WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Der Minsky-Moment Was Anleger aus früheren Abstürzen lernen können

Seite 2/3

Alte Krisenforschung hochaktuell

Kindlebergers und Minskys Analysen sind deshalb hochaktuell. Zwar hat die Politik seit Lehman der Finanzbranche Zügel angelegt. Allerdings sind die Märkte insgesamt immer noch nicht durchreguliert, gibt es jede Menge Nischen und neue Produkte, die sich mehr oder weniger der Kontrolle der Politik entziehen. Wichtige, unkontrollierte Spieler sind dabei die Notenbanken, die im Prinzip con gusto handeln. Die Notenbanker handelten im Rahmen ihres Mandats, wie es dann so schön heißt.

Der Effekt dieses Handelns ist ablesbar an den Märkten, wo sich eine Rekordjagd abspielt, die möglicherweise alle bisherigen Rekorde in den Schatten stellt. Zum Vergleich sind naturgemäß Maßstäbe vonnöten. Wie etwa sind die jüngsten Kursgewinne an der Wall Street einordnen. Ein Maßstab ist die Dauer des Aufschwungs.

Im Juni 2016, unter dem Eindruck des Brexit-Referendums, verzeichnete der weltwichtigste Aktienindex, der amerikanische S&P 500, einen Kursrückgang um mehr als fünf Prozent. Bis Anfang Februar dieses Jahres war das der letzte derartige Rücksetzer.

Im Februar verlor der S&P 500 dann schnell fast acht Prozent nachdem eben vorher fast 600 Kalendertage vergangen waren, ohne dass es einen Kursverlust von über fünf Prozent gegeben hätte. Das war die längste Zwischenhausse seit 1970. Noch immer hat sich der S&P von diesen Verlusten nicht vollständig erholt. Mitverantwortlich für den Januar-Mini-Crash waren übrigens spezielle ETFs, mit denen Investoren auf eine niedrigere Schwankung an den Märkten gewettet hatten. Als diese so genannte Volatilität plötzlich stieg, brachen die Kurse der Spezial-ETFs um 90 Prozent ein – ein kleiner Vorgeschmack auf einen breiten Crash.

Wann kommt der Minsky-Moment?

Wann genau der Minsky-Moment kommt, eine der Krisen, die Kindleberger ausführlich beschrieben hat, dass kann naturgemäß niemand sagen. Erkennbar ist aber, dass die lange Dauer der Hausse an den Finanzmärkten längst zu zahlreichen Verzerrungen geführt hat.

Doch welche Anlagen überleben dann eine nächste Krise? „Banken können nicht pleitegehen“, „Wenn die eine Anlageklasse fällt, steigt dafür die andere“, „Tagesgeld ist bestenfalls als Parkstation akzeptabel“, „Europäische Staatsanleihen sind sicher“ - das alles sind lauter Weisheiten, die schon die Finanzkrise auf den Friedhof der Wirtschaftsgeschichte befördert hat.

Aktien, Anleihen und Sicherungsinstrumente für ein krisenfestes Depot

Als Gläubiger, also als Halter von Anleihen oder Krediten, sind Anleger nur dann gut bedient, wenn der Schuldner auch über eine Krise hinweg solvent bleibt. So simpel, so klar. Dass in einer Krise viele (Unternehmen oder Staaten) nicht zahlungsfähig bleiben, ist bekannt. Griechenland etwa ist ein Opfer der Euro-Krise, Lehman eines der Bankenkrise, die Pleiten des Neuen Marktes zu Zeiten der Techkrise aufzuzählen, das würde lange dauern.

Dreimal war fast alles futsch

Gleich drei Mal erlebten die Deutschen im vergangenen Jahrhundert tiefe Einschnitte in ihr Vermögen – weit schlimmere als etwa die Ölkrisen der Siebzigerjahre oder das Platzen der Technologieblase nach der Jahrtausendwende. Untrennbar sind diese Brüche mit politischen Ereignissen verbunden. Das gilt vor allem für die beiden Währungsschnitte 1923 und 1948, mit denen die Deutschen die finanzielle Rechnung für den Ersten und den Zweiten Weltkrieg bezahlen mussten. Für Anleger und Sparer waren die Verluste hier noch weitaus größer als in der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932.

Spareinlagen: Auch mit Spareinlagen sind Anleger mehrfach schlecht gefahren. In der Hyperinflation 1923 und bei der Nachkriegs-Währungsreform 1948 schmolz das Ersparte der Deutschen jeweils auf einen Bruchteil zusammen. Krisen-Fazit für Spareinlagen: In Extremsituationen droht Totalverlust. Im Normalfall frisst die Inflation die Spar-Renditen weiter auf, schlecht genug.

Anleihen: Um den Ersten Weltkrieg zu finanzieren, legte das Kaiserreich neun Kriegsanleihen über insgesamt etwa 100 Milliarden Reichsmark auf. Nach Kriegsende waren diese nahezu wertlos. Die Kurse der länger laufenden, konventionellen Reichsanleihen erholten sich dagegen bis 1921 auf bis zu 70 Prozent des Nennwerts. Die gute Phase für Zinspapiere war aber nur von kurzer Dauer. Nach der Hyperinflation 1923 hielten alle Anleihesparer nur noch Altpapier in den Händen. Wer nach dem Weltkrieg auf Unternehmensanleihen setzte, profitierte bis 1922 vom Zinsaufschlag gegenüber Reichsanleihen. Über die höheren Zinserträge konnten sich die Anleger aber auch nur kurz freuen, denn die Unternehmen nutzten die Hyperinflation 1923, um ihre Schulden vorzeitig zu tilgen. Mit dem ausgezahlten Nennwert konnten sich die Gläubiger aber nicht mehr viel leisten, weil Papiergeld rasant an Wert verloren hatte. 25 Jahre später, nach Nazi-Diktatur und Zweitem Weltkrieg, beutelte die Währungsreform 1948 Anleger abermals. Für eine Staatsanleihe über einen Nennwert von 100 Reichsmark bekamen sie nur noch 6,50 D-Mark. 93,5 Prozent waren verloren. Zum Vergleich: Forderungen aus Kaufverträgen stellte die Bank Deutscher Länder im Verhältnis 1 zu 1 um.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%