Drohende Staatspleite Argentiniens Zukunft liegt in den Händen der Hedgefonds

Am 30. Juni droht Argentiniens Pleite. Ein US-Gericht urteilte zugunsten eines Hedgefonds - und führt damit in ein Dilemma. Das Stück aus dem Tollhaus droht, die Kapitalmärkte dauerhaft zu schädigen.

In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires machen Plakate Stimmung:

In den vergangenen zwölf Jahren nach der Staatspleite Argentiniens blieb allen Beteiligten viel Zeit zum Nachdenken. Regierungen, Gläubiger und Justiz hätten aus der Situation lernen können, welche Wege aus einer Zahlungsfähigkeit eines Landes herausführen, und welche in einer Sackgasse enden. Aber genützt hat es wenig. Denn jetzt steht der Showdown in der Kausa Argentinien bevor - und könnte weltweit die Geldquellen souveräner Staaten an den Kapitalmärkten zum Versiegen bringen. Dabei geht es auf den ersten Blick nur um 900 Milliarden Dollar.

Auf den zweiten Blick aber ist der gesamte Markt für Staatsanleihen bedroht - und damit eine der wichtigsten Geldquellen souveräner Staaten. Selbst die Definition von "souverän" steht zur Disposition. Der Grund dafür liegt einerseits in der Starrköpfigkeit der argentinischen Regierung und der Hedgefonds-Gläubiger. Andererseits war es eine Entscheidung des New Yorker Richters Thomas Griesa und deren Bestätigung durch den Obersten Gerichtshof in den USA, die die Situation endgültig eskalieren lässt.

Jahrelanger Rechtsstreit

Zum Hintergrund: Argentinien hatte sich Ende 2001 in die Zahlungsunfähigkeit manövriert. Der Staat konnte seine Kredite nicht mehr zurückzahlen. Den Inhabern argentinischer Staatsanleihen bot das Land dann 2005 und 2010 an, alte Argentinien-Anleihen gegen neue zu tauschen, die allerdings nur ein Drittel des alten Nennwerts verbrieften. Mit anderen Worten wurde den Gläubigern damals die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder ihr verzichtet auf zwei Drittel des investierten Kapitals, oder euch droht Totalverlust. 93 Prozent der Inhaber argentinischer Staatsanleihen willigten ein. Die restlichen Gläubiger machten nicht mit - in der Hoffnung, ihr Geld eines Tages ganz zurückzubekommen.

Der Hedgefonds NML Capital, eine Tochter der Elliott-Management von US-Milliardär Paul Singer, erwies sich als besonders unnachgiebig in der Eintreibung seiner - vollkommen berechtigten - Forderungen gegen Argentinien. Das Land weigerte sich hartnäckig, die Altschulden zurückzuzahlen. Weil die Staatsanleihen Argentiniens seinerzeit nach US-Recht ausgegeben wurden, beschäftigte der Fall die US-Gerichte. Und dort gab es vor wenigen Tagen ein für das Land höchst problematisches Urteil: Argentinien muss die inzwischen aufgelaufenen 1,5 Milliarden Dollar an die beiden klagenden Hedgefonds zahlen - und bis das passiert sei, dürften auch keine anderen Inhaber von Argentinien-Anleihen bezahlt werden.

