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Dax-Umfrage Nur noch jeder Fünfte will in den kommenden Wochen Aktien zukaufen

Die Schwankungen an der Börse verunsichern Investoren. Experten empfehlen, das eigene Portfolio an die neuen Marktbedingungen anzupassen.

Wie wird sich der deutsche Aktienmarkt im Mai weiterentwickeln? Quelle: Reuters

FrankfurtAuch wenn sich die Aktienbörsen schnell wieder gefangen haben: Der zwischenzeitliche Kursrutsch der Vorwoche hinterlässt deutliche Spuren in der Psyche der Anleger. Nur noch jeder fünfte Investor sieht den deutschen Markt in einer Aufwärtsbewegung. Gleichzeitig geht die Investitionsbereitschaft zurück. Und das nachdem der Leitindex Dax wegen steigender US-Anleiherenditen binnen 24 Stunden vorübergehend um zweieinhalb Prozent abgesackt war.

Das zeigen nun auch die Ergebnisse der neuen Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zur aktuellen Börsenstimmung. Wöchentlich werden bei der Erhebung mehr als 2.300 Anleger befragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung sollen Orientierung für die Geldanlage bieten.

Wichtig ist dabei der Zeithorizont: Das Sentiment gibt keine Auskunft über die mögliche Marktrichtung am nächsten Tag und selten über die kommende Woche, wohl aber über die kommenden vier bis zwölf Wochen.

„Das Überspringen der Renditemarke von drei Prozent bei zehnjährigen US-Staatsanleihen war der Auslöser für Umschichtungen bei vielen professionellen Geldmanagern, die nun Anleihen ein wenig höher und Aktien ein wenig niedriger im Portfolio gewichten“, sagt Heibel.

Den aktuellen Gemütszustand der Investoren beurteilt der Sentiment-Experte insgesamt zwar als „neutral“, doch für die Börsen eröffne genau dies Spielraum für Reaktionen auf politische und wirtschaftliche Ereignisse. „Nicht nur Trump-Tweets und Meldungen zum Handelsstreit könnten die Aktienmärkte also bewegen, sondern auch Quartalszahlen und Konjunkturdaten“, sagt der Kapitalmarktprofi.

Konkret führe die abwartende Haltung vieler Anleger beispielsweise dazu, dass die Aktienmärkte vom nächsten Ausverkauf nur einen provokativen Trump-Tweet entfernt seien. Im Gegenzug würden jedoch positive Meldungen wie eine Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China – die nun jederzeit erfolgen könne – eine Aktienrally zünden.

Auch der der Handelsstreit zwischen Europa und den USA ist zuletzt wieder in den Fokus gerückt: Am Dienstag läuft die Ausnahmeregelung der Zölle für Produkte europäischer Hersteller von Stahl und Aluminium aus. Die Bundesregierung dämpfte indes Hoffnungen auf eine rasche Entspannung in dem Handelsstreit. Zum Wochenstart verringerten Anleger daher sicherheitshalber ihren Bestand an hiesigen Stahltiteln wie Thyssen-Krupp oder Salzgitter.

Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und somit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Die aktuellen Ergebnisse der Erhebung im Detail: Mit 58 Prozent (plus sieben Prozentpunkte) gehen die meisten Umfrageteilnehmer davon aus, dass der Dax derzeit eine Seitwärtsbewegung vollführt. Nur noch 20 Prozent (minus vier Prozentpunkte) betrachten die aktuelle Entwicklung als Aufwärtsimpuls. „Mit einem Wert von plus 1,1 kann die Stimmung als durchweg neutral bezeichnet werden“, sagt Heibel.

Trotz des zwischenzeitlichen Ausverkaufs geben 54 Prozent (minus vier Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer an, diese Entwicklung zum größten Teil erwartet zu haben. Weitere neun Prozent (plus ein Prozentpunkt) wollen sogar darauf spekuliert haben.

Kaum erfüllt sehen hingegen 31 Prozent (plus drei Prozent) ihre Erwartungen und unverändert sieben Prozent geben an, auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. „Mit einem Wert von -0,7 ist die Selbstzufriedenheit ein wenig angekratzt, von einer Verunsicherung unter den Anlegern sind wir jedoch weit entfernt“, erläutert Heibel.

Die neutrale Stimmung zeige sich auch in der Erwartungshaltung der Anleger. 36 Prozent (plus vier Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer gehen für den Dax in drei Monaten von einer Seitwärtsbewegung aus. Nur noch 27 Prozent (minus vier Prozentpunkte) fürchten einen Abwärtsimpuls und unverändert 25 Prozent erwarten einen Aufwärtsimpuls.

