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Deutsche Börse Dax Future manipuliert: Händler soll zahlen

Exklusiv

Ein Händler der Landesbank Berlin hat Handelssysteme der Deutschen Börse gegeneinander ausgespielt und Börsenkurse zu seinem Vorteil beeinflusst.

Ein Händler der Landesbank Berlin hat den indikativen Deutschen Aktienindex (Dax) manipuliert. Quelle: dpa

Ein Händler der Landesbank Berlin hat den indikativen Deutschen Aktienindex (Dax) manipuliert, wie erst jetzt bekannt wurde. Ein Beschluss des Sanktionsausschusses, der Verstöße gegen Börsenregeln ahndet, legt offen, wie der Landesbanker dabei einen „manipulierten Gewinn“ erzielt hat. Der Handelsüberwachung der Börse war aufgefallen, dass der Börsianer immer wieder „verhältnismäßig hohe Handelsvolumina“ gelöscht hatte. Zuvor hatte er für den Eigenhandel der Bank in Xetra, einem Handelssystem der Deutschen Börse, zum Beispiel Kaufaufträge für alle Dax-Werte eingestellt und so eine hohe Nachfrage vorgetäuscht. Im Dax notieren die 30 wertvollsten deutschen Aktien.

Aufträge platzierte der Händler in der Auktion, die den regulären Handel zu festen Zeiten für wenige Minuten unterbricht. Dann wechseln zwar keine Papiere den Besitzer, aber Angebot und Nachfrage werden gesammelt. Das erhöht die Liquidität für große Orders. Auf Basis der Auftragslage wird der theoretische Stand des Dax berechnet, der indikative Dax. Der Händler konnte ihn in der Auktion mit großen Orders bewegen, ohne Geld einzusetzen. So stieg der Indikator etwa am 20. August 2010 nach seinen Orders um 52 Punkte. Der Clou: Der Indikator beeinflusst den Kurs des Dax-Future an der Terminbörse Eurex, da sich Händler dort an ihm orientieren. Mit dem Future wetten sie auf den künftigen Dax-Stand. Dank der Kauforders in Xetra stieg der Future-Kurs an der Eurex, der Banker konnte Futures teurer verkaufen. Käufer haben somit zu viel gezahlt.

Landesbank Berlin (2007) Quelle: AP

 

Seine Orders auf Xetra löschte er noch vor Ende der Auktion, der indikative Dax fiel. Damit dürfte der Landesbanker auch Einfluss auf den Start des Dax-Kurses nach der Auktion genommen haben. Die Landesbank teilte mit, sie nehme das „Fehlverhalten zum Anlass“, um „die Effizienz ihrer Kontrollsysteme zu überprüfen“.

Der Sanktionsausschuss hat dem Händler vorgeworfen, den Future-Kurs zu seinem Vorteil verändert zu haben. So habe er „risikolose Gewinne einstreichen können“. Der Banker bezifferte den Ertrag pro Tag im Schnitt auf 2500 Euro. Sieben Mal soll er im August 2010 Kurse beeinflusst haben, pro Vergehen soll er 1000 Euro Ordnungsgeld zahlen. Der Ausschuss gewährt ihm Rabatt, weil die Geschäftsführung der Frankfurter Wertpapierbörse spät reagierte. Obwohl die Handelsüberwachung sie im Oktober 2010 informiert hatte, gab sie das Verfahren erst im September 2011 an den Sanktionsausschuss ab. Die Börse begründet den Verzug damit, dass wegen des Verdachts auf Marktmanipulation auch die Finanzaufsicht BaFin informiert worden sei. Die Geschäftsführung habe „erste Ermittlungsergebnisse“ abgewartet. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat das Verfahren im Mai eingestellt. Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Frankfurt steht noch aus: Der Händler hat sein Ordnungsgeld angefochten. Viel zu lasch sind damit die Strafen in Deutschland, die Ermittlungsverfahren dauern zudem zu lange.  

