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Dax-Umfrage Ratlosigkeit der Anleger droht in Panik umzuschlagen

Anleger sind so stark verunsichert wie selten zuvor, zeigt das Dax-Sentiment. Das verhindert eine nachhaltige Erholung am Aktienmarkt.

Ein Spezialist beobachtet am Montag (23.04.2012) im Handelssaal der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main die Monitore. Belastet von überraschend schwachen Wirtschaftsdaten und dem Ausgang der Wahl in Frankreich sind die deutschen Aktien zum Wochenbeginn tief ins Minus gerutscht. Der Deutsche Aktienindex (DAX) sackte zeitweise um mehr als drei Prozent ab. Foto: Arne Dedert dpa/lhe +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

FrankfurtDie anhaltende Schwäche am deutschen Aktienmarkt spiegelt sich immer deutlicher in der Stimmung der Anleger wider: Es herrscht Ratlosigkeit auf breiter Front, die in Panik umzuschlagen droht.

Optimisten, die auf eine rasche Kehrtwende nach oben gesetzt hatten, wurden auf dem falschen Fuß erwischt – und schrecken nun vor erneuten Käufen zurück. Das geht hervor aus den neuesten Ergebnissen der regelmäßigen Handelsblatt-Umfrage zur aktuellen Börsenstimmung. Das sogenannte Dax-Sentiment ist auf den zweittiefsten Stand seit 2014 gefallen.

Wöchentlich werden bei dieser Erhebung mehr als 2300 Anleger gefragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Der Experte leitet daraus Prognosen zur künftigen Dax-Entwicklung ab, die Anlegern bei ihrer Geldanlage Orientierung bieten.

„Anleger verspüren Panik und sind extrem verunsichert“, sagt Heibel. In der Regel deutet extreme Angst an der Börse zwar auf steigende Erholungschancen hin. Denn gemäß der Sentiment-Theorie folgen der Kapitulation der Anleger dann steigende Kurse. Dennoch ist nach Einschätzung Heibels vorerst noch nicht mit einem raschen Ende des Abwärtstrends zu rechnen.

„Wöchentliche Schwankungen in der Anlegerstimmung sind nicht selten“, sagt der Experte. Daher eigne sich der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Sentiments, um abzuschätzen, wie nah Anleger an der Kapitulation sind. „Und auch der Fünf-Wochen-Durchschnitt hat zwar schon einen extrem negativen Wert erreicht – doch Anfang Februar war die Stimmung noch schlechter und auch im vergangenen Sommer gab es tiefere Werte.“ Heibels pessimistische Schlussfolgerung: „Da geht noch was nach unten.“

Es sind vor allem die Angst vor rasch anziehenden Zinsen und Sorgen vor einem weltweiten Handelskrieg, die den Dax jüngst bis auf 11.818 Punkte haben einbrechen lassen. Eine derart niedrige Marke hatte der Leitindex zuletzt im Februar 2017 erreicht.

Die Ergebnisse der neuen Sentiment-Auswertung im Detail: Nur noch 16 Prozent der Umfrageteilnehmer (minus 39 Prozentpunkte) sehen in der aktuellen Dax-Bewegung eine Seitwärtsbewegung und nur 14 Prozent (plus vier Prozentpunkte) hoffen, dass es sich derzeit um eine Bodenbildung handelt. Mit 65 Prozent (plus 50 Prozentpunkte) attestieren inzwischen zwei von drei Anlegern dem Dax einen Abwärtsimpuls.

Zudem wurden jüngst 45 Prozent der Befragten (plus 37 Prozentpunkte) auf dem falschen Fuß erwischt. Weitere 25 Prozent (minus sieben Prozentpunkte) sehen ihre Erwartungen kaum erfüllt, während nur noch 21 Prozent (minus 32 Prozentpunkte) ihre Erwartungen zum größten Teil erfüllt sehen. Nur neun Prozent (plus ein Prozentpunkt) geben an, auf den jüngsten Ausverkauf spekuliert zu haben. „Sentiment und Verunsicherung haben damit negative Extremwerte erreicht“, resümiert Heibel.

Doch damit nicht genug: Auch die Erwartung sackt weiter ab: Nur noch 23 Prozent (minus vier Prozentpunkte) erwarten für den Dax in drei Monaten steigende Kurse, 25 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) fürchten einen Abwärtsimpuls. Weiterhin geht jeder Dritte von einer Seitwärtsbewegung aus. Am stärksten hinzugewonnen hat das Lager derer, die für den Dax in drei Monaten eine Bodenbildung erwarten (plus zehn Prozentpunkte auf 15 Prozent).

