Dax-Konzerne Schwacher Euro beschert Rekordstart

Beflügelt vom schwachen Euro legen Deutschlands Großkonzerne einen Rekordstart ins Jahr 2015 hin. Doch der Wertverlust der Gemeinschaftswährung hat auch seine Schattenseiten.

Logos Dax-Konzerne Quelle: dpa

Die Branchen könnten kaum unterschiedlicher sein - dennoch haben Linde, BMW, SAP oder Bayer etwas gemeinsam: Der schwache Euro hat im ersten Quartal die Geschäfte der Dax-Konzerne kräftig beflügelt. Manchem Unternehmen wie dem Nivea-Hersteller Beiersdorf rettete der niedrigere Kurs der Gemeinschaftswährung gar den Jahresauftakt. Doch nicht alle deutschen Börsenschwergewichte profitieren vom Wertverlust des Euro gegenüber Dollar und Co.

Insgesamt war der Jahresauftakt nach Berechnung der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) für die Dax-Größen bei Umsatz und Gewinn das beste erste Quartal überhaupt. Der Umsatz stieg zusammengerechnet um neun Prozent auf 336 Milliarden Euro. Die Abwertung der europäischen Gemeinschaftswährung sorgte quasi für ein kleines Konjunkturprogramm. Exporte außerhalb der Eurozone erhielten dadurch einen Schub, weil deutsche Waren dort billiger wurden und die Nachfrage nach ihnen anzog.

Was Analysten für 2015 erwarten
Deutsche BankDie Anlagestrategen sind verhalten optimistisch, zumindest was den deutschen Aktienmarkt angeht. Ende 2015 sehen sie den Dax bei 11.500 Punkten. Während die USA mit einem prognostizierten Wachstum von 3,5 Prozent zur Lokomotive werden dürfte, rechnen die Analysten für Deutschland nur mit einem Plus von 0,8 Prozent. Zugewinne könnte es dank des schwachen Euro bei exportorientierten Industrien geben. Ende 2015 sieht die Deutsche Bank den Euro bei 1,15 Dollar. Anleihen werden dagegen nicht mehr so attraktiv sein. Die Renditen bleiben extrem niedrig, Chancen gibt es lediglich bei US-Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Auch Schwellenländeranleihen könnten für Risikofreudige interessant werden. Insbesondere Indien wird für die Deutsche Bank zur attraktiven Region. Quelle: REUTERS
Der Vermögensverwalter Allianz Global Investors ist ein Tochterunternehmen der Allianz. Quelle: imago
CommerzbankDie Commerzbank sieht den Dax Ende 2015 bei 10.800 Punkten, ist also nicht ganz so optimistisch wie die Deutsche Bank, was den Leitindex angeht. Einig sind sich beide aber, was mögliche Staatsanleihekäufe der EZB angeht. Mit einem sogenannten Quantitative Easing (QE) rechnen beide Institute in der ersten Jahreshälfte. Anschieben könnten den Dax steigende Unternehmensgewinne dank des schwächeren Euro. Das könnte auch Dividenden begünstigen. Die Bank rechnet für den Dax mit einer Dividendenrendite von knapp über drei Prozent. Besonders hohe Dividendenrenditen erwarten die Analysten bei Medienpapieren wie Freenet und RTL sowie Immobilienkonzernen wie DIC Asset oder TAG. Als negative Einflussfaktoren verweist die Commerzbank nicht nur auf die wahrscheinliche Zinserhöhung der Fed, sondern auch auf niedrigere Wachstumsraten in China. Quelle: dpa
Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)Was den Dax betrifft ist die Landesbank etwas pessimistischer als die Großbanken. Relativ konservativ rechnet sie mit einer Spanne zwischen 8300 und 10.000 Punkten. Zwar erwarten die Analysten eine leichte Erholung der Weltwirtschaft, einen breiten Aufschwung sehen sie allerdings nicht. Lediglich hinsichtlich der USA scheinen sich alle einig zu sein, auch die Helaba erwartet ein Wachstumsplus von rund drei Prozent für die größte Volkswirtschaft. Für Deutschland erwartet die Landesbank ein Plus von 1,3 Prozent - mehr als die Deutsche Bank. Im Portfolio rät die Helaba zu einer leichten Anhebung der Aktienquote. Anleihen sollten dagegen zugunsten von Immobilien leicht reduziert werden. Quelle: dpa
Julius BärDie Schweizer Privatbank sieht die Devisenmärkte und Wechselkursentwicklungen ebenfalls im Fokus der Entwicklungen des nächsten Jahres. Auch die Schweizer sehen die USA als Wachstumsanführer, während die Euro-Zone mit einem Plus von nur 0,8 Prozent eher ein Bremsklotz ist. Die schwächelnde Nachfrage der Euro-Zone sei vor allem für die Schweiz ein Nachteil, heißt es. Für Investoren dagegen gelte es, Kurs zu halten, liquide zu bleiben und nach Wachstumsthemen Ausschau zu halten, so die Analysten. Mögliche Bereiche für Wachstumsthemen sind laut den Privatbankern E-Autos, digitale Technologien, Energieinfrastruktur und Bildung. Quelle: REUTERS
FidelityDie Fondsgesellschaft gibt sich optimistisch, auch für Deutschland. "Wenn die geopolitischen Risiken in den Hintergrund treten und die Notenbanken die Wirtschaft weiter unterstützen, hat Deutschland beste Voraussetzungen, um 2015 an den moderaten Aufwärtstrend anzuknüpfen", schreibt Fondsmanager Christian von Engelbrechten. Auch Fidelity sieht Impulse seitens des Euro für die exportorientierten Unternehmen. Eigentliche Stütze der Konjunktur sei aber der heimische Konsum - der Verbraucher, der konsumiert statt spart, treibt die Wirtschaft an. Durch die steigenden Gewinne sieht Fidelity auch am Aktienmarkt gute Chancen und rechnet mit einer Dividendenrendite von im Schnitt drei Prozent. Quelle: REUTERS
DZ BankAktuell sei das Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen noch zu hoch geschätzt, sagen die Analysten der DZ Bank. Die Rahmenbedingungen für Aktien bleiben dennoch dank expansiven EZB-Maßnahmen und einem Mangel an Anlagealternativen positiv. Trotzdem erwarten die DZ Banker keine großen Kurssprünge, der Leitindex habe kaum noch Potenzial. Bis zum Jahresende 2015 rechnet die Bank nicht mit einem Anstieg über 9500 Punkte - und auch schwankungsanfälliger könnte der Index werden. Konservativen Anlegern raten die Experten daher zu "Dividendenaristokraten". Risikofreudigere Investoren könnten dagegen im ersten Quartal Chancen bei den Zyklikern haben. Quelle: REUTERS