 

Wer an der Börse manipuliert, kommt oft nahezu ungeschoren davon. Es geht auch nicht um Wiedergutmachung – denn die Geschädigten wissen ja gar nicht, dass sie zu teuer eingekauft oder zu billig verkauft haben. Geahndet wird allein eine Ordnungswidrigkeit. Und Staatsanwälte klagen, dass die Vergehen strafrechtlich gesehen kaum von Gesetzen gedeckt seien, der Nachweis damit kniffelig. Lieber einigt man sich auf eine kleine Geldauflage oder macht gleich den Deckel auf die Akte. So richtig bestraft jedenfalls wurde in Deutschland bislang kaum ein Händler. Bei der Landesbank wurden nicht mal gemachte Gewinne abgeschöpft, das zeigt das Ordnungsgeld von gerade einmal 1000 Euro bei im Schnitt 2500 Euro Gewinn pro Tag. Doch tatsächlich dürften seine Vorteile durch die Manipulation auch weit höher gewesen sein als 2500 Euro: Ein Punkt im Dax Future an der Eurex ist 25 Euro wert. Am 20. August 2010 trieb der Landesbanker den indikativen Dax um 52 Punkte nach oben, daraufhin verkaufte er an der Eurex 41 Kontrakte – sein Preisvorteil beim Einkauf (nicht der Gewinn) könnte also bei mehr als 50 000 Euro gelegen haben. Die Landesbank bestreitet das: Diese „angeblichen Über-Erlöse decken sich nicht mit unseren Informationen“.

Gelöschte Orders führen an der Börse immer wieder zu Problemen: So bestraften Aufsicht und Börsen in den USA und Großbritannien jüngst einen Hochfrequenzhändler, dessen automatisches Tradingsystem auf der Plattform der US-amerikanischen Terminbörse CME Group 400 000 Orders platziert haben soll, wovon 98 Prozent wieder gelöscht worden seien, hieß es. Die britische Aufsichtsbehörde FCA sah es als erwiesen an, dass der in Amerika ansässige Händler Michael Coscia mit seinem Handelshaus Panther Energy Trading den britischen Rohstoffmarkt zu seinen Gunsten manipuliert habe. Händler Coscia und sein Unternehmen müssen Strafen in der UK und den USA zahlen, die sich insgesamt auf 4,5 Millionen US-Dollar summieren. Panther soll mit einem mathematisch programmierten Algorithmus in den USA mindestens 1,4 Millionen Dollar Profit gemacht haben.

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Diese Banken verdienen am besten am Aktiengeschäft
Platz zehn: HSBC Holdings Wie auch im Jahr 2011 belegt die britische HSBC Group den zehnten Platz im Bloomberg-Ranking der größten Aktienverkäufer. 1,1 Milliarden Dollar Provision nahm die Gruppe, die in Deutschland durch die HSBC Trinkaus vertreten ist, aus Aktienverkäufen ein. Im Jahr 2011 waren es noch 1,01 Milliarden Dollar. Quelle: REUTERS
Platz zehn: RBC Capital Markets Ebenfalls 1,1 Milliarden Dollar Provision nahm die Royal Bank of Canada im Jahr 2012 ein - und teilt sich somit mit der HSBC den zehnten Platz. Für die Kanadier ist das eine Verbesserung. 2011 belegte die Bank nach Provisionsvolumen noch den zwölften Rang. Quelle: REUTERS
Platz neun: UBSDie Schweizer Großbank UBS verdiente im vergangenen Jahr fast zwei Milliarden Dollar mit Aktiengeschäften. Im Jahr davor waren es noch 1,6 Milliarden Dollar. Quelle: REUTERS
Platz acht: Barclays CapitalAuch die britische Barclays konnte 2012 mehr Provisionen aus Aktiengeschäften verbuchen als noch im Jahr zuvor, auch wenn sich dadurch an der Platzierung im Ranking nichts geändert hat. 2011 gab es für ein Provisionsvolumen in Höhe von 2,19 Milliarden Dollar genauso den achten wie Platz wie 2012 mit 2,28 Milliarden Dollar. Quelle: AP
Platz sieben: Credit SuisseFür die Credit Suisse ging es dagegen einen Platz hinunter: Obwohl die Bank im Jahr 2012 2,34 Milliarden Dollar Provisionen verbuchen konnte, statt der 2,26 Milliarden im Jahr 2011 reichte es im aktuellen Ranking der größten Aktienverkäufer nur für Rang sieben. Quelle: REUTERS
Platz sechs: Deutsche BankDas Jahr 2012 ist für die Deutsche Bank nicht gut gelaufen: Im vierten Quartal 2012 musste das Geldhaus einen Nettoverlust von 2,15 Milliarden Euro verbuchen. Auf das Jahr gerechnet erzielte die Bank einen Gewinn vor Steuern von 1,4 Milliarden Euro, im Jahr 2011 waren es noch 5,4 Milliarden Euro. Dafür lief das Aktiengeschäft der größten deutschen Bank gut: Weltweit nahm sie rund 2,6 Milliarden Dollar an Provisionen aus Aktienverkäufen ein. Im Jahr davor belegte die Deutsche Bank zwar noch den fünften Platz, dafür fielen die Provisionen mit 2,29 Milliarden Dollar geringer aus. Quelle: dpa
Platz fünf: Bank of America Merrill LynchFür die Bank of America ging es auch einen Platz nach unten: 2011 schaffte es die US-Bank noch auf Rang vier, in diesem Jahr hat es nur für Platz fünf gereicht. Dabei ist auch bei der Bank of America das Provisionsvolumen aus Aktiendeals gestiegen: Statt 2,79 Milliarden Dollar wie im Jahr 2011 nahm die Bank im letzten Jahr 3,16 Milliarden Dollar ein. Quelle: dpa

