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Dax-Ausblick Noch einen Schritt weiter

Kaum hat die EZB die Zinsen gesenkt, werden neue Forderungen laut. Die Notenbank müsse nachlegen, verlangen Experten. Und Börsianer hoffen schon auf die nächste Geldspritze. Ein letztes Mittel bleibt noch.

Quelle: Getty Images

DüsseldorfWie weit kann die Europäische Zentralbank noch gehen? Es ist nicht einmal zwei Wochen her, dass die Währungshüter ein Bündel von Maßnahmen präsentierten. Dazu zählten eine weitere Zinssenkung, langfristige Kredite zum Nulltarif und Strafzinsen für Einlagen. So wollte man die europäischen Banken animieren, mehr  Geld unter die Leute zu bringen, was wiederum die Konjunktur stimulieren soll.

Die erste Reaktion an den Finanzmärkten: In Frankfurt stieg der Dax über 10.000 Punkte. Die Entscheidung wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nur kurz. Inzwischen werden die Stimmen lauter, die noch mehr von der Notenbank fordern. Am lautesten nörgelt der Internationale Währungsfonds unter der Führung der Französin Christine Lagarde. „Falls die Inflation hartnäckig niedrig bleibt, sollte die EZB ein großangelegtes Programm zum Aufkauf von Assets in Erwägung ziehen“, riet der IWF in der vergangenen Woche. „Das würde das Vertrauen stärken, die Bilanzen von Unternehmen und Haushalten verbessern und die Kreditvergabe durch Banken anregen.“

Der Ankauf von Anleihen und anderen Wertpapieren ist wohl das letzte Mittel, das der Zentralbank noch bleibt. Anleihekäufe mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu drücken, könnten die so gefürchtete Spirale aus fallenden Preisen und sinkender Nachfrage verhindern. Die Notenbanken in den USA, Großbritannien oder Japan haben dieses Mittel, das sogenannte Quantitative Easing (QE), bereits reichlich eingesetzt. Auch innerhalb der EZB gibt es Befürworter eines QE. EZB-Chef Mario Draghi hatte schon bei der jüngsten Zinsentscheidung angekündigt: „Wir sind noch nicht fertig.“

Die Gegner kommen aus Deutschland: Jens Weidmann, Bundesbank-Präsident und Mitglied im Rat der EZB, warnte, man müsse aufpassen, nicht zu sehr in Marktprozesse einzugreifen und auf diese Weise schädliche Verzerrungen zu erzeugen. Ähnlich besorgt zeigte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: „Auf die Dauer ist das Maß an Liquidität zu groß und das Zinsniveau zu niedrig.“ Auf dem Immobilienmarkt gebe es bereits Anzeichen „für Preisentwicklungen, die gefährlich sind“, so Schäuble.

QE ist erstens rechtlich umstritten – es grenzt an indirekte Staatsfinanzierung durch die Notenbank, die eigentlich verboten ist. Zweitens ist auch die Wirksamkeit umstritten, besonders innerhalb der Euro-Zone. Hier gibt es keinen Markt mit nichtstaatlichen Wertpapieren, der so groß wäre, dass Aufkäufe durch die Notenbank einen durchschlagenden Effekt hätten. Und drittens können Niedrigzinsen und billiges Geld unschöne Nebenwirkungen haben. Es besteht die Gefahr, dass das Geld an der falschen Stelle ankommt, dass vor allem Börsenkurse und Häuserpreise steigen.


Kursgewinne beruhen auf expansiver Geldpolitik

Wer in Aktien investiert hat, wird den Notenbanken dankbar sein. „Die Kursgewinne am deutschen Aktienmarkt sind in erster Linie auf die expansive Geldpolitik der EZB zurückzuführen“, sagt Markus Wallner von der Commerzbank.

Nach Berechnungen der Commerzbank ist der Anstieg des Dax in den letzten zwölf Monaten zu über 70 Prozent durch eine höhere Bewertung – also ein Anstieg des Kurs-Gewinn-Verhältnisses – bedingt. Nur knapp 30 Prozent erklären sich durch höhere Gewinnerwartungen. Daran dürfte sich auch in nächster Zeit nichts ändern. Angesichts der durchwachsenen Unternehmensergebnisse für das erste Quartal, so vermutet Wallner, dürften die Analysten ihre Gewinnerwartungen eher weiter nach unten revidieren.

