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DAX-Unternehmen Oberstes Bilanzgremium IASB erwägt neue Abschreibungsregeln

Exklusiv

Hans Hoogervorst , Vorsitzender des International Accounting Standards Board (IASB), denkt über einschneidende Änderungen bei den Abschreibungsregeln für Unternehmen nach.

Dax-Unternehmen müssen bald nach neuen regeln bilanzieren Quelle: REUTERS

Im Interview mit der WirtschaftsWoche sagte der Chef des obersten Gremiums, das über die internationalen Bilanzregeln International Financial Reporting Standards (IFRS) bestimmt, auf die Frage, ob als Vermögen bilanzierte Übernahmeprämien so wie einst bis ins Jahr 2004 hinein wieder regelmäßig abgeschrieben werden könnten: „Das will ich nicht ausschließen.“

Die als sogenannter Goodwill verbuchten Prämien mussten nach den in rund 120 Ländern geltenden IFRS bis 2004 regelmäßig abgewertet werden. Seither sind nur unregelmäßige Abwertungen auf Basis von Einschätzungen des Managements erlaubt, was bei Bilanzexperten Kritik hervorruft.

Die Kennzahlen der Unternehmen

Nach einer Analyse der Universität St. Gallen, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, führt die seit 2004 geltende Regelung zu starken Verzerrungen. Binnen 15 Jahren sind etwa die Goodwill-Positionen im Dax um 200 Prozent gestiegen. Aktuell bilanzierten die 30 Dax-Konzerne 243 Milliarden Euro an Goodwill, so die Analyse. Im Gegensatz zu früher, als diese Positionen nach neun Jahren auf null geführt wurden, unterstellten die Dax-Konzerne für den Hoffnungswert heute eine Nutzungsdauer von 250 Jahren.

Der Goodwill der Dax-Unternehmen

Bayer etwa identifizierte 2014 bei einem Kaufpreis von 11,2 Milliarden Euro für die Konsumentensparte der amerikanischen Merck nur 6,1 Milliarden Euro an Vermögen, der Rest floss als Goodwill in die Bilanz, so die WirtschaftsWoche. Rund die Hälfte der Dax-Konzerne habe inzwischen bedenklich hohen Goodwill, darunter SAP, Fresenius Medical Care, ThyssenKrupp oder RWE. Hoogervorst sagte dem Magazin, das IASB denke „über Änderungen nach, ebenso die USA im Regelwerk US-GAAP. Für eine Änderung spricht der hohe Aufwand, den die Unternehmen betreiben, um den Goodwill zu rechtfertigen“.

Bilanzbegriffe und was sie bedeuten

Der Niederländer stellte auch klar, dass demnächst alle Leasingschulden in die Bilanz müssen. „In der Finanzkrise sind Unternehmen wegen außerbilanzieller Verbindlichkeiten, die niemand gesehen hat, untergegangen. Bis Ende 2015 wollen wir den Standard formulieren“, so Hoogervorst.

Im Auftrag der WirtschaftsWoche hat die Stuttgarter Bilanzberatungsgesellschaft FAS AG ermittelt, was die neue Leasingregelung für die Dax-Unternehmen bedeutet. Gemessen an den letzten Bilanzen müssten die 30 Konzerne demnach knapp 60 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aus Leasing ausweisen. Spitze ist hier die Deutsche Telekom mit gut 14,7 Milliarden. Die Deutsche Post (5,8 Milliarden) und die Lufthansa (3,4 Milliarden) sind demnach gemessen an ihren aktuellen Schulden relativ gesehen besonders stark betroffen.

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