 

Hochfrequenzhändler wie er stellen ihre Computer direkt neben dem Hauptrechner der Börse auf. Aber nicht immer, um schneller zu handeln -, sondern um Aufträge schneller stornieren zu können als andere. Das Platzieren von Handelscomputern in Börsen-Rechenzentren, im Fachjargon Co-Location genannt, hebelt das Prinzip Börse, das auf Gleichberechtigung der Handelsteilnehmer zielt, aus.  

In den USA etwa schoss ein Händler binnen Sekunden mehr als 47 000 Kaufaufträge für die US-Aktie PSS World Medical in die Börsensysteme. Ziel des Traders könnte Folgendes gewesen sein: Da sich Kurse nach Angebot und Nachfrage richten, könnte der Preis der Aktie steigen. Und zwar dann, wenn andere Hochleistungsrechner, deren Algorithmen darauf programmiert sind, hohe Nachfrage zu identifizieren, tatsächlich kaufen. Der Algo-Trader aber, der den ersten Massenauftrag ins System geschossen hat, storniert dann seinen Spam-Auftrag blitzschnell wieder, nachdem er den Kurs in die gewünschte Richtung getrieben hat. Weil seine Computer nah genug am Börsenrechner stehen, bekommt er das hin - und kann eigene Aktien zu höheren Kursen verkaufen.

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Im März 2012 führte die Börse zwar eine Strafgebühr für Trader ein, die viele Aufträge in die Börsen-Systeme schießen, aber letztlich kaum handeln (Excessive Usage Fee). Diese Stornogebühr wird bei Dax-Werten aber erst fällig, wenn auch nach 2500 Aufträgen nicht einmal gehandelt wurde – gemessen am Schaden, den Stornos an der Börse hinterlassen, ist 2500 ein viel zu hoher Wert.   

Manipulative Techniken sind von der Deutschen Börse verboten. Verboten wurden Handelsstrategien, bei denen ein Algorithmus Aufträge in das Handelssystem einstellt, die gar nicht ausgeführt werden sollen. Die Handelsüberwachungsstelle der Börse sucht nach verbotenen Handelsstrategien. Manchmal werden sie eben fündig. Manchmal muss aber auch jemand auf die Sprünge helfen: Laut dem Beschluss des Sanktionsausschusses fiel der Handelsüberwachung das Fehlverhalten des Landesbankers erst bei einer Untersuchung „aufgrund von Hinweisen aus dem Kreis der Handelsteilnehmer“ auf.

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