Das nächste Netflix? Was Sie zum Börsengang von Spotify wissen müssen

Der weltgrößte Musikstreaming-Dienst setzt zu seinem seit langem erwarteten Börsengang an. Quelle: Reuters

Flop oder Top? Anlegern bietet Spotify die Chance, so hautnah wie nie am Börsengang mit dabei zu sei. Mit großen Chancen und hohen Risiken.

Der schwedische Musikdienst Spotify will wirklich keine Zeit verlieren. Am Mittwoch reichte das Unternehmen seinen Börsenprospekt bei der New Yorker Börsenaufsicht SEC ein. Der weltgrößte Musikstreamingdienst mit 71 Millionen zahlenden Kunden will unter dem Kürzel „Spot“ den Börsenhandel beginnen. Allerdings auf eine sehr unkonventionelle Weise, die erhebliche Risiken mit sich bringt. Für das Unternehmen und die Aktionäre.

Spotify beantragt ein „direct listing“ - was bedeutet das?

Die Aktien werden im übertragenen Sinne einfach unkontrolliert „auf den Markt geworfen“. Damit wird das übliche Wall Street-Procedere beim Börsengang umgangen, bei dem Emissionsbanken eingeschaltet werden, die Aktien vorab an ihre bevorzugten Kunden platzieren, einen Ausgabepreis festlegen und im Zweifel die Aktie in den ersten Börsentagen stützt, falls es zu erratischen Kursschwankungen kommt. Beim „direct listing“ entscheiden einfach die vorliegenden Kauf- und Verkaufsorder über den ersten Kurs. Außerdem gibt es keinerlei Verkaufsbeschränkungen für Altaktionäre oder eine Beschränkung der ausgegebenen Aktien.

Warum ist das so riskant?

Das Unternehmen strebt eine Bewertung von einer Milliarde Dollar an. Kommt die Erstnotierung aber zum Beispiel an einem Abwärtstag an der New York Stock Exchange, ist ohne stützende Banken das Risiko im Prinzip nach unten offen. Natürlich geht es auch anders herum. Die Kurse könnten irrational hoch einsetzen, um dann immer höhere Verkäufe der Altaktionäre auszulösen, die die Kurse nutzen möchten. Interessierten Aktionären eröffnet sich die ungewohnte Situation, dass sie ganz alleine entscheiden müssen, wie hoch sie den Kurs bewerten. Bei fünf, fünfzig oder 500 Dollar.

Was sind die Rahmendaten?

71 Millionen zahlende Mitglieder, die im vergangenen Jahr rund 4,1 Milliarden Euro (5 Milliarden Dollar) Umsatz in die Kassen spülten. Die Verluste häuften sich jedoch gleichzeitig auf 1,24 Milliarden Euro an, nach 539 Millionen im Jahr 2016 und gerade mal 230 Millionen im Jahr davor. Schuld ist der massive Konkurrenzkampf, der auf dem Streaming-Markt ausgebrochen ist. Apple Music ist der schärfste Konkurrent mit 36 Millionen zahlender Kunden - nach nur drei Jahren. Apple Music schaffte also innerhalb von drei Jahren gut 50 Prozent dessen, wofür die Schweden zehn Jahre gebraucht hatten. Mit deutlichem Abstand folgen Google und Amazon.

Warum wird der Börsengang mit so viel Spannung erwartet?

Der Musikmarkt war eigentlich seit 1999 permanent im Abwärtsstrudel. Erst seit 2015 brachte der Pionier Spotify eine Wende, als immer mehr Nutzer begannen, einen Streamingdienst zu abonnieren statt CDs zu kaufen. Der Streamingdienst könnte für Musik das werden, was Netflix für Video geworden ist. Die Aktienperformance von Netflix ist, inklusive dramatischer Kursschwankungen, atemberaubend, und da will Spotify auch hin. Doch deshalb muss jedoch, wie bei Netflix, zunächst immer mehr in Lizenzen und Marketing investiert werden. Nur so lässt sich Apple in Schach halten - vielleicht. Sony Music ist das einzige große Musiklabel, das noch über fünf Prozent in dem Unternehmen hält.

Was sind grobe Anhaltswerte für Ersteinsteiger?

Spotify nennt eine Bewertung von einer Milliarde Dollar, doch das ist nur ein Platzhalter. Im Börsenprospekt werden private Aktienverkäufe im laufenden Jahr zwischen 90 und 132 Dollar pro Stück genannt. Das Unternehmen weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass diese Privatverkäufe, die den Dienst im Top bereits mit 23 Milliarden Dollar bewerten, in keiner Weise verbindlich sind und „überhaupt nicht oder wenig“ mit den tatsächlichen Kursen zu tun haben können.

Wann kommt die Aktie an die Börse?

Das Datum ist noch offen, aber es sollte sich um Tage oder Wochen handeln.

Wie kann ein vorsichtiger Investor vorgehen?

Zum Beispiel nur einen Teil des geplanten Anlagebetrags, zum Beispiel 20 Prozent, direkt investieren. Steigt die Aktie, ist man auf jeden Fall dabei. Fällt sie dagegen markant zurück, kann neu entschieden werden, ob man nachkauft („verbilligt“) oder zuerst einmal abwartet.

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