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Dax-Umfrage Börsianer glauben an eine Herbst-Rally

Der Optimismus der Anleger erklimmt rekordverdächtige Höhen. Doch sind dadurch steigende Kurse am Aktienmarkt garantiert? Ein Blick in die Historie der exklusiven Handelsblatt-Umfrage zeigt ein interessantes Bild.

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ARCHIV - ILLUSTRATION - Die Anzeigetafel der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main (Hessen) zeigt am 15.01.2014 die Dax-Kurve und verschiedene Börsenkurse an (Aufnahme mit Doppelbelichtung). (zu dpa

Düsseldorf Vor einer Woche prognostizierte Börsenexperte Stephan Heibel: „Ein Ausverkauf ist unwahrscheinlich.“ Gleichzeitig konnte er keine Impulse für eine Rally im Sommerloch finden. Genau das ist eingetreten, der Dax hat sich in der vergangenen Handelswoche kaum verändert.

Heibel begründete am vergangenen Monat seine Ansicht mit den aktuellen Ergebnissen der wöchentlichen Handelsblatt-Erhebung Dax-Sentiment, bei der mehr als 2.600 Anleger befragt werden. Der Durchschnittswert aus den fünf vergangenen Umfragen hatte einen Extremwert erreicht, was seit dem Start der Erhebung im September 2014 bislang immer ein zuverlässiger Indikator für eine Trendwende war (siehe Grafik). Zuletzt rutschte dieses Durchschnittssentiment im Februar 2016 in ein derart negatives Terrain. Damals rutschte die Frankfurter Benchmark unter die Marke von 9.000 Zählern. Es war der Beginn einer Rally, die den deutschen Leitindex letztendlich zum aktuellen Allzeithoch von 12.951 Punkten führte.

Eine länger andauernde schlechte Börsenstimmung gilt unter anderem als Kontraindikator, weil in solchen Situationen viele Anleger ihre Wertpapiere verkauft haben und wenige Zukäufe dann wieder für steigende Kurse sorgen können.

„Wir nähern uns nun dem September, und viele Anleger blicken erwartungsfroh auf den Herbst, denn getreu der Börsenweisheit ,Sell in may and go away, but always remember to come back in september‘ gehen viele Anleger nun von wieder steigenden Kursen aus“, beurteilt der Geschäftsführer des Analysehauses die aktuelle Lage. Doch lässt sich diese Haltung in der aktuellen Umfrage wiederfinden?

Tatsächlich hat sich das Lager derer, die den Dax in einem Abwärtsimpuls sehen, um 23 Prozentpunkte auf nur noch 26 Prozent verringert. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (plus 18 Prozentpunkte auf 53 Prozent) sieht eine aktuelle Seitwärtsbewegung. Weitere elf Prozent (plus drei Prozentpunkte) betrachten die derzeitige Entwicklung als Bodenbildung, erwarten also bald wieder steigende Kurse.


Rekordverdächtiger Optimismus

Mit dem Dax-Verlauf der vergangenen Börsenwoche haben sich die Erwartungen von 55 Prozent (plus 13 Prozentpunkte) der Anleger zum größten Teil erfüllt, jedoch haben nur sechs Prozent (minus vier Prozentpunkte) auf die Seitwärtsbewegung spekuliert. Die Passivität unter den Anlegern während der Sommerzeit geht weiter: So wurden nur acht Prozent (minus fünf Prozentpunkte) vom Kursverlauf der vergangenen Woche auf dem falschen Fuß erwischt. Die Erwartungen von 31 Prozent der Anleger (minus drei Prozentpunkte) haben sich „kaum erfüllt“.

Auf erstaunliche Höhen ist der Optimismus erklettert: Fast jeder Zweite (49 Prozent, plus acht Prozentpunkte) erwartet für die kommenden drei Monate steigende Kurse im Dax. Nur noch knapp jeder Vierte (24 Prozent, minus drei Prozentpunkte) geht von einer Seitwärtsbewegung aus. Die Angst vor fallenden Kursen ist kaum noch vorhanden (13 Prozent, minus fünf Prozentpunkte). Zur Beurteilung dieser hohen Optimismuswerte lohnt ein Blick in die Historie: Nur zweimal seit Beginn der Umfrage vor knapp drei Jahren waren diese Werte höher: Im Sommer und im Herbst 2015, als die Erwartungen extrem optimistisch waren.

„Nach dem Sommer 2015 folgte eine moderate Erholung von den Sorgen wegen des Beginns der Zinserhöhungen in den USA“, erinnert sich Heibel. Doch die Zinsangst drückte die Kurse im Herbst nochmals kräftig nach unten, bevor dann zum Jahresende die Erleichterung über moderate Zinserhöhungen der US-Notenbank eine kräftige Rally auslöste.

Wiederholt sich die Geschichte? Denn Zinserhöhungen könnten auch in diesem Herbst wieder in die Schlagzeilen rücken, wenn diesmal die EZB beginnen sollte, laut über das Ende der Niedrigzinsphase nachzudenken. „Ich werde dieses Thema im Blick behalten“, verspricht der Sentimentexperte.

