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Dax-ETF Das droht Aktionären, wenn Lufthansa aus dem Dax fliegt

Eigentlich wird der Dax jährlich im September neu gemischt, quartalsweise überprüft die Deutsche Börse die Zusammensetzung anhand der Marktkapitalisierung des Streubesitzes und der Börsenumsätze. Wer hinter Rang 45 liegt und die Lufthansa liegt weit dahinter, fliegt raus. Quelle: REUTERS

Die Lufthansa muss den Deutschen Aktienindex nach fast 32 Jahren erstmals verlassen. Auch Gründungsmitglieder wie Thyssenkrupp, Commerzbank und Karstadt haben das hinter sich. Lohnt sich ein Dax-ETF, wenn die Oldies raus sind?

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Die Coronakrise schüttelt den Deutschen Aktienindex durch, nicht nur bei den Kursen geht es runter und rauf, auch die Mitglieder werden neu gemischt. Mit der Deutschen Lufthansa steigt ein weiteres Gründungsmitglied nach fast 32 Jahren Indexmitgliedschaft aus der ersten Börsenreihe ab. Die Lufthansa ist mit nur noch knapp 4,9 Milliarden Euro Börsenwert ein Leichtgewicht geworden.

Der Aktienkurs der Lufthansa hatte sich gegenüber dem Jahresstart zeitweise halbiert. Der Rauswurf aus dem Dax ist allerdings nur das kleinere Übel für die Aktionäre. Hätte nicht der Staat die Airline mit einem insgesamt 8,7 Milliarden Euro schweren Kredit- und Beteiligungspaket vor der Insolvenz gerettet, stünde die Aktie heute nicht bei rund zehn Euro – sondern vielleicht nur noch bei einem Euro.

Aber mit diesem aktuell mickrigen Börsenwert hat die Airline im Dax dennoch nichts mehr zu suchen und verlässt ihn am 22. Juni. Eigentlich wird der Dax jährlich im September neu gemischt, quartalsweise überprüft die Deutsche Börse die Zusammensetzung anhand der Marktkapitalisierung des Streubesitzes und der Börsenumsätze. Wer hinter Rang 45 liegt – und die Lufthansa liegt weit dahinter – fliegt raus. Neu in den Dax aufgenommen wird Immobilienvermieter Deutsche Wohnen – nach Vonovia bereits der zweite Großvermieter im Aktienindex.

Der Dax-Abstieg der Lufthansa ist für den Aktienkurs zunächst ein Nachteil, weil die Aktien damit auch aus Indexfonds entfernt werden, die sich am Dax orientieren. Der Dax mit den 30 größten Aktiengesellschaften der Republik wird weltweit von Geldverwaltern und Investoren aufmerksam verfolgt. Wer drin ist, der wird stärker analysiert, bei ihm wird tendenziell mehr investiert. Die Dax-Index-ETF, die konsequent immer nur die 30 Dax-Mitglieder im Depot halten, haben insgesamt ein Volumen von 13,8 Milliarden Euro, das sie auf die Aktien verteilen. Die ETF für den Index der zweiten Reihe, den aus 60 Titeln zusammengestellten MDax, können hingegen nur insgesamt 2,5 Milliarden Euro auf die doppelte Anzahl von Aktien verteilen. Im Dax war die Lufthansa allerdings der kleinste Wert und damit bekam sie von den Milliarden nicht so viel ab. Die Auswirkungen des Abstiegs auf den Aktienkurs könnten dadurch begrenzt bleiben.

Für viele Anleger war die zweite Börsenreihe in den Vorjahren allerdings erste Wahl, hier erzielten sie höhere Gewinne als im Dax. Die Lufthansa bekommt, um im Airlineslang zu bleiben, am Aktienmarkt künftig keinen Platz mehr am leicht erreichbaren Terminal 1, sondern muss sich mit einem der hinteren Abfluggates begnügen – wie die Billigflieger am Frankfurter Flughafen. Ihre Gates sind versteckter und umständlicher zu erreichen, dennoch werden sie von Reisenden viel genutzt. Auch am Aktienmarkt machen sich manche aktive Geldmanager die Mühe, diese Ecken des Marktes auszuleuchten, um interessante Titel aufzuspüren. Immer wieder gibt es viele gute Gelegenheiten, entweder mit gutem Timing kurzfristig Gewinne zu erzielen oder auf den langfristigen Erfolg zu wetten.

