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Deutsche Börse Zahlende Kunden im Vorteil - ein Fall für die Aufsicht!

Wer zahlt, ist manchmal klar im Vorteil. Bei der Deutschen Börse können zahlende Kunden kursrelevante Daten vorab erwerben. Bisher ignoriert die Aufsicht diese dunkelgraue Zone. Langfristig ist das keine Lösung.

Ein Wertpapierhändler blickt in der Börse in Frankfurt am Main (Hessen) auf die Anzeigetafel Quelle: dpa

Die Staatsanwaltschaft New York geht gegen Helfer von superschnellen Börsenhändlern vor. Der Generalstaatsanwalt will nicht, dass Datenanbieter Thomson Reuters Ergebnisse der monatlichen Umfrage zur US-Verbraucherstimmung der Universität Michigan an gut zahlende Kunden mit Zeitvorsprung verschickt. Die Daten gelten als Indikator dafür, wie die Konjunktur sich entwickelt, sie können Börsenkurse heftig bewegen. Dass sie diese eher bekämen, sei ein unfairer Vorteil für Blitzhändler, die "ein enormes Volumen an Trades in der Zeit eines Augenaufschlages durchführen" könnten. Händler hatten die Daten zwei Sekunden vor anderen Reuters-Kunden erhalten, die wiederum fünf Minuten vor der breiten Öffentlichkeit bedient worden waren. Die Händler zahlten dafür Tausende von Dollar – und konnten dafür womöglich Millionen verdienen, weil sie früher als die Masse kaufen oder verkaufen konnten. Fair sieht das nicht aus.

Vorzeitige Informationen sind Insiderhandel

Die Deutsche Börse mischt in dem Geschäft mit, etwa mit einem Dienst für maschinenlesbare Nachrichten. Wer dafür zahlt, kann etwa den ebenfalls oft kursbewegenden Einkaufsmanagerindex Chicago Business Barometer an jedem letzten Arbeitstag im Monat drei Minuten früher haben als die Öffentlichkeit, die ihn dann kostenfrei bekommt.

Unternehmen, etwa im Dax, müssen kursrelevante Informationen per Ad-hoc-Mitteilung allen Handelsteilnehmern gleichzeitig zur Verfügung stellen. Bekommt jemand die Nachricht vom SAP-Rekordergebnis früher als andere und handelt er darauf, ist das Insiderhandel – verboten. Warum darf eine Börse über eine Umfrage potenziell ebenfalls kursbewegende Daten erheben und zu Geld machen, bevor sie veröffentlicht werden? Sind solche Daten nicht ebenfalls eine Art Insiderinformation?

Business Barometer bewegt sich in einer Grauzone

Die Börse legt Wert darauf, dass jedermann den Dienst legal abonnieren könne. Das Barometer gibt es für 200 Euro im Monat sogar per E-Mail. Wer diese plus weitere Daten maschinenlesbar braucht, zahlt bis zu 9000 Euro im Monat. Die Börse und Reuters wiegen sich in Sicherheit. Reuters geht davon aus, dass Nachrichten, die nicht von der Regierung stammen, "legal an extra zahlende Kunden weitergegeben" werden dürften.

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Reicht das Kriterium, dass die Daten nicht von der Regierung stammen dürfen? Wohl kaum. Um die Veröffentlichung des ifo-Geschäftsklimaindex, ein kursrelevanter Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland, soll es schon mal Insiderermittlungen gegeben haben. Das ifo Institut, das die Daten erhebt, ist keineswegs eine Regierungsstelle, genauso wenig wie die Uni Michigan oder das Institut, das das Chicago Business Barometer berechnet, mit dem die Deutsche Börse Geld verdient.

Dass die US-Staatsanwälte in diese dunkelgraue Zone vorpreschen, sollte die deutschen Behörden zumindest mal nachdenklich machen. Wegschauen, nicht zuständig sein, ist keine Lösung.

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