E.On und RWE in der Krise Kaum Hoffnung für Anleger

Aktionäre der Dax-Konzerne bangen - es könnten Milliarden für den Atomausstieg fehlen. Und sie hoffen - ob möglicher Finanzspritzen neuer Großinvestoren. Für ihre Aktien zeigt der Trend aber nur in eine Richtung.

Für den Rückbau der Atomkraftwerke sollte das Geld noch reichen. Für die Endlagerung könnten den Versorgern aber 30 Milliarden Euro fehlen. Quelle: dpa

Erst fehlen vermeintlich 30 Milliarden Euro bei den Rückstellungen für den Atomausstieg und die Nachricht drückt Anfang der Woche die Aktien der größten deutschen Energiekonzerne RWE und E.On tief ins Minus.

Dann löst am Donnerstag die Meldung der WirtschaftsWoche, die Investmentgesellschaft Aabar Investment aus Abu Dhabi würde bei RWE einsteigen, einen Kurssprung von rund zehn Prozent aus.

Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffen und Bangen für die Aktionäre. Wie sicher ihre Investitionen in die beiden Dax-Konzerne noch sind, vermögen sie kaum mehr verlässlich einzuschätzen. Fondsmanager Christoph Bruns von Loys verfremdete schon Anfang 2013 in einem Kommentar für das Handelsblatt den RWE-Werbeslogan zu: "voRWEggehen in die Insolvenz". Jetzt wird sein Beitrag wieder bei Twitter geteilt.

Die Meinungen der Analysten zur Zukunft der Unternehmen driften weit auseinander. Die DZ Bank riet zum Verkauf der E.On-Aktie, angesichts der Unsicherheit über die Höhe der Rückstellungen, die die Versorger bislang für den Rückbau von AKWs und die Entsorgung radioaktiver Abfälle gebildet haben. Analyst Thorsten Wenzel reduzierte sein Kursziel bereits mehrfach in den vergangenen Wochen: Anfang September von 9,20 Euro auf 8,30 Euro, jetzt auf sieben Euro. Aktuell notiert E.On bei 7,90 Euro.

Währenddessen stuften Analysten der NordLB die Titel der beiden Versorger am Mittwoch von Halten auf Kaufen, zeigen Bloomberg-Daten. Sind sie so weit gefallen, dass sich bereits eine günstige Einstiegsgelegenheit bietet? Der Kurs der RWE-Aktie liegt rund 50 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen 200 Tage. Im Dezember hatte der Kurs die langfristige Trendlinie unterschritten, seitdem geht es deutlich bergab. Gleiches Bild beim Blick auf den Kurs der Eon-Aktie, nur hatte der Kurs dort erst im Mai die 200-Tage-Trendlinie unterschritten.

Das spricht gegen eine schnelle Erholung. Und ein absolutes Schnäppchen scheinen die E.On- und RWE-Aktien bei einem für 2016 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp unter zehn auch nicht. Kaum überzeugend für Anleger - ein langfristiges Investmentszenario dürften beide Konzerne für sie momentan nicht mehr bieten.

Zumal droht RWE der Abschied aus der ersten Börsenliga, sollte sich der Kursverfall der vergangenen Wochen fortsetzen. "Der Abstieg von RWE aus dem Dax ist noch nicht akut, aber es darf auch nicht mehr viel passieren", sagte Uwe Streich, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. "Geht die Talfahrt der Aktien weiter, wäre ein außerordentlicher Abstieg Ende November durchaus möglich." Die nächste reguläre Dax-Überprüfung steht erst wieder im September 2016 an.

