Dax-Umfrage Kriegsgefahr lastet auf den Märkten

Leser des Handelsblatt-Sentiments konnte der Kursrutsch in der vergangenen Handelswoche nicht überraschen. Nun zeigt die Analyse der aktuellen Umfrage zur Börsenstimmung, wann die Korrektur ein Ende finden dürfte.

Ein Mann blickt am 10.08.2017 in einer Bahnstation in Seoul (Südkorea) auf einen Bildschirm, auf dem von einem Nachrichtensender Bilder von Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un (r) und US-Präsident Donald Trump gezeigt werden. In der neuen Stellungnahme aus Pjöngjang heißt es, man werde bis Mitte August Pläne fertigstellen, nach denen vier Mittelstreckenraketen über Japan fliegen und etwa 30 bis 40 Kilometer vor Guam ins Meer stürzen sollen. (zu dpa «Nordkorea fordert USA mit Plänen für Raketenangriff heraus» vom 10.08.2017) Foto: Ahn Young-Joon/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

DüsseldorfAuch in der vergangenen Handelswoche hat sich die sehr gute Prognosequalität der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment bewiesen. Viele Anleger wollten vor einer Woche eine ihrer Meinung nach bevorstehende Rally nicht verpassen, doch Börsenexperte Stephan Heibel hatte nach Analyse der Umfrage eine konträre Meinung. „Diese positive Erwartungshaltung bildet die Grundlage für ein großes Überraschungspotenzial – leider auf der negativen Seite“, sagte er am vergangenen Montag. „Ich fürchte jedoch, dass eine eventuelle Verkaufswelle durch internationale, institutionelle Anleger von den heimischen Privatanlegern nicht aufgefangen werden kann“. Und dann wären viele Anleger mit ihren Positionen schnell deutlich im Minus und würden alsbald die Verkaufswelle verstärken. Das Resultat: Der Dax brach um 1,2 Prozent ein und rutschte unter die Marke von 12.000 Punkten.

Beim Handelsblatt-Dax-Sentiment werden wöchentlich mehr als 2600 Anleger zur aktuellen Börsenstimmung und ihren Erwartungen befragt. Bei der Analyse des Ergebnisses achtet Stephan Heibel, der Geschäftsführer des Analysehauses Animusx, vor allem auf Kontraindikatoren. Sind beispielsweise die Anleger euphorisch und erwarten Kursgewinne, ist das ein Indiz für bald fallende Notierungen. Denn in diesem Fall sind fast alle investiert und fallen als Käufer aus, sollten die Kurse nachgeben.

Eine Folge des Kursrutsches der vergangenen Woche: Die Stimmung der Anleger ist erneut eingebrochen. Das Lager derer, die im aktuellen Dax-Verlauf eine Seitwärtsbewegung sehen, ist mit 15 Prozent drastisch kleiner geworden (22 Prozentpunkte weniger gegenüber der Vorwoche). Einen Abwärtsimpuls sehen nun 64 Prozent (plus 29 Prozentpunkte). „Die kurzfristige Stimmung ist damit auf das tiefste Niveau seit dem Jahreswechsel 2015/2016 gefallen, als man Angst vor dem anstehenden Ende der lockeren Geldpolitik der US-Notenbank hatte“, erläutert Heibel. Damals brach der Dax um knapp 20 Prozent ein, der Index fiel von 11.000 auf 9000 Punkte.


Optimismus geht wieder zurück

Auch die Selbstzufriedenheit der Umfrageteilnehmer ist aufgrund des Kursverlaufs eingebrochen. Mit 34 Prozent (plus 22 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) wurde jeder dritte Anleger von der Kursentwicklung auf dem falschen Fuß erwischt. Weitere 23 Prozent (minus elf Prozentpunkte) sehen ihre Erwartungen im Vergleich zur Vorwoche als kaum erfüllt. Zum größten Teil erfüllt sieht gut jeder Dritte (minus elf Prozentpunkte) seine Erwartungen – immerhin hat sich also jeder Dritte mit einer möglichen Korrektur beschäftigt. Unverändert acht Prozent haben sogar auf diese Korrektur gewettet. Die Verunsicherung der Anleger ist damit so groß wie zuletzt beim überraschenden Wahlsieg Donald Trumps.

