DIW-Präsident Börsenbeben in China ist Gift für die Wirtschaft

Die Konjunktur steht aus Sicht des Ökonomen Marcel Fratzscher 2016 auf wackligem Fundament. Ein schwächelndes China und mehrere Krisenherde könnten den Export schwächen. Flüchtlinge verursachen einen Sondereffekt.

Deutsche sehen China als Bedrohung
Wirtschaftsmacht37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung. Quelle: dpa/dpaweb
BevölkerungswachstumBabyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an. Quelle: REUTERS
Kommunismus15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild. Quelle: REUTERS
Chinesische MauerMan kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland. Quelle: dpa
Chinesisches EssenPeking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche. Quelle: REUTERS
MenschenrechtsmissachtungEbenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden. Quelle: dpa
Diebstahl von Ideen12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer. Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware. Quelle: dpa

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet ungewisse Zeiten für die deutsche Konjunktur. Das jüngste Börsenbeben in China schaffe Verunsicherung, „was prinzipiell Gift für jeden Unternehmer ist“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wir wissen nicht, wie sich die Verwerfungen an den globalen Kapitalmärkten auf die Wirtschaft auswirken werden.“ Das Statistische Bundesamt gibt am Donnerstag bekannt, wie stark das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2015 gewachsen ist.

Die Lage am Arbeitsmarkt bezeichnete der DIW-Chef als „extrem günstig im Augenblick, weil wir über eine Million offene Stellen haben“. Die Arbeitslosenquote werde wegen der „recht hohe Zahl an Flüchtlingen, die dieses Jahr in den Arbeitsmarkt kommen werden“, leicht steigen. „Aber die Arbeitslosenzahl unter denen, die bereits in Deutschland leben, wird weiter sinken“, stellte Fratzscher heraus.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

Als „massive Konjunkturstütze“ seien die knapp 15 Milliarden Euro zu sehen, die der Staat 2016 für die Flüchtlinge ausgeben wolle, sagte der Ökonom. Das entspreche 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Geld gehe „fast eins zu eins in das Wachstum“. Ohne dieses „Konjunkturprogramm“ gäbe es eine deutliche Abschwächung des Wachstums in Deutschland.

Nach Worten des DIW-Chefs ist zu erwarten, „dass sich in diesem Jahr die Nettoexporte in Deutschland eher verhalten entwickeln werden, gerade auch durch die schwächere Entwicklung der Schwellenländer“. So gebe es große Fragezeichen beim Wachstum in China. „Wir haben eine deutliche Abschwächung gesehen von knapp 10 Prozent Wachstum pro Jahr im letzten Jahrzehnt auf unter 7 Prozent im vergangenen Jahr“. Brasilien und Russland seien in der Rezession. Hinzu kämen die Konflikte im Nahen Osten sowie zwischen Russland und der Ukraine.

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Dennoch gebe es auch positive Zeichen. So habe die Schwäche bei den Ausfuhren nach China zuletzt zum Teil durch höhere Exporte nach Südeuropa und andere europäische Länder kompensiert werden können, sagte Fratzscher. Für die Eurozone erwarte das DIW 2016 ein Wachstum von 1,4 Prozent. „Das klingt erst einmal nicht schlecht, ist aber eigentlich zu wenig, um die Eurozone aus der Krise zu ziehen“, ergänzte Fratzscher. Spanien sei ein Lichtblick, Frankreich mache Sorgen mit einem prognostizierten Wachstum von weniger als einem Prozent bei einer Arbeitslosigkeit von über 11 Prozent.

„Die Investitionsschwäche bleibt nach wie vor die große Achillesferse Deutschlands“, meinte der DIW-Präsident. Die derzeit gute Baukonjunktur, gestützt durch die sehr niedrigen Zinsen, sei „nicht unbedingt etwas Nachhaltiges“. Sehr schwach entwickelten sich noch immer die Ausrüstungsinvestitionen, obwohl Unternehmen viel Liquidität und hohe Erträge hätten. Die private Konsumnachfrage werde auch 2016 die Hauptstütze der Wirtschaft sein.

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