Chemieaktie unter Druck Düstere Aussichten für Evonik-Anleger

Aktienverkäufe und Dividenden sollen die Ewigkeitskosten des Kohlebergbaus bestreiten. Ob das klappt? Das Unternehmen ist erfolgreich, aber die Aktie steht unter Abgabedruck. Alternativen sind BASF und Lanxess.

Börse Evonik Quelle: dpa/Montage

Wer an der legendären B1 im Ruhrgebiet lebt, kennt nicht nur die zermürbenden Staus im größten Ballungsgebiet Europas, sondern auch Krater. Einige poppen plötzlich als größere Schlaglöcher auf, andere sind voluminös genug, um gleich mehrere Autos zu verschlingen. So geschehen vor zwei Jahren an der Frillendorfer Straße in Essen oder einst in der Emilstraße in Wattenscheid, als zwei Garagen, ein Auto und elf Tannen begraben wurden.

Schuld an den Kratern sind Bergwerksstollen, die den gesamten Pott durchziehen und auf ewig Kosten verursachen werden. Wenigstens 20.000 Schächte und Stollen im Ruhrgebiet sind einsturzgefährdet. Für Schäden kommt die Essener RAG auf. Unter dem Dach der Ruhrkohle-Nachfolgerin stecken die Reste des subventionierten Steinkohlebergbaus mit seinen Altlasten. Bis 2018 soll die letzte Zeche geschlossen werden. 2019 soll die Altlastenregulierung an die RAG-Stiftung abgegeben werden.

Die Stiftung hat unter ihrem Vorsitzenden, dem Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos), in einer komplexen Transaktion ihre Chemietochter Evonik an die Börse gebracht. Diese soll mit den Erlösen aus Aktienverkäufen an Anleger und Dividendenausschüttungen an die Stiftung dafür Sorge tragen, dass der Steuerzahler aus der Haftung für den Bergbau raus sein wird.

Bis zu 2,5 Milliarden Euro steuerte der Staat in der Vergangenheit jährlich bei, um die Kohleförderung zu stützen und Bergbaulasten abzufedern. Steuergeld, das im Übrigen per Großspende von der RAG auch mal gerne an die beiden Parteien SPD und CDU floss, statt an bergbaugeschädigte Ruhrgebietsbewohner. Müller wurde Hauptsponsor des Fußballvereins Borussia Dortmund: Für zehn Millionen Euro zierte dessen Spielertrikots ein schlichtes Ausrufezeichen – angeblich um die Spannung für die Taufe der Evonik und das Ende der Ruhrkohle AG zu steigern.

Evoniks langer Marsch an die Börse

Der Weg an die Börse für Evonik war voller Irrungen und Hindernisse. Üblicherweise bieten Banken die Papiere Fonds, Pensionskassen und privaten Anlegern innerhalb einer Zeichnungsfrist zu einer bestimmten Preisspanne an. Evonik wurden von der Deutschen Bank und der kleinen Frankfurter Mainfirst seit Ende Februar außerhalb der Börse bei großen institutionellen Kunden untergebracht, nachdem in den vergangenen Jahren mehrere Anläufe an unterschiedlichen Preisvorstellungen der Stiftung und potenzieller Großinvestoren scheiterten. Ein trickreicher Weg, der den Frust des Evonik-Vorstandschefs Klaus Engel über die Bankenkonfusion zeigt.

Seit gut einer Woche ist Evonik nun börsennotiert. Nachdem Großanleger sich letzte Pakete vor der Börsenregistrierung zu einem Kurs von 32,20 Euro sicherten, startete die Aktie an der Börse zu Preisen von 33 Euro. In den vergangenen Tagen bröckelten die Kurse vorübergehend ab.

Evonik bietet mehr als 4800 Produkte der Spezialchemie an und gilt als ausgesprochen innovativ und von dem durchsetzungsstarken Engel gut geführt. Die Palette reicht von Spezialdämmstoffen für Kühlschränke über Kleber für Versandverpackungen bis hin zu anspruchsvollen Kunststoffanwendungen für die Automobilindustrie. Zwölf Prozent des Umsatzes sollen in den kommenden Jahren als Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) hängen bleiben – das ist respektabel. Analysten erwarten zwar für 2013 einen um elf Prozent rückläufigen Nettogewinn. Wegen geringer Zinszahlungen bleibt aber auch die Nettogewinnmarge mit geschätzten 7,5 Prozent insgesamt auf einem hohen Niveau. Die Dividende sollte damit wenigstens, wie schon für 2012, bei 92 Cent je Aktie liegen, mit etwas Luft nach oben.

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