Damit hat der Zukunftsoptimismus laut Heibel ins Negative gedreht. Es handele sich um einen „Zukunftspessimismus“. „Er biegt damit zwar allmählich in eine Phase ein, die eher für nachhaltig steigende Kurse an der Mauer der Angst typisch ist“, sagt der Börsenprofi. Zunächst gebe es aber eher weiteres Abwärtspotenzial am deutschen Aktienmarkt.

Der Ausverkauf bewegt die Teilnehmer der Handelsblatt-Umfrage, denn nur noch 57 Prozent (minus drei Prozentpunkte) geben an, noch nicht zu wissen, wie sie sich in den kommenden zwei Wochen verhalten wollen. Hingegen wollen 24 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) Aktien zukaufen und 19 Prozent (plus ein Prozentpunkt) verkaufen.

Heibels Prognose, die er aus den aktuellen Sentiment-Daten ableitet: „Es gibt zwar schon einige, die Positionen aufbauen wollen. Gleichzeitig gibt es aber noch immer zu viele, die gerne weniger Aktienengagement in ihrem Depot sehen würden.“ Erwartung und Investitionsbereitschaft könnten daher in den kommenden Tagen kaum als Unterstützung dienen.


Warum die aktuelle Positionierung der Anleger gefährlich ist

Beim Blick in die Vergangenheit gibt Heibel zu bedenken: „Frühere Korrekturen haben häufig dann ihr Tief erreicht, wenn das Sentiment extreme Negativwerte erzielte, die Zukunftserwartung hingegen moderat bis extrem optimistisch war“.

Typischerweise schwinde der Optimismus dann flugs mit steigenden Kursen, weil erst im Nachgang eines Aktienmarktausverkaufs die Gründe verarbeitet würden – und sich dann negativ auf die Erwartung auswirken. „So weit sind wir derzeit noch lange nicht, leider“, konstatiert der Fachmann. Entsprechend gering sei die Investitionsbereitschaft.

Bei seiner vorangegangenen Prognose für die Börsenentwicklung war Heibel noch deutlich zuversichtlicher: Vergangene Woche hatte der Sentiment-Fachmann vorausgesagt, dass ein Durchrutschen zu neuen Tiefs nicht zu befürchten sei. Dennoch fiel der Dax im Anschluss unter sein Anfang März erreichtes Mehrmonatstief bei knapp über 11.900 Punkten.

Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben eben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich Entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch. Denn für den zukünftigen Verlauf von Wertpapieren pessimistisch zu sein, aber gleichzeitig investiert zu haben, würde unter normalen Umständen wenig sinnvoll erscheinen.

Ähnliche Schlussfolgerungen wie aus der Handelsblatt-Untersuchung lassen sich derzeit auch aus den Ergebnissen des an der Stuttgarter Börse gemessenen „Euwax-Sentiments“ ableiten, das anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt wird. Hintergrund: Das Euwax-Sentiment der Privatanleger ist wieder ins Plus gedreht, es wird also wieder vermehrt auf steigende Kurse spekuliert.

Institutionelle Anleger, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, sind ebenfalls auf der Long-Seite aktiv. Mit einem Wert des Put/Call-Verhältnisses unter 1 (gehandelte Puts dividiert durch gehandelte Calls) sind die Profis in Deutschland so bullisch positioniert wie zuletzt nach der Einführung der US-Unternehmenssteuerreform im November letzten Jahres.

Anders ist dagegen die Situation an der weltweit taktgebenden Wall Street. Dort zeigen die Stimmungsindikatoren noch keine Extremwerte an: Der technische Angst-&-Gier-Indikator des S&P 500 zeigt mit neun Prozent extreme Angst an, was im Sinne der Theorie des Kontraindikators für steigende Kurse in naher Zukunft spricht.

Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote um acht Prozent auf 77 Prozent reduziert, sind damit ziemlich niedrig investiert. Anders gesagt: Sie verfügen über eine Menge Cash, das für Käufe eingesetzt werden könnte. Heibel mutmaßt: „Das mag daran liegen, dass die US-Aktienmärkte sich in den vergangenen Wochen stärker erholt haben als der Dax und daher vielleicht mehr US-Anleger Gewinne mitgenommen haben.“

Auch aus fundamentaler Sicht ist davon auszugehen, dass eine nachhaltige Erholung am deutschen Aktienmarkt zunächst noch auf sich warten lassen dürfte. „Vieles spricht dafür, dass sich die Aktienindizes erst wieder im April vom aktuellen, neuen Rücksetzer erholen können“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Idealerweise würden dann die steigenden Unternehmensgewinne die Aktienmärkte im Frühsommer in Richtung der alten Hochs treiben. „Die Diskrepanz zwischen Marktstimmung und Gewinnentwicklung wird am Aktienmarkt durch die Konsolidierung der Kurse immer größer“, ergänzt der Ökonom. Die Bewertung sei mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax von 11,7 günstig und auch die Dividendenrendite in Höhe von dreieinhalb Prozent attraktiv.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

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