Das verdienen die Hedgefonds-Stars
David TepperDavid Tepper gilt in der Hedgefonds-Branche nicht gerade als bescheiden. Bei einer Preisverleihung sagte der 56-Jährige einmal, er wolle als der beste Manager seiner Generation anerkannt werden. Im Ranking der reichsten institutionellen Investoren des Alpha-Magazins belegt Tepper bereits zum zweiten Mal in Folge die Top-Position. Im vergangenen Jahr verzeichneten die zwei wichtigsten Fonds seiner Investment-Gesellschaft, Appaloosa I und Palomino, geschätzte Gewinne von 42 Prozent. Seine Karriere startete Tepper mit Kauf und Verkauf von Junkbonds. In den vergangenen zwei Jahren wurde er vor allem mit Aktienwetten bekannt, die er auf Unternehmen und Branchen abschloss, die scheinbar aus der Mode gekommen waren, etwa Delta Airlines und United Continental Holdings. Gesellschaft: Appaloosa Management Verdienst 2013: 3,5 Milliarden Dollar Quelle: Forbes Quelle: Screenshot
Steven CohenFür Steven Cohen war 2013 juristisch gesehen kein gutes Jahr. Die US-Aufsichtsbehörden verurteilten seine Hedgefonds-Firma SAC Capital wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe von 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro). Das ist die höchste Strafe, die in den USA jemals verhängt wurde. Die US-Behörden hatten im Juli Anklage gegen den Fonds des Milliardär Cohen erhoben. Sie waren überzeugt, dass SAC bei Spekulationen verbotenerweise Tipps von Informanten aus Unternehmen genutzt hatte, mehr als ein Jahrzehnt lang. Für den rund 15 Milliarden schweren Fonds könnte die Klage das Aus bedeuten. Finanziell geht es Cohen aber wohl nach wie vor blendend. Mit 2,4 Milliarden Dollar Gewinn gehört er nach wie vor zu den Top-Verdienern der Wall Street. Gesellschaft: SAC Capital Advisors Verdienst 2013: 2,4 Milliarden Dollar Quelle: REUTERS
John PaulsonJohn Paulson machte sich 2007 einen Namen, als er 3,7 Milliarden Dollar durch Wetten gegen den Subprime-Hypothekenmarkt verdiente. Doch in den Folgejahren ging es für den Manager steil nach unten. 2011 etwa büßten die von Paulson verwalteten Vermögenswerte rund die Hälfte ein. 2013 feierte der Manager sein Comeback mit Aktien, offenbar erfolgreich. Inzwischen fährt er seine Gewinne durch Investments in den Telekommunikationssektor und die Gesundheitsbranche. Gesellschaft: Paulson & Co. Verdienst 2013: 2,3 Milliarden Dollar Quelle: dpa
James SimonsJames Simons ist beim Reichenranking ein alter Hase. Der Manager hat es in den vergangenen 13 Jahren jedes Mal auf die Alpha-Liste geschafft und das, obwohl er lange keinen Hedgefonds mehr verwaltet. Der 75-Jährige ist eigentlich Mathematikprofessor. Die Vorliebe für Zahlen spiegelt sich auch in der Mitarbeiterpolitik von Renaissance Technologies wieder: Simons stellt besonders gerne Physiker, Statistiker und Astronomen ein. Gesellschaft: Renaissance Technologies Verdienst 2013: 2,2 Milliarden Dollar Quelle: AP
Kenneth GriffinDer 45-jährige Griffin stand im vergangenen Jahr auf der Gewinnerseite, wenn auch nicht so stark wie in den Jahren davor. Obwohl seine Hedgefonds-Firma Citadel nur einer mäßige Performance am US-Aktienmarkt aufweisen konnte, brachten die wichtigsten Fonds mit 19,25 Prozent ordentlich Rendite. 2012 waren es noch 25 Prozent. Von sich reden machte der Manager durch seine 150 Millionen Dollar schwere Spende an die Uni Harvard. Das Geld soll finanziell schwachen Studenten zugute kommen. Gesellschaft: Citadel Verdienst 2013: 950 Millionen Dollar Quelle: REUTERS
Israel (Izzy) Englander Mehr als 21 Milliarden Dollar verwaltet die von Israel Englander 1990 gegründete Hedgefonds-Gesellschaft Millennium Management. Gewinn 2013: 13,07 Prozent laut Forbes. Das Besondere am Management Stil Israels: Er teilt die Kosten und Gewinne mit seinen Investoren, anstatt eine fixe Verwaltungsgebühr zu verlangen. Das bedeutet auch, dass der Manager nur dann bezahlt wird, wenn er Gewinne einfährt. Gesellschaft: Millennium Management Verdienst 2013: 850 Millionen Dollar Quelle: mpl.com Quelle: Screenshot
Leon CoopermanDie Fonds von Leon Coopermans Omega Advisors verzeichneten 2013 ein besonders starkes Jahr. Die Gewinne der Hedgefonds-Gesellschaft betrugen 30 Prozent und stiegen damit im Vergleich zu 2012 (25 Prozent). Gesellschaft: Omega Investors Verdienst 2013: 825 Millionen Dollar Quelle: Forbes Quelle: Screenshot
iLawrence (Larry) RobbinsLarry Robbins hatte 2013 ein starkes Jahr. Sein Glenview Opportunities Fund verzeichnete Zuwächse von über 100 Prozent. Robbins gründete Glenview Capital 2001, davor war er jahrelang Partner bei Leon Coopermans Hedgefonds-Firma Omega Advisors. Inzwischen verwaltet Robbins Firma über 7,5 Milliarden Dollar an Vermögenswerten. Gesellschaft: Glenview Capital Management Verdienst 2013: 750 Millionen Dollar Bild: Forbes Quelle: Screenshot
Daniel LoebDer 52-jährige Loeb konnte mit seiner Gesellschaft Third Point laut Daten von Forbes einen Gewinn von 25 Prozent verzeichnen. Bekannt wurde Loeb vor allem dadurch, dass er auf einen Management-Wechsel beim Internetkonzern Yahoo hinwirkte. Nachdem Yahoo-Vorstand Scott Thomson seinen Posten verließ, verkaufte Loeb gewinnbringend seine Beteiligungen an dem Konzern. Gesellschaft: Third Point Verdienst 2013: 700 Millionen Dollar Quelle: REUTERS
Ray DalioÜber 150 Milliarden US-Dollar verwaltet Bridgewater Asscociates. Damit ist Manager Ray Dalio Herr über die weltweit größte Hedgefonds-Firma. Allerdings waren die vergangenen Jahre nicht einfach für die Firma. Die wichtigsten Fonds, etwa der Pure Alpha Hedgefund, verzeichneten Gewinne im einstelligen Bereich oder gar Einbußen. Auf der Liste der Reichen Hedgefonds-Manager schafft es Ray Dalio deshalb nur auf Platz zehn. Gesellschaft: Bridgewater Associates Verdienst 2013: 950 Millionen Dollar Quelle: Bloomberg
Paul Tudor Jones IIDer Vorzeigefonds von Paul Tudor, BVI Global Fund, gewann im vergangenen Jahr rund 14 Prozent. Der aus Tennessee stammende Investor stieg 1976 in das Geschäft ein und handelte zunächst mit Baumwolle. 1980 gründete er Tudor Investment und machte sich 1987 einen Namen, als es ihm gelang, den Börsencrash erfolgreich zu umschiffen. Gesellschaft: Tudor Investment Corp. Verdienst 2013: 600 Millionen Dollar Quelle: tudorfunds.com Quelle: Screenshot