Dem angesprungenen Optimismus wollen Anleger auch Taten folgen lassen. Mit 23 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) wollen doppelt so viele Anleger in den kommenden zwei Wochen Aktien kaufen als verkaufen (minus sieben Prozentpunkte auf elf Prozent). Allerdings bleiben zwei Drittel der Anleger (plus zwei Prozentpunkte auf 66 Prozent) in diesen letzten Sommertagen vorerst noch unentschlossen.

Das Sentiment der Stuttgarter Börse Euwax spiegelt mit minus 0,75 Punkten eine sehr neutrale Positionierung der Privatanleger wider. Dieser Indikator wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den deutschen Leitindex ermittelt.

Institutionelle Anleger, die vorwiegend über die Frankfurter Terminbörse Eurex handeln, sind derzeit sehr hohe Absicherungspositionen eingegangen, setzten also derzeit stärker auf fallende Kurse. Die Put-Call-Ratio zeigt mit 2,5 Punkten (Durchschnitt 1,5) eine deutlich höhere Absicherung an als in den vergangenen sechs Monaten.

Diese defensive Positionierung der institutionellen Anleger zeigt sich auch in der Investitionsquote, die vom Analysehaus Animusx erhoben wird. Diese Quote liegt bei Institutionellen derzeit auf dem niedrigsten Stand der vergangenen zwölf Monate und bei den Privaten auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau.


Ängstliche Stimmung in den USA

In den USA zeigt der „Angst-und-Gier-Index“ des Börsenbarometers S&P 500 mit 27 Prozent schon fast extreme Angst an. Dort wächst der Unmut über die ausbleibende Umsetzung vieler Wahlversprechen Trumps und somit die Sorge über die US-Konjunktur, für die man massive Infrastrukturprogramme bereits eingerechnet hatte. Die Investitionsquote unter institutionellen US-Anlegern ist mit 80 Prozent nach wie vor im neutralen Bereich. Der Bulle-Bär-Index der US-Privatanleger notiert bei minus 10,2 Prozent und zeigt damit eine ziemlich pessimistische Haltung an.

„Die Stimmung an den Börsen ist mies, und wenn wir uns den Fünf-Wochen-Durchschnitt anschauen, der sich als verlässlicher Kontraindikator bewiesen hat, ist die Stimmung auch schon seit längerer Zeit mies“, lautet das Fazit von Heibel. Zudem seien die Investitionsquoten der Anleger niedrig, es gibt viel Kapital an der Seitenlinie, das investiert werden soll. In die Zukunft blicken die Anleger optimistisch, und viele wollen das an der Seitenlinie befindliche Kapital auch investieren. „Damit kann ich mir einen Ausverkauf, der den Dax unter 11.800 Punkte drücken würde, derzeit kaum vorstellen“, meint der Sentimentexperte. Die defensive Positionierung und negative Stimmung würden die Aktienmärkte nach unten sehr gut absichern.

Doch für einen Aufwärtsimpuls oder gar eine Rally hingegen fehle der Auslöser. Ein Schiefstand, der in Käufe münden könnte. Beispielsweise eine zu pessimistische Erwartung, doch die Erwartung zeige einen Optimismus auf Rekordniveau an. „Lediglich die niedrige Investitionsquote unter den Anlegern könnte als Schiefstand interpretiert werden, der im Falle steigender Kurse für einen Kaufrausch sorgen und dann eine Rally nachhaltig anheizen könnte“, meint der Animus-Inhaber.

Ähnlich beurteilt auch Joachim Goldberg, der im Auftrag der Börse Frankfurt eine vergleichbare Sentimentumfrage erhebt, die Lage am deutschen Aktienmarkt. Der gezeigte Optimismus der Investoren bleibe erhalten, nehme aber keine Größenordnung an, die dem Dax nachhaltig schaden könnte. „Um jedoch einen stärkeren Aufwärtstrend zu etablieren, bedürfte es nach wie vor frischer langfristiger Nachfrage“, erklärt der Verhaltensökonom.

Heibel bleibt bei seiner Einschätzung von vor einer Woche: Das aktuelle Kursniveau eigne sich, um Aktien für eine anstehende Herbst-Rally zu kaufen. Allerdings würde ich die Parallelität zum Jahr 2015 nicht ignorieren, denn damals folgte nach einer ersten, zaghaften Erholung im September nochmals ein kräftiger Ausverkauf in den Herbst hinein, bevor der Dax dann zum Jahresende abhob. „Erste Positionen können jetzt eingegangen werden, ich würde aber noch ein wenig Pulver trocken halten, um im Falle eines Rückschlags nochmals nachfassen zu können“, so der Experte. „Einen Ausverkauf um mehrere Tausend Punkte, eine Baisse, halte ich auf Basis der derzeitigen Sentimentlage bis auf weiteres für sehr unwahrscheinlich“.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

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