Dax Aufwärts mit Angst

Sell in may and go away - die Börsenregel war noch nie so falsch wie in dieser Woche. Der Dax knackt neue Rekordmarken, in den USA nimmt der Dow Jones die eindrucksvollen 15.000 Punkte. Warum Aktien steigen und  die Rally weiter laufen wird.

Aufmacher Dax 8200 Quelle: dpa/Montage

8.000 genommen, 8.200 genommen, die 8.600 im Visier: Der Dax ist nicht zu halten. Die meisten Privatanleger sind nicht dabei - oder haben Sie schon mal wieder jemanden im Bus oder auf der Party über seine Aktiengewinne reden hören? In der letzten richtig großen Hausse vor dem Jahr 2000 war das so. Profis, Banken und Fonds sind an der Börse noch weitgehend unter sich. Sie spielen den Draghi-Bernanke-Put. Ein Put erlaubt einem Spekulanten, seinem Kontrahenten Papiere aufs Auge zu drücken. Will heißen: Wenn es eng wird für Börsen und Weltwirtschaft, dann werden die Chefs der Notenbanken Fed und EZB schon Papiere kaufen, also Geld in die Märkte pumpen. Assistiert werden sie neuerdings auch von Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda, der jede Woche seine geldpolitische Bazooka abfeuert - also die Märkte mit billigen Yen flutet. Hedgefonds und Banken machen den Carry-Trade: In Japan billig Geld leihen und es lukrativ in Risikopapieren, vor allem Aktien, anlegen. Nirgendwo auf der Welt aber kommen sie so komfortabel rein und raus wie in die Dax-Aktien.

Wie der Computerhandel Börsencrashs auslöst
Chinas Aktienindex SSE ist am Freitag innerhalb von drei Minuten durch die Decke gegangen. Unzählige Kaufanfragen der Firma Everbright Securities trieben den SSE um 5,6 Prozent in die Höhe. Der Grund für die Börsenturbulenz war eine Computerpanne, die eine unbeabsichtigte Order auslöste. Am Ende des Tages schloss der SSE mit einem Verlust von 0,6 Prozent. Mittlerweile ermitteln die Aufsichtsbehörden in dem Fall. Es ist jedoch nicht das erste Mal in der Geschichte des Börsenhandels, dass Computer für unbeabsichtigte Käufe sorgen. Im Normalfall geht es für die Indizes dann jedoch nicht nach oben, sondern nach unten... Quelle: REUTERS
Ein Aktienmakler haelt sich an der Frankfurter Boerse die Haende vor das Gesicht, Quelle: AP
6. Mai 2010 14:30 bis 15:00 UhrComputerprogramme identifizieren eine Gewinnchance. Sie schicken massenweise Verkaufsaufträge an die New Yorker Börse, wo Käufer scheinbar überteuerte Preise zahlen. (Grafik: Maximaler Tagesverlust ausgewählter Aktien am 6. Mai 2010 in Prozent) Ausgeführt werden die Order jedoch zu den Preisen der tatsächlich vorliegenden, deutlich niedrigeren Kaufaufträge. Viele Verkaufsorder können mangels Käufern an der Wall Street gar nicht ausgeführt werden. Sie werden an andere Handelsplätze weitergeleitet. Eine Abwärtsspirale setzt ein. Bei einzelnen Aktien, wie bei der Unternehmensberatung Accenture, kommen mangels Käufern selbst niedrigste Kaufaufträge zu 0,01 Dollar zum Zuge. Diese Aktien sind kurzzeitig fast wertlos.
Accenture-Aktie, 6. Mai 2010 14:30 bis 15 UhrDie Aktie des Unternehmensberaters begann den Tag bei etwa 40 Dollar. Die Grafik der SEC-Ermittler verdeutlicht das Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsaufträgen. Die grünen Balken oberhalb der Nulllinie stehen für Kauforder, die blauen Balken für Verkaufsorder. Die rote Linie steht für die Differenz aus ausgeführten Kauf- und Verkaufsaufträgen. Die dünne gestrichelte Linie markiert den Kurs der Accenture-Aktie. Nach wachsendem Verkaufsdruck bricht die Liquidität am Markt komplett ein. Die Accenture-Aktien sind im freien Fall, der Kurs sackt bis auf 0,01 Dollar ab, weil es keine Käufer gibt. Kurzeitig stehen weder Aktien auf der Kauf- noch auf der Verkaufsseite. Dann kehrt die Liquidität an den Markt zurück, der Kurs erholt sich.
6. Mai 2010 14:42 UhrVon 14:42:46 Uhr an zeigen die Kurssysteme der New Yorker Börse Daten nur noch zeitverzögert an, etwa für die General-Electric-Aktie (Grafik: Kauforder für die General-Electric Aktie in Dollar in New York und an der Computerbörse Nasdaq). Den Datenstau haben Computerhändler mit ungewöhnlich vielen stornierten Order verursacht. Laut Nanex stauen sich die Daten an der New Yorker Börse schon, wenn mehr als 20.000 Kurse pro Sekunde festgesetzt werden. Die veralteten Kursdaten sind jedoch mit der aktuellen Zeit versehen, so dass andere automatische Handelsprogramme sie für aktuell halten. Verglichen mit aktuellen Kauforder an anderen Börsen, etwa der Computerbörse Nasdaq, sind die Kaufaufträge an der New Yorker Börse am 6. Mai viel zu hoch.
Käufe und Verkäufe zu Preisen, die mehr als 60 Prozent unter dem eigentlichen Marktpreis liegen, werden später annulliert. Neben Aktien sind vor allem börsengehandelte Indexfonds (ETFs) betroffen (Grafik: Welche Wertpapiertypen am stärksten vom Flash Crash betroffen waren in Prozent). Da sie den Wert eines Aktienkorbs abbilden, hinkt ihr Preis den Kursen der einzelnen Aktien leicht nach. Das macht es Computern in Ausnahmesituationen wie am 6. Mai besonders einfach, auf weitere Kursverluste zu spekulieren.
6. Mai 2010 20:30 bis 20:45 UhrFast 1000 Punkte im Minus: Solch erdrutschartige Verluste musste der Börsenbarometer lange nicht erleiden - jedenfalls nicht in so kurzer Zeit. Zeitweise lag der Leitindex der größten Industriewerte Dow Jones Industrial (Kursverlauf am 6. Mai 2011 im Bild) neun Prozent im Minus. 862 Milliarden Dollar Börsenwert haben sich da in Nichts aufgelöst. Die Börsenaufsicht ist alarmiert, sie setzt den Handel von fünf Aktien zeitweise aus. Nach einer Viertelstunde war der Spuk vorbei.
Wertpapierhaendler und Besucher stehen am Montag (23.05.11) am Parketthandel der Deutschen Boerse in Frankfurt am Main und schauen auf die DAX-Anzeigetafel Quelle: dapd