EY schätzt den positiven Effekt im ersten Quartal auf mindestens 17 Milliarden Euro. Das heißt: Mindestens 60 Prozent ihres Umsatzwachstums verdankten die Unternehmen im deutschen Leitindex dem schwachen Euro. Die Gewinne hinkten zwar hinterher. Ihr Ergebnis vor Zinsen und Steuern steigerten die Dax-Konzerne nur um 3 Prozent auf 32,8 Milliarden Euro. Dennoch war auch das ein Rekord.

In den ersten drei Monaten notierte die Gemeinschaftswährung im Schnitt bei 1,10 US-Dollar und damit rund ein Fünftel niedriger als Anfang 2014. Auch gegenüber dem chinesischen Yuan und dem britischen Pfund büßte der Euro an Wert ein. Begonnen hatte die Talfahrt des Euro Mitte vergangenen Jahres, als sich abzeichnete, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Finanzmärkte mit Geld überschwemmen wird, um die zu schwache Preisentwicklung zu stoppen und die Wirtschaft anzukurbeln.


Zum Teil starke Gewinnschübe

So manchem Unternehmen wie dem Nivea-Hersteller Beiersdorf rettete der niedrige Euro-Kurs das Quartal. Aus eigener Kraft wäre der Konzern in den ersten drei Monaten so gut wie gar nicht gewachsen. Bei anderen Unternehmen, die auch ohne Rückenwind vom Euro zugelegt hätten, beschleunigte sich das Wachstum, etwa bei Fresenius, Linde, Adidas oder BMW. Der Softwarekonzern SAP verdankte fast die Hälfte seines bereinigten Umsatzanstiegs von 22 Prozent den Währungen. Bayer hob mit Verweis auf die Währungseffekte gar seine Prognose für das laufende Jahr an.

Der schwache Euro kann starke Zuwächse bescheren

Ganz so weit ging die Telekom nicht. Die Umrechnungseffekte, so stellte Finanzchef Thomas Dannenfeldt klar, hätten keine Bedeutung für das operative Geschäft. Dennoch: Das für dieses Jahr angepeilte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen dürfte bei einem Wechselkurs von im Schnitt 1,13 Dollar je Euro rund eine Milliarde höher ausfallen, rechnete der Finanzchef vor. Auch der Autohersteller Daimler erwartet dank der Währungseffekte einen Gewinnschub von einer Milliarde Euro.

Doch der schwache Euro hat durchaus auch eine Kehrseite. Fallen Kosten in US-Dollar an, dann kann das teuer werden. Rohstoffe, die in Dollar gehandelt werden, kosten plötzlich mehr, was etwa die Lufthansa beim Kauf von Kerosin zu spüren bekommt. Auch der Rückversicherer Munich Re kann sich nur bedingt über den schwachen Euro freuen. Zwar fallen die Prämieneinnahmen im Ausland höher aus, allerdings werden die versicherten Schäden ebenfalls in der jeweiligen Währung beglichen.

Der Deutschen Bank, die zwar im Tagesgeschäft von den Schwankungen an den Finanzmärkten profitiert, tat wiederum die 2,5 Milliarden Dollar schwere Strafe von britischen und amerikanischen Behörden wegen des Libor-Skandals um manipulierte Zinssätze so besonders weh. Der Stahlkonzern ThyssenKrupp machte Währungseffekte dafür verantwortlich, dass sich seine Schulden von Ende Dezember bis Ende März um rund 400 Millionen auf 4,6 Milliarden Euro erhöhten. Der Konzern finanziert seine Auslandsgeschäfte oft in der jeweiligen Währung.

Wie geht es nun weiter? Der Euro legte zuletzt gegenüber dem Dollar wieder zu. Die meisten Marktbeobachter gehen aber davon aus, dass der Dollar mit einem Anziehen der US-Konjunktur und der zu erwartenden Zinswende in den USA wieder an Fahrt gewinnen wird. EY-Experte Thomas Harms mahnt dennoch zur Vorsicht. „Auch ein schwacher Euro wird nicht dauerhaft überdecken können, dass die Weltwirtschaft aktuell an Dynamik verliert“.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%