"Das war unglaublich vertrauenszerstörend"
Bei RWE rumort es gewaltig hinter den Kulissen: Angesichts der Krise des Energiekonzerns trommeln die Kommunen vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag für Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller als künftigen Chefaufseher. Er soll mit seinen politischen Kontakten das Ruder herumreißen. Amtsinhaber Manfred Schneider kämpft dagegen offenbar für den Ex-SAP-Finanzvorstand Werner Brandt als seinen Nachfolger. Bei der Herbstsitzung des Aufsichtsrats in Essen könnten die Weichen gestellt werden, offiziell gewählt wird im kommenden Frühjahr. Bei der Sitzung muss RWE-Chef Peter Terium außerdem den weiter dramatisch fallenden Aktienkurs erklären und Ängste vor weiteren Dividendenkürzungen zerstreuen. Es schaut nicht gut aus für den Energieriesen – die Krise von RWE in Zitaten. Quelle: dpa
„Das Unternehmen geht durch ein Tal der Tränen.“ (RWE-Chef Peter Terium bei der Quartalsbilanz im November 2013) Quelle: dpa
„Die niedrigen Strompreise hinterlassen ihre Blutspuren in unserer Bilanz.“ (RWE-Finanzvorstand Bernhard Günther, im Mai 2014) Quelle: Presse
„Das Tal der Tränen ist also noch nicht durchschritten.“ (RWE-Chef Peter Terium bei der Jahresbilanz im März 2015) Quelle: dpa
„RWE muss sich gesundschrumpfen und braucht an der Spitze keinen Visionär, sondern einen Sanierer.“ (Fondsmanager Ingo Speich bei der Hauptversammlung im April 2014) Quelle: Presse
„Womit verdient RWE in fünf Jahren sein Geld – das ist die Gretchenfrage.“ (Aktionärsvertreter Marc Tüngler bei derselben Hauptversammlung) Quelle: dpa
„Unabhängig von Länder- und Spartengrenzen: Es geht ums Überleben.“ (RWE-Kraftwerkschef Matthias Hartung im Juli 2015) Quelle: dpa
„Wir schaffen zwei zukunftsfähige Unternehmen unter einem Dach.“ (RWE-Chef Peter Terium erklärt im Dezember die von ihm geplante Aufspaltung) Quelle: REUTERS
„Wir wissen, dass wir mit der heutigen Entscheidung viele Aktionäre enttäuschen. Sie ist jedoch notwendig, um unser Unternehmen zu stärken.“ (Terium begründet am 17. Februar 2016 die Entscheidung des Unternehmens, die Dividende auf 13 Cent zu kürzen) Quelle: dpa
„Das war schlechter Stil und unglaublich vertrauenszerstörend.“ (Ernst Gerlach, Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen RWE-Aktionäre (VKA), über die Ankündigung des Dividenden-Wegfalls Ende Februar 2016) Quelle: dpa Picture-Alliance
„Ich habe überhaupt kein Problem mit solchen Kundgebungen. Ich habe ja auch Kinder im protestfähigen Alter.“ (Terium über die Umweltaktivisten, die die Hauptversammlung im April gestört hatten) Quelle: dpa
„Wir haben etliche Milliarden Euro in der Kasse, unter anderem erzielt aus dem Verkauf der Gasförderfirma DEA. Unser Geschäft ist bis zum Ende des Jahrzehntes durchfinanziert – da brennt nichts an. Über unsere bestehenden Anleihen bekommen wir zudem Geld zu sehr verträglichen Zinssätzen.“ (Terium dementiert im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Mitte Juli 2016 Gerüchte, RWE stehe kurz vor der Pleite) Quelle: dpa

Dem Experten zufolge könnte bei der außerordentlichen Entscheidung Ende November die sogenannte "45/45-Regel" Anwendung finden: Danach muss ein Dax-Mitglied den Leitindex verlassen, wenn es in mindestens einem der beiden entscheidenden Kriterien - streubesitzgewichtete Marktkapitalisierung und Börsenumsatz - nicht mehr der Top 45 angehört. Derzeit liegt RWE in puncto Kapitalisierung laut Streich auf Platz 40 und verfügt noch über einen Puffer von rund 25 Prozent. RWE hat gerade noch eine Marktkapitalisierung von sieben Milliarden Dollar - bei einem Umsatz von 48,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Zu Beginn des Monates hatte die Deutsche Börse-Tochter Stoxx bereits mitgeteilt, dass RWE ab Ende September nicht mehr im Index EuroStoxx 50 enthalten sein wird. Der Gesundheitskonzern Fresenius wird RWE in einem der wichtigsten europäischen Indizes ersetzen. Die ebenfalls im Dax notierten E.On-Aktien befinden sich laut Streich allerdings nicht in der Reichweite möglicher Abstiegsplätze. Und Analysten bei Goldman Sachs gehen davon aus, dass sich die Bilanz von E.On als robust zeige, gegenüber einem Stresstest zu den Kosten des Atomausstiegs.

Die Aktien von RWE stehen seit Monaten wegen der Folgen des Atomausstiegs unter Druck. Zuletzt hatte sich die Talfahrt aber noch einmal beschleunigt. Allein in den vergangenen sechs Wochen brach die Aktie um mehr als 40 Prozent ein. Seit Jahresbeginn sind es fast 58 Prozent. Einen ähnlichen Kursrutsch musste auch Konkurrent E.On hinnehmen, der seit Anfang des Jahres 47 Prozent an Wert eingebüßt hat.

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Am Freitag ging es erneut nach unten für die RWE-Aktie, sie verlor bis zum Mittag fast sieben Prozent. Die E.On-Aktie rutschte 2,2 Prozent ins Minus, fügte sich aber nur dem generellen Abwärtstrend im Dax.

Denn bis auf Adidas verloren alle Konzerne gut zwei Prozent nach der gestern aufgeschobenen Zinswende der US-Notenbank, die für Unsicherheit bei den Anlegern weltweit sorgt.

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