Der Minsky-Moment Was Anleger aus früheren Abstürzen lernen können

Aktiencrash 1987 Quelle: Getty Images

Finanzkrisen, Boom und Crash wechseln sich ab, aber in unregelmäßigen Abständen. Mehrfach erlebten die Deutschen in den vergangenen 100 Jahren tiefe Einschnitte in ihr Vermögen. Was Sie daraus lernen können.

Wäre er nicht bereits verstorben, dann hätte Charles Kindleberger wohl große Freude an der aktuellen Entwicklung an den Finanzmärkten. Der 2003 im Alter von 92 Jahren verstorbene Nationalökonom und Wirtschaftshistoriker hatte Zeit seines Lebens Finanzkrisen akribisch untersucht. Verkürzt war das Ergebnis seiner Arbeit: Am gefährlichsten wird es für Anleger immer dann, wenn die Politik eine Blasenbildung an den Märkten nicht zu verhindern versucht.

Märkte, so ein Credo, funktionieren zwar in der Regel recht gut, sind aber krisenanfällig. Schlimme Folgen hat das immer dann, wenn die Politik nicht eingreift. Kindleberger war 19 Jahre alt, als im Jahr 1929 im allseits bekannten großen Crash die amerikanische Börse abstürzte. Damals studierte er im zweiten Jahr an der Uni. Wenige Jahre später war er nicht nur Beobachter, sondern als Mitarbeiter des US-Finanzministeriums und der Notenbank Federal Reserve in gewisser Weise auch Akteur, als Panik am Goldmarkt herrschte und der Dollar in die Krise stürzte. Das war 1937.

Kindleberger war einer der Architekten des Marshallplans, mit dem die USA die wirtschaftliche Erholung des europäischen Kontinents – und damit des wichtigsten eigenen Kunden – beschleunigen wollten. Die Erfahrung, dass ein einzelnes Land viel Geld in den Wiederaufbau eines halben Kontinents steckt, um das internationale Wirtschaftssystem wieder auf Kurs zu bringen, prägte ihn. Die Bedeutung solch „wohlwollender Hegemonie“ um Krisen zu überwinden, zieht sich durch sein Werk, obwohl er der Politik den Rücken kehrte und Professor am Massachusetts Institute of Technology wurde, nachdem der Marshallplan verabschiedet war.

Kindlebergers Theorie der Bekämpfung von Krisen baute auf den Modellen des Krisenforschers Hyman Minsky, eines Zeitgenossen, auf. Minsky zufolge sind Blasen, die Krisen auslösen können, eine unausweichlich wiederkehrende Erscheinung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Zwar betonte er in seiner Arbeit immer wieder die Bedeutung spezieller historischer Umstände und mied die mathematischen Modelle, die viele seiner Kollegen bevorzugten, um die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft zu beschreiben. Doch die Untersuchungen historischer Finanzkrisen wie der holländischen Tulpenhausse und der großen Depression Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts ließen ihn zu dem Schluss kommen, dass Krisen über die Jahrhunderte einem ähnlichen Muster folgen.

Krisen bauen sich zunächst harmlos auf

Meist beginnt das harmlos: Eine Neuerung im System – die Erfindung der Eisenbahn, des Internets oder die Lockerung der Vergaberegeln für Hypothekenkredite – schafft neue Verdienstmöglichkeiten. Erste Investoren legen ihr Geld an und erwirtschaften hohe Renditen, was immer mehr Menschen verführt, immer mehr zu investieren und sich dafür immer mehr zu verschulden.

Irgendwann bringt ein kleineres oder größeres Ereignis, etwa die unerwartete Pleite eines wichtigen Unternehmens, den Preisanstieg ins Stocken. Die ersten Investoren ziehen ihr Geld ab, andere folgen ihnen nach. Es kommt zur Panik. Auf die Panik folgt der Crash, wenn hochverschuldete Investoren ihre Kredite nicht mehr bedienen können, weil sie mit den Verkauf ihrer Anlagen nicht mehr genug hereinholen können.

Aktuell etwa könnte der massive Zufluss an Gelder in alle möglichen börsengehandelten Indexfonds (ETF) eine solche Neuerung sein, die sich später als übertrieben optimistisch erweist; oder der Run auf Kryptowährungen wie den Bitcoin. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Technologiewerte und andere Aktien an der Börse, die nüchtern betrachtet heillos überbewertet sind. Und zwar deswegen, weil Alternativanlagen wie beispielsweise Anleihen noch heilloser überbewertet sind. Das gilt auch für zahlreiche Immobilienmärkte von Auckland über Vancouver bis München: Dass Käufer für ein mittelprächtiges Reihenmittelhaus dort mal locker weit über eine Millionen Euro hinlegen würden, das hätte vor 20 Jahren wohl niemand geglaubt.

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