreis-Manipulation und die Blackout-Gefahr im nächsten Winter.

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Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur

Wirtschaftswoche: Herr Homann, der Energiekonzern E.On will in Bayern gasbetriebene Kraftwerksblöcke abschalten. Ist die Versorgung im nächsten Winter gefährdet?

Homann: Wir müssen klären, ob es sich um Kraftwerke handelt, die für die Netzsicherheit zwingend erforderlich sind. Sollen solche Kraftwerke am Netz bleiben, wird man sich einer Frage nach einer angemessenen Entschädigung nicht verschließen können. Dies darf jedoch auf keinen Fall dazu führen, falsche Anreize zu schaffen. Die Unternehmen dürfen nicht ermuntert werden, in Erwartung einer Entschädigung Kraftwerksstilllegungen anzukündigen.

Das Stromnetz ist in diesem Jahr nur knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt. Händler an der Börse sollen die für den Folgetag benötigte Strommenge nicht korrekt angegeben haben.

Im Februar war es in der Tat knapp. In einigen Fällen mussten Gaskraftwerke vorübergehend vom Netz genommen werden, weil sie nicht ausreichend mit Gas versorgt werden konnten. Diese Kraftwerke konnten so den benötigten Strom nicht produzieren. Bisher steht fest, dass es in einigen Bereichen zu Unterdeckungen kam. Die Netzbetreiber werten derzeit aus, ob Stromhändler ihre Prognosepflichten verletzt haben.

Geht es etwas genauer?

Die bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass es sich für die Stromhändler finanziell nicht gelohnt hat, auf die Regelenergie zu vertrauen, statt sich an der Börse einzudecken. Zu den Zeiten, in denen die Unterdeckung besonders groß war, lag der Börsenpreis unter dem Preis für die Regelenergie.

Auch wenn sich der Verdacht gegen einzelne Stromhändler als falsch herausstellen sollte – müsste der Stromhandel insgesamt nicht transparenter werden?

Die EU hat 2011 beschlossen, den außerbörslichen Stromhandel stärker zu regulieren. Wir werden Daten über den außerbörslichen Handel sammeln. So lässt sich für jeden Handelstag ermitteln, welche Marktteilnehmer wie viel in wessen Auftrag gehandelt haben. Die verschärfte Regulierung startet 2014.

Warum erst so spät?

Die EU hat zwar einen Rahmen vorgegeben, aber es fehlt noch eine Reihe von praxisnahen Vorschriften. So ist noch unklar, welche Daten im Detail erfasst werden sollen. Auch in Deutschland ist noch einiges zu erledigen. Die Aufgaben von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt müssen aufeinander abgestimmt werden. So soll im Kartellamt eine Markttransparenzstelle eingerichtet werden, die Marktmanipulationen und Insidergeschäfte im Energiegroßhandel verhindern soll. Wir werden bei dieser Transparenzstelle mitarbeiten und uns die Arbeit mit dem Kartellamt teilen.

Netzausbau soll Energiewende retten

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Im März fielen das AKW Brokdorf und ein Umspannwerk in Helmstedt aus, zugleich gab es viel Windstrom. Das Stromnetz stand wieder kurz vor dem Kollaps.

Wir prüfen den Vorfall. Dass es seit dem Beschluss, aus der Kernkraft auszusteigen, immer wieder zu kritischen Situationen kommen würde, war uns bewusst. Auch, dass die Netzbetreiber öfter eingreifen müssen, um Krisen im Netz zu vermeiden. Ob das Konzept langfristig trägt, wird der Winter zeigen.

Wie lange wird es Engpässe geben?

Das hängt vom Tempo des Netzausbaus ab und davon, inwieweit dieser mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt wird. Dies ist bisher zu wenig der Fall. Wir brauchen bei erneuerbaren Energien einen stärkeren Einfluss des Marktes. Es kann nicht sinnvoll sein, dass Wind- und Solaranlagen aufgestellt werden, unabhängig davon, ob es vor Ort wirtschaftlich ist, Ökostrom zu erzeugen, oder ob es einen Netzanschluss für den Abtransport des Stroms gibt. Wenn strategische Leitungen wie die Windsammelschiene von Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg fertiggestellt sind, wird sich die Situation im Netz zumindest regional merklich entspannen.

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Laut Energieagentur Dena wären bis zu 3500 Kilometer Stromleitungen zusätzlich nötig. Wer soll die finanzieren?

Letztlich wird der Stromkunde über höhere Netzentgelte zur Kasse gebeten. Wie viel es tatsächlich kosten wird, hängt von der Länge der neuen Leitungen und der genutzten Technik ab. Dies klärt sich im Sommer im Zusammenhang mit dem Netzentwicklungsplan. Er soll die Stromleitungen identifizieren, die für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sind. Mit ersten Baumaßnahmen ist nicht vor 2014 oder 2015 zu rechnen. Derzeit sind Projekte im Bau, die 2009, also vor dem Reaktorunfall in Fukushima, beschlossen wurden.

Reicht der Netzausbau, um die Energiewende erfolgreich zu bewältigen?

Mit Sicherheit nicht. Wir brauchen auch leistungsfähige Speicher, um Strom aus Wind- und Solaranlagen rund um die Uhr verfügbar zu machen. Wir können nicht einfach überschüssigen Ökostrom nach Skandinavien oder in die Alpenländer schicken, damit er dort in Pumpspeicherkraftwerken geparkt wird, bis wir ihn wieder abrufen. Dafür fehlen Leitungen und Wasserspeicher.

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