Prestigeträchtig ist ein Sitz im Dax zwar, aber auch kein Erfolgsgarant. Allgemein lässt sich aus Indexveränderungen kaum ein Rückschluss auf die Kursentwicklung der Aktien ziehen. Zuletzt haben sich Indexabsteiger sehr schwach entwickelt und ein höheres Minus gehabt als der Index (siehe Tabelle). Darin lässt sich aber kein eindeutiger Trend erkennen. Denn bei einer Untersuchung im Jahr 2017 etwa hatten sich alle Dax-Absteiger seit der Finanzkrise im MDax sehr gut entwickelt. Nicht die Aufsteiger entpuppten sich im Dax als Überflieger, sondern die Absteiger, die im MDax oder TecDax gelandet waren. Logisch: Denn Unternehmen, die in den Dax aufsteigen, haben meist schon eine beachtliche Wertsteigerung hinter sich, die den Aufstieg erst ermöglicht. Danach geht ihnen häufig die Puste aus. Entdecken aktive Fondsmanager dagegen das Potenzial eines aktuell weniger wertvollen Unternehmens und investieren, spricht sich der Erfolg häufig herum und auch andere Geldverwalter werden auf die Chancen aufmerksam. Da weltweit noch mehr Geld aktiv angelegt wird und nicht nur in Index-ETF wandert, haben also auch Aktien in der zweiten Reihe gute Kurschancen. Da Dax-Absteiger oft erst aus dem Index fliegen, wenn der Kurs schon sehr stark gefallen ist, findet eine Erholung daraufhin in der zweiten Börsenreihe statt. Ein Paradebeispiel dafür ist der Chiphersteller Infineon, der während seiner halbjährigen Mitgliedschaft im TecDax 2009 um 400 Prozent zulegte.

Einen solch rasanten Aufstieg erwartet von der Lufthansa allerdings kaum jemand. Das Schicksal der Lufthansa ist eng mit Corona verbunden: Der Luftverkehr wurde komplett lahmgelegt und läuft gerade erst sehr langsam wieder an. Viele Dienstreisen werden durch Videokonferenzen ersetzt, die Klimadebatte setzt Fluggesellschaften unter Druck. Auf Nachhaltigkeit bedachte Unternehmen werden Dienstflüge so gut es geht vermeiden – im inzwischen allgegenwärtigen Klima-Scoring durch Nachhaltigkeitsagenturen bringt das Pluspunkte, mit denen sich Unternehmen wiederum bei Investoren beliebt machen.

Lufthansa kann bestenfalls die Konjunkturschwäche überstehen und beim nächsten Aufschwung wieder dabei sein. Für die Wette darauf ist der momentan niedrige Börsenwert von unter fünf Milliarden Euro zwar ein Argument, aber nur ein ganz schwaches. Die Aktie ist etwas für sehr risikobereite Spekulanten oder sehr geduldige Investoren. „Sollte die Deutsche Lufthansa mit einem blauen Auge aus der Krise kommen, stellt sich die Frage nach der Größe der zukünftigen Flugkapazitäten, schrieb Vanessa Golz, Spezialistin Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment zur Hauptversammlung vor einem Monat. Entscheidend sei, wie sich die Lufthansa positioniert, wenn der Markt sich künftig bereinigte und es zu Zusammenschlüssen europäischer Airlines käme. Bei der Privatbank Berenberg hält Analyst Adrian Yanoshik den freien Cashflow sowie die Margen der Lufthansa für nicht attraktiv und rät zum Verkauf der Lufthansa-Aktie. Mit einer Dividende können Anleger zudem auch erst dann wieder rechnen, wenn die Lufthansa ihre Rettungs-Kredite zurückgezahlt hat – frühestens wohl 2024.

Macht der Abflug des Kranichs den Dax jetzt also wieder interessanter für Anleger? Nicht unbedingt. Mit seinen nur 30 Aktien gilt der Dax als nicht besonders gut gemischter Index. Schwergewichte im heimischen Leitindex sind SAP, Linde, Siemens, Deutsche Telekom und Allianz, die international durchaus in der Top-Liga mitspielen. Aber für Marc Decker, Leiter Asset Management bei Merck Finck Privatbankiers in München, klingen viele der im Dax versammelten Unternehmensnamen eher nach einem Museum der Deutschen Wirtschaft als nach einem Innovationszentrum. Denn der sei immer noch recht altmodisch zusammengesetzt. Da ist was dran: Denn etwa der US-Leitindex S&P 500 sowie der US-Technologieindex Nasdaq haben den Dax längst in der Entwicklung abgehängt. Angefeuert werden die Märkte von den Technologieriesen Facebook, Amazon, Alphabet, Netflix sowie Microsoft. Dem Nasdaq Index haben auch in der Coronakrise viele Biotech-Überraschungen geholfen, sich rasch von dem März-Crash zu erholen.

„Der Dax ist nach wie vor stark durch die Old Economy geprägt“, sagt Decker. Zwar habe die große Indexreform der Deutschen Börse schon im Jahr 2018 die strikte Trennung zwischen reinen Techunternehmen, die häufig im Tec-Dax unter dem Radar flogen, und Industrieunternehmen aufgehoben. Doch seien mit SAP und Infineon auch heute nur zwei wirklich schwergewichtige Technologiefirmen im DAX zu finden. Zwar hätten viele Industriekonzerne überzeugende Innovationen vorzuweisen, doch stehe ihnen oft ein tiefgreifender Wandel bevor. „Technologische Innovationen finden oftmals in kleineren Einheiten statt, die in Familienbesitz sind oder aber in anderen Börsensegmenten zu finden sind“, meint Decker. Wer in die Zukunft der deutschen Wirtschaft investieren möchte, sollte also nicht nur auf den Dax setzen, darf andere Börsensegmente nicht ignorieren. Der TecDax etwa hat sich ähnlich stark entwickelt wie US-Technologieindizes.

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