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Corona und die Börse Was die Aktienkurse eigentlich über Wasser hält

Wall Street

In einem exklusiven Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche zeichnet US-Nobelpreisträger Robert Shiller die Entwicklung des amerikanischen Aktienmarkts während der Coronakrise nach. Der Ökonom sagt: Aktienkurse folgen den Nachrichten erst mit Verzögerung – und werden von Geschichten und Narrativen beeinflusst.

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Die Performance der Aktienmärkte während der Coronavirus-Pandemie scheint sich vor allem in den Vereinigten Staaten jeder Logik zu entziehen. Angesichts einer stark rückläufigen Nachfrage, die Investitionen und Beschäftigung mit nach unten zieht, stellt sich die Frage, was die Aktienkurse eigentlich über Wasser hält – und wieso wirtschaftliche Fundamentaldaten und Marktergebnisse derart auseinanderklaffen. Um dieses Rätsel zu lösen, müssen wir uns mit der Massenpsychologie und der Dynamik von Narrativen auseinandersetzen.

Kursbewegungen auf den Aktienmärkten sind größtenteils nicht auf  Nachrichten an sich zurückzuführen, sondern darauf, wie die Anleger die Reaktion anderer Anleger auf diese Nachrichten einschätzen. Das liegt daran, dass die meisten Menschen die Bedeutung von Nachrichten aus Wirtschaft oder Wissenschaft nicht ausreichend beurteilen können. Erst recht, wenn sie ein prinzipielles Misstrauen gegenüber den Medien hegen,  verlassen sie sich tendenziell darauf, wie ihnen bekannte Menschen auf neue Informationen reagieren. Dieser Beurteilungsprozess wiederum braucht Zeit, weswegen die Aktienmärkte nicht so schnell und vollständig auf Nachrichten reagieren, wie es herkömmliche Theorien vermuten ließen.

Die jüngsten Börsenentwicklungen in den USA lassen sich in drei Phasen unterteilen. Am Anfang stand ein Anstieg des Aktienindex S&P 500 um drei Prozent von Beginn der Coronakrise Ende Januar bis zum 19. Februar. Es folgte ein Absturz um  34 Prozent, der bis zum 23. März anhielt. Danach schloss sich eine bis heute andauernde Aufwärtsbewegung und ein Plus von rund 42 Prozent an. Jede dieser Phasen weist  einen Zusammenhang mit bestimmten Nachrichten auf, die den Markt – mit Verzögerung – reagieren ließ.

Die erste Phase begann, als die Weltgesundheitsorganisation WHO das neue Coronavirus zu einer „einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ erklärte. In den darauffolgenden 20 Tagen stieg der S&P 500 jedoch weiter und erreichte am 19. Februar sogar ein Allzeithoch. Anders ausgedrückt: Die Anleger verhalfen trotz der Ankündigung einer möglichen weltweiten Tragödie den Aktien zu einem Höchststand. Die Zinssätze gingen in diesem Zeitraum nicht zurück. Warum hat der Aktienmarkt die bevorstehende Rezession nicht durch rückläufige Kurse vor Einsetzen des Abschwungs „vorhergesagt“? 

Vermutlich konnten die Menschen mit dem Phänomen einer Pandemie schlicht (noch) nichts anfangen. Die meisten Anleger waren zunächst nicht davon überzeugt, dass andere Investoren und die Verbraucher dem Virus Aufmerksamkeit schenken. Die ersten Lockdowns Ende Januar in China fanden in der Weltpresse wenig Beachtung. Die vom neuen Coronavirus verursachte Krankheit hatte nicht einmal einen Namen, bis sie von der WHO am 11. Februar als COVID-19 bezeichnet wurde. In den Wochen vor dem 19. Februar ließ die öffentliche Aufmerksamkeit für zentrale Probleme wie Klimawandel, säkulare Stagnation oder Staatsschulen zwar nach. Beherrschendes Thema in den USA war aber das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump. Viele Politiker fanden es offenbar kontraproduktiv, wegen einer heraufziehenden hypothetischen Tragödie riesigen Ausmaßes die Alarmglocken schrillen zu lassen. Weil es seit der Grippepandemie der Jahre 1918 bis 1920 kaum Erfahrungen mit globalen Seuchen gab, lagen auch keine statistischen Analysen über die Marktauswirkungen solcher Ereignisse vor.