Die Investitionsbereitschaft ist allerdings rückläufig: Nur noch 21 Prozent (minus drei Prozentpunkte) möchten in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen. 15 Prozent möchten Aktien verkaufen. Mit 64 Prozent (plus drei Prozentpunkte) möchte fast jeder Zweite erst einmal abwarten.

„Bullen und Bären halten sich derzeit zwar die Waage“, resümiert Heibel. In Summe würde er daher die Positionierung an den Aktienmärkten, wie schon in der vorherigen Auswertung, als überwiegend neutral bezeichnen. Doch während der zwischenzeitliche Ausverkauf der Vorwoche in Folge des Überspringens der Drei-Prozent-Marke durch die zehn Jahre laufende US-Staatsanleihen bei Privatanlegern zu einer vorsichtigeren Haltung geführt habe, nutzten die Profis den Ausverkauf zum Ausbau ihrer Long-Spekulationen.


Wie Dax-Anleger jetzt handeln sollten

Ähnliche Schlussfolgerungen wie bei der Handelsblatt-Umfrage lassen sich derzeit auch aus weiteren Stimmungsindikatoren ableiten: Das Euwax-Sentiment der Privatanleger, welches anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf dem deutschen Leitindex ermittelt wird, weist mit einem Wert von -7,5 einen starken Überhang der Absicherungsgeschäfte auf. Auch hier zeigt sich somit die Folge des überraschenden Ausverkaufs der Vorwoche: Anleger wollen offensichtlich nicht nochmals von einem solchen Ereignis böse überrascht werden.

Institutionelle Anleger, die sich über die Eurex absichern, haben hingegen ihr Long-Positionen ausgebaut. Das Put/Call-Verhältnis zeigt mit einem Wert von 1,1 eine geringe Absicherungstätigkeit an. Profis spekulieren nun auf weiter steigende Kurse.

Tendenziell gegenläufig dazu ist die aktuelle Situation an der Wall Street: Der technische Angst-und-Gier-Indikator des US-Aktienindexes S&P 500 steht bei 40 Prozent und deutet damit auf leichte Angst hin. Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote in der vergangenen Woche um 13 Prozent auf nur noch 64 Prozent zurückgefahren. Hingegen sind US-Privatanleger mit einer Bulle/Bär-Quote von plus 11,4 Prozent moderat optimistisch gestimmt.

Heibel rechnet mit einem fortgesetzten Pendeln des Dax zwischen 12.000 und 12.800 Punkten. Die große Spanne resultiere aus den heftigen Schwankungen im Februar und März diesen Jahres. Sein Ratschlag für Anleger: „Mittelfristig bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass die aktuelle Pendelbewegung an den Aktienmärkten dazu genutzt werden kann, das eigene Portfolio an die neuen Marktbedingungen anzupassen“.

Konkret bedeute dies: „Läuft der Dax an die 12.800 Punkte heran, würde ich ein paar der Werte, die vom Handelsstreit besonders betroffen sind, verkaufen.“ An Tagen mit einem Ausverkauf wie vor einer Woche würde er dagegen Positionen hinzunehmen, die vom Handelsstreit nicht betroffen sind.

Mit dieser Vorgehensweise sollte sich das eigene Portfolio in einer schwankungsreichen Seitwärtsphase etwas besser halten als der Gesamtmarkt.

Auch die Statistik spricht momentan dafür, dass Anleger in den kommenden Wochen mit einer reinen Halte-Strategie kaum Rendite erzielen dürften und aktives Handeln ausgewählter Aktien Erfolg verspricht. Der Mai war in den vergangen 60 Jahren der Börsenmonat, in dem der (zurückgerechnete) Dax unter dem Strich am wenigsten von der Stelle kommt: Seit 1959 gab der meistbeachtete deutsche Aktienindex im Wonnemonat, laut Daten des Statistikportals Statista, um durchschnittlich 0,12 Prozent nur minimal nach.

In den anderen elf Monaten bewegte sich der Bluechip-Index dagegen im Mittel rund sieben Mal so stark. Und das sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Setzt sich diese historische Regelmäßigkeit fort, könnte der Dax folglich bis zum Frühsommer auf seinem aktuellen Niveau bei rund 12.600 Punkten auf der Stelle treten.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

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