Ob es an den Börsen weiter nach oben geht, hängt also einmal mehr an der EZB – und den anderen großen Notenbanken. In den USA hat Notenbankchefin Janet Yellen gerade erst verkündet, dass das Geld noch lange billig sein wird. Noch Ende 2016 dürften die Zinsen „weit unter den langfristig normalen Werten“ liegen, erklärte Yellen.

Yellen löste mit ihren Äußerungen zunächst einen weiteren Rekord beim US-Aktienindex S&P 500 aus, der die Werte der größten börsennotierten amerikanischen Unternehmen umfasst. „Ich denke, diese Hausse ist noch nicht zu Ende“, sagt Steven Einhorn vom Hedgefonds Omega Advisors. Dieses Jahr seien noch Kurssteigerungen von drei bis fünf Prozent möglich. „Wir glauben weiter daran, dass wir mitten in einem der größten Bullenmärkte unseres Lebens sind“, prophezeit Börsianer Rich Bernstein.


Die wichtigsten Termine

Wie es um die Wirtschaft der Euro-Zone bestellt ist, dürften die zahlreichen Indikatoren zur Unternehmensstimmung zeigen, die in der neuen Woche veröffentlicht werden. Analysten rechnen damit, dass die Einkaufsmanagerindizes für den Service-Sektor und das Verarbeitende Gewerbe im Juni leicht zurückgegangen sind. Der Ifo-Index in Deutschland (Dienstag) sollte sich laut einer Reuters-Schätzung ebenfalls auf 110,2 von zuvor 110,4 Zählern eingetrübt haben. „Damit erholt sich die Euro-Wirtschaft zwar weiter. Das Tempo bleibt aber quälend langsam“, urteilt Commerzbank-Analyst Christoph Weil. Für einige Marktbeobachter steht daher fest, dass Spekulationen auf weitere EZB-Maßnahmen neue Nahrung erhalten dürften.

Hans-Jörg Naumer, Volkswirt von Allianz Global Investors, sieht den am Freitag anstehenden Daten zu Verbraucherpreisen mit gemischten Gefühle entgegen: „Verringert sich die Jahresveränderungsrate wieder, nährt sie die Sorge um eine Deflation aber auch gleichzeitig die Hoffnungen auf mehr billiges Geld der EZB. Steigt sie überraschenderweise stärker, ist das sicher ein erfreuliches Anzeichen, dass die Niedriginflationsphase sich nicht ins Negative verkehrt, aber dann kommen die Sorgenfalten, die EZB könnte am Ende doch weniger aggressiv unterwegs sein.“

In den USA stehen unter anderen die Auftragseingänge langlebiger Güter (Mittwoch) und die Ausgaben der privaten Haushalte auf der Agenda (Donnerstag). Die Verfassung der US-Konjunktur ist entscheidend für die weitere Zinspolitik der US-Notenbank Fed. Bislang peilen die meisten Geldpolitiker eine Zinserhöhung erst für nächstes Jahr an. Am Mittwoch hatte die Fed ihren Leitzins auf dem historisch niedrigen Niveau von null bis 0,25 Prozent belassen.

Auf Unternehmensseite dürfte es in der neuen Woche ruhig bleiben. Unter anderem laden die Biotechfirma Qiagen, der Maschinenbauer Krones und ProSiebenSat.1 zur Hauptversammlung. Darüberhinaus gibt am Mittwoch der Dachpfannen-Herstellers Braas Monier sein Börsendebüt.

Weiter für Gesprächsstoff dürfte zudem der Bieterstreit um die französische Industrie-Ikone Alstom sorgen. Siemens und sein japanischer Partner Mitsubishi Heavy Industries (MHI) hatten am Freitag eine nachgebesserte Offerte von General Electric gekontert. Der Alstom-Verwaltungsrat will spätestens am Montag eine Entscheidung treffen.

Mit Material von Reuters

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