Deutsche Börse Neuanfang mit mehr Volksnähe

So soll die neue Lobby für die Feier von Börsengängen einmal aussehen Quelle: dpa

Die Deutsche Börse will mit ihrem neuen Chef Theodor Weimer nicht nur wachsen, sondern für das Publikum greifbarer werden. Helfen sollen ein Kinderbuch und ein millionenschwerer Umbau des historischen Börsengebäudes.

Eichhörnchen Flocke hat einen Nussvorrat für den Winter angelegt. Jetzt will Flocke seine Nüsse auf dem Marktplatz der Tiere gegen leckere Waldbeeren tauschen. Fuchs, Dachs, Hase und Rabe sind dort ebenfalls versammelt. Eine Szene aus einem normalen Kinderbuch – aus keinem ganz normalen allerdings. Die Deutsche Börse hat mit der Stiftung Lesen und dem Carlsen Verlag ein Pixi-Büchlein namens „Marktplatz der Tiere“ herausgegeben. Es soll schon die ganz Kleinen in das sperrige Thema Kapitalmarkt einführen – mit dem Begriff des Tauschens, der schon Kindern vertraut ist.

Die tierische Börse im niedlichen Pixi-Format dürfte nur ein kleiner Baustein eines größeren Plans für mehr Volksnähe sein. Die ist vielleicht wichtiger denn je in einer Phase, in der die Börse sich nach einer gescheiterten Großfusion und einem Insiderhandelsskandal an der Vorstandsspitze wieder den Rückhalt des Finanzplatzes Frankfurt und der Gesellschaft sucht.

Hauke Stars, die im Vorstand der Deutschen Börse den Börsenhandel verantwortet, nannte in der Bilanzpressekonferenz mehrere Aktivitäten der Öffentlichkeitsarbeit. Etwa den Ausbau des Börsengebäudes im Herzen Frankfurts zu einem Zentrum für Besucher nebst einer Lounge, in der frisch an die Börse gegangene Unternehmen ihr Debut feiern können. Zudem gebe es eine digitale Lernplattform, die sich vom Laien bis zum Profi an Nutzer mit ganz unterschiedlichem Wissensstand richte.

Neues Gesicht für die Frankfurter Börse

Den Umbau des historischen Börsengebäudes zu einem Publikumsmagneten will der neue Börsenchef Theodor Weimer sich 18,5 Millionen Euro kosten lassen. Mit den Pixi-Büchern wurden 500 hessische Kitas beglückt, mit politischer Unterstützung. Hessens Familienminister Stefan Grüttner hat den Kindergartenkindern öffentlichkeitswirksam daraus vorgelesen. Greifbarer zu werden, ist für ein abstraktes Unternehmen wie die Börse ein Mammutprojekt. Von Aktien wollen viele Leute nichts wissen und von der Frage, wie deren Preis zustande kommt, erst recht nicht.

Banken haben immerhin noch Filialen mit Beratern und selbst bei so komplexen wie undurchsichtigen Unternehmen wie Volkswagen & Co. kann man zumindest die Produkte jeden Tag auf der Straße bestaunen. Bei einem Technologie- und Infrastrukturunternehmen wie der Börse dagegen gibt es kein greifbares Produkt – von den plakativen Charts jeden Abend in der Tagesschau mal abgesehen.

Wenn die Börse mal Schlagzeilen macht, dann tut sie das oft in einem bedrohlichen Zusammenhang, nämlich wenn es an den Märkten abwärts geht. Ganz zu schweigen von den Negativschlagzeilen im vergangenen Jahr über den uneinsichtigen Ex-Chef Carsten Kengeter. Der bezeichnete seinen später gescheiterten Plan zur Megafusion mit der Londoner Börse als gottgewollt und musste nach langem Hin und Her wegen des Verdachts des Insiderhandels mit Aktien des von ihm geführten Unternehmens gehen.

Projekt Brexit

Statt mit Megafusionen will Nachfolger Weimer die Börse jetzt mit organischem Wachstum voranbringen. Das heißt: Neue Produkte entwickeln und neue Kunden gewinnen. Um mindestens fünf Prozent soll der Nettoumsatz 2018 steigen, im zurückliegenden Jahr hat die Börse 2,5 Milliarden Umsatz erzielt und den Gewinn um sechs Prozent auf 857 Millionen Euro gesteigert.

Ganz entscheidend abhängen dürfte Weimers Wachstumsplan vom Projekt, nach dem Brexit eine Alternative zum Finanzplatz London aufzubauen. Der Löwenanteil des Handels mit in Euro notierenden Spezialwertpapieren wird immer noch auf der Insel abgewickelt. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wäre das aber ein Anachronismus. Jetzt buhlen alle Börsen auf dem Festland um die Reste des Londoner Geschäfts. Es wäre nur logisch, wenn Frankfurt und die Deutsche Börse bei der Neuverteilung eine wichtige Rolle spielen würden. Doch dafür braucht es nicht nur unternehmerisches Geschick, sondern auch politische Rückendeckung. Beim Projekt Pixi-Buch zumindest hat die Börse diese schon erhalten.

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