Argentinien will Anleihen bedienen, darf aber nicht

Jetzt tickt am Markt für Staatsanleihen eine Zeitbombe. Den am kommenden Montag, dem 30. Juni, müsste Argentinien Anleihezinsen in Höhe von 900 Millionen Dollar zahlen - was die US-Justiz untersagt hat. Die Ratingagenturen würden dann Argentinien als Zahlungsausfall (Default) einstufen, die ausstehenden Staatsanleihen praktisch wertlos.

Die Regierung des Südamerikastaates befürchtet, auch die anderen Gläubiger, die sich seinerzeit nicht am Schuldenschnitt beteiligten, auszahlen zu müssen, wenn die beiden klagefreudigen Hedgefonds das geforderte Geld erhalten. Schon müsste das Land 15 Milliarden Dollar berappen. Klagen auch noch die Teilnehmer am Schuldenschnitt, stehen plötzlich Forderungen von 120 Milliarden Dollar im Raum. Das entspräche fast dem Fünffachen von Argentiniens Reserven.

Das Land will sich den "Aasgeiern" nicht beugen und kann derart große Forderungen nicht aus eigener Kraft erfüllen. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen - unter anderem auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - wettert die Regierung von Christian Fernandez de Kirchner gegen die "Geierfonds". Argentinien sei gesprächsbereit - entgegen den Behauptungen von Paul Singer und seiner Mitstreiter. Der Streit mit den Hedgefonds gefährde die gesamte Umschuldung Argentiniens seit der Staatspleite 2001. In der Konsequenz drohte Argentiniens Regierung mit einer erneuten offiziellen Zahlungsunfähigkeit.

Unterstützung erfährt das Land aus der G77, einem Zusammenschluss aufstrebender Entwicklungsländer. Brasiliens UN-Botschafter und ehemaliger Außenminister Antonio Patriota bezeichnete das US-Urteil als eine irrationale Legalisierung des „unverantwortlichen Verhaltens“ der Hedgefonds. Selbst die US-Regierung steht auf Seiten Argentiniens, weil das Funktionieren des Marktes für Staatsanleihen gefährdet sieht.

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