Geldschwemme und sinkende Gewinne

Das billige Geld treibt die Börse. "Der starke Rückenwind der Liquidität gibt den Märkten genug Impulse, um den laufenden Trend fortzusetzen, trotz fundamentaler Zweifel", schreibt Roger Peeters, Chefanalyst des Brokers Close Brothers Seydler, im Morning-Report an seine Investoren. "Trotz fundamentaler Zweifel" - das ist der Schlüssel, der die Hausse erklärt: Denn die Konjunkturdaten sind durchwachsen - bestenfalls¸ die Stimmung in der Wirtschaft ist alles andere als euphorisch. Das ist das Beruhigende an dieser Hausse: Niemand flippt aus, der Dax schafft es zwar wieder in die Nachrichten und auf Seite eins der "Bild-Zeitung", aber nur klein, nicht als brüllender Aufmacher.

Selbst die notorisch optimistischen Aktienanalysten schrauben ihre Prognosen darüber, was die Unternehmen in diesem  Jahr verdienen werden, ständig zurück, bei BASF zum Beispiel seit Dezember um zehn Prozent, bei Lanxess sogar um rund ein Drittel. Die Kurse aber steigen trotzdem. Höhere Kurse, weniger Gewinn: Gemessen an ihren Kurs-Gewinn-Verhältnissen werden Aktien dadurch teurer, aber im Schnitt noch längst nicht so teuer wie vor den letzten Einbrüchen.

Diese Dax-Aktien sollten Anleger halten

Die Angst schwingt mit

Seit der Dax die magischen 8.000 - erstmals im März, dann mit Anlauf  jetzt im Mai - geknackt hat, denken alle mit etwas mehr Börsenerfahrung an die Jahre 2000 und 2007, als es jedem, der nach 8.000 Punkten nicht verkaufte, ganz übel erging. Und: "Diesmal ist alles anders" zu sagen, hat sich an der Börse schon immer gerächt. Crash-Gründe gibt es tatsächlich zuhauf; wenn in China wieder ein Sack Reis umfällt, das nächste Zypern aufpoppt oder die USA mit ihren kruden Statistiken wieder mehr Arbeitslose melden, werden viele einen Grund finden, Gewinne mitzunehmen.

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