Kriegsgefahr lässt auch den Optimismus schwinden. Nachdem die Erwartung auf steigende Kurse in den vergangenen zwölf Wochen mehr oder weniger kontinuierlich angestiegen ist, erfolgt nun ein kräftiger Rückschlag. Nur noch 38 Prozent (minus sieben Prozentpunkte) erwarten für den Dax in drei Monaten steigende Kurse, stattdessen gehen nun 30 Prozent (plus sieben Prozentpunkte) von einer Seitwärtsbewegung aus. Vor einem anhaltenden Abwärtsimpuls haben nur 18 Prozent (minus ein Prozentpunkt) Angst.

Es ist noch nicht zu spät, die Schäfchen ins Trockene zu bringen, denken sich nun 17 Prozent (plus vier Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer und ziehen für die kommenden zwei Wochen Verkäufe in Erwägung. Nur noch 22 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) überlegen, Aktien zuzukaufen. Mit 60 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) warten die meisten weiterhin ab.

Das Sentiment der Stuttgarter Börse Euwax zeigt an, dass Privatanleger derzeit deutlich zu optimistisch positioniert sind. Mit einem Wert von 5,77 Punkten notiert dieser Indikator, der anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt wird, zwar noch nicht auf Rekord-Niveau, doch bereits in der Region der Höchstwerte vom Juli dieses Jahres. Auch institutionelle Anleger, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, zeigen nach Heibels Meinung zu viel Optimismus. Das Verhältnis zwischen Put- und Call-Optionen ist unter den Wert von eins gerutscht, bei 1,5 etwa wäre ein ausgewogenes Verhältnis erreicht. Es gibt also deutlich zu viele Call- im Verhältnis zu Put-Spekulationen. Dieser Optimismus signalisiert eher fallende Kurse.

Der VDax, das „Angstbarometer der Börse“, ist angesprungen und zeigt damit deutliche Angst bei Anlegern an. Doch mit einem Wert von 18 (zuvor 13) gibt es noch viel Luft nach oben – erst ab einem Wert von 25 spricht man von übertriebenen Angstzuständen. Der VDax bildet die erwartete Dax-Schwankungsbreite von professionellen Anlegern ab.


Warum Panik wichtig ist

In den USA ist der „Angst-und-Gier-Indikator“ des Börsenbarometers S&P 500, der auf technischen Marktdaten basiert, auf 31 gerutscht und zeigt damit ebenfalls moderate Angst an den US-Märkten an. Institutionelle Anleger haben ihre Investmentquote auf 84 Prozent reduziert, in der Vorwoche waren es noch 93 Prozent.

„Ich betreue die Masterthesis eines Studenten, der mithilfe meiner Animusx-Sentimentdaten Rückschlüsse auf künftige Aktienmarktentwicklungen analysiert“, erläutert Heibel. Einer der verlässlichsten Indikatoren war die Investitionsquote gerade von institutionellen Anlegern. „Diese Quote ist ein guter Indikator dafür, dass diese aktuelle Korrektur noch nicht vorbei ist“, ergänzt er. Die Bulle/Bär-Quote von US-Privatanlegern steht bei 1,3 Prozent und zeigt damit noch eine relativ neutrale Verfassung an.

Nach Meinung von Heibel hat sich der Fünf-Wochen-Durchschnitt des kurzfristigen Sentiments als verlässlicher Indikator bewiesen, insbesondere Panik zeige dieser Indikator sehr gut an (siehe Grafik). Dieser Durchschnitt hat noch kein extremes Niveau erreicht, entsprechend könnten die Kurse noch weiter abrutschen, bevor sie wieder nachhaltig steigen.

Der Nordkorea-Konflikt könnte sich schlimmstenfalls zum neuen Dauerkrisenherd entwickeln, um den sich die USA mit Russland und China streiten. Der Umstand, dass Nordkorea mit einer Atomwaffe droht, mache diesen Konflikt besonders gefährlich, doch unterm Strich geht es einmal mehr um die Interessen der USA auf der einen Seite, die ein Standbein auf dem asiatischen Kontinent haben wollen, und China und Russland auf der anderen Seite, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass der westlich orientierte Teil Südkorea die Oberhand gewinnt. „Ich sehe derzeit noch keine Lösung für diesen Konflikt und würde daher vorerst abwarten“, meint der Börsenexperte. Die Finanzmärkte könnten vor dem Hintergrund des Kriegsgerassels noch deutlicher korrigieren. „Auch unsere Sentimentanalyse lässt eine Fortsetzung der Korrektur zu, denn obwohl die kurzfristige Stimmung bereits sehr negativ ist, herrscht noch immer verhältnismäßig großer Optimismus“, sagt Heibel. Von Panik können also noch keine Rede sein. „Und Panik benötigen wir, um einen Boden zu bilden, von dem aus die Kurse wieder nachhaltig steigen.“

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

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