Die zweite Phase am Aktienmarkt begann, als der S&P 500 zwischen dem 19. Februar und 23. März um 34 Prozent abstürzte – ein dramatischer Rückgang, der Ähnlichkeiten mit dem Börsenkrach von 1929 aufwies. Zuvor hatte es jedoch nur eine Handvoll gemeldeter Covid-19-Todesfälle außerhalb Chinas gegeben. Warum also jetzt diese scharfe Reaktion? Die Investoren änderten ihre Meinung nicht aufgrund einer einzigen Nachricht oder Geschichte, sondern wegen einer Konstellation miteinander zusammenhängender Narrative. Am 17. Februar wurde in den Medien erstmals ein Ansturm auf Toilettenpapier in Hongkong erwähnt, woraufhin sich diese Neuigkeit als eine Art Witz wie ein Lauffeuer verbreitete. Freilich wurde nun auch international mehr über die Ausbreitung der Krankheit berichtet. Am 11. März bezeichnete sie die WHO als Pandemie. Die Suchanfragen im Internet für „Pandemie“ erreichten in der Woche vom 8. bis 14. März einen Höhepunkt, die Suchanfragen nach „Coronavirus“ in der Woche vom 15. bis 21. März. Offenbar versuchten die Menschen während dieser zweiten Phase grundlegende Informationen über die Krankheit zu sammeln.

Als der Abschwung auf dem Aktienmarkt seinen Lauf nahm, tauchten lebhafte Schilderungen über die durch den Lockdown verursachten Nöte und wirtschaftlichen Störungen auf.  So wurde von Menschen im abgeriegelten China berichtet, denen nichts anderes übrig geblieben sein soll, als sich von Köderfischchen und Meereswürmern zu ernähren. In Italien kursierten Geschichten von medizinischem Personal, das in überlasteten Krankenhäuser gezwungen war, Patienten auszuwählen, die überhaupt für eine Behandlung infrage kamen. Auch Geschichten über die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre machten nun die Runde.

Der Beginn der dritten Phase, in der der S&P-500-Index zu seinem 40-Prozent-Anstieg ansetzte, war von echten Neuigkeiten aus der Finanz- und Geldpolitik geprägt. Am 23. März, nachdem die Zinssätze auf praktisch Null gesenkt worden waren, kündigte die US-Notenbank Federal Reserve ein aggressives Programm zur Einrichtung besonderer Kreditfazilitäten an. Vier Tage später unterzeichnete Präsident Trump den zwei Billionen Dollar schweren Coronavirus Aid Relief and Economic Security (CARES) Act, ein Konjunkturprogramm mit weitreichenden fiskalischen Anreizen. Diese Maßnahmen und vergleichbare Aktionen in anderen Ländern ähnelten den Vorgehensweisen zur Bewältigung der großen Rezession von 2008/2009. Diese hatten damals zu einem allmählichen, letztlich jedoch enormen Anstieg der Aktienkurse geführt. Der S&P 500 stieg von seinem Tiefststand am 9. März 2009 bis zum 19. Februar 2020 um das Fünffache an.

Die meisten Menschen haben keine Ahnung, was der Plan der Fed vorsieht oder was genau im CARES-Act steht. Aber sie kennen das Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, als diese Maßnahmen offenbar funktionierten. Zugleich erinnern sich die Leute vermehrt an Geschichten über kleinere, aber erhebliche Abstürze an den Aktienmärkten und anschließende kräftige Erholungsphasen, etwa 2018. Mancherorts macht sich „Fear of Missing Out“ (Fomo) breit, also die Angst, etwas zu verpassen. Sie bestärkt Anleger in ihrem Glauben, dass es sicher sei, wieder einzusteigen und dass der Markt 2020 schon ausreichend tief gefallen sei.

In allen drei Phasen des Covid-19-Aktienmarktes sind die Wirkungen von Nachrichten und Narrativen offensichtlich. Allerdings sind Aktienkursbewegungen nicht unbedingt eine logische Reaktion darauf. Tatsächlich sind sie das in den seltensten Fällen.

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