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Elsässers Auslese

Aktionäre sollten sich die Aufsichtsräte genauer anschauen

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Keine Umgangsformen im Altherren-Club

Die globale Geschäftswelt stößt schnell an ihre Grenzen, wenn es im Aufsichtsrat hart auf hart geht. In Skandinavien saß ich als einziger ausländischer Kapitalvertreter im Aufsichtsrat einer Minengesellschaft. Als die Geschäfte schlechter liefen, war bald Schluss mit den gepflegten Umgangsformen. Ich wurde zunehmend als „Deutscher“ Eindringling angesehen. Ganz unverblümt wurde in entscheidenden Moment auf Schwedisch debattiert. Nach außen hin vertrat ich den größten Aktienblock, doch das Sagen hatten der Altherren-Club aus der Stockholmer Oberschicht.

Worauf sollte der Geldanleger und Aktionär achten, wenn er sich den Aufsichtsrat einer börsengelisteten Aktiengesellschaft genauer anschauen möchte? Was sind Warnhinweise, welches sind für den Aktionär gute Konstellationen?

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Eine gute Ausgangsbasis ist es ganz eindeutig, wenn der größte Aktionär auch den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt. Damit bekennt er sich in aller Öffentlichkeit zu seinem Engagement. Mit der Stellung - großer Aktienbesitz und Chef des Aufsichtsrats – hält er die Fäden in der Hand. In so einem Fall muss sich der freie Aktionär „lediglich“ ein Bild über diese Person machen. Ist er von ihr, als seinem Kapitalvertreter überzeugt? Das geht am einfachsten über den Besuch der Hauptversammlung. Da wird er den Aufsichtsratsvorsitzenden intensiv erleben. Wie führt er die Versammlung, ist er souverän, antwortet er frei und kompetent, ist er fit? Ist er umringt von Beratern und Assistenten? Da bekommen Sie schnell einen Eindruck. Das Gespräch mit anderen Mitaktionären lohnt sich ebenfalls.

Die Alarmglocken gehen bei mir an, wenn der größte Aktionär nicht den Vorsitz übernimmt. Die Begründung ist meist, dass er aus Bescheidenheit nicht im Rampenlicht stehen möchte oder dass er anderweitig beruflich überlastet sei. Aus meiner Sicht, sind das alles nur Ausflüchte. Wer bei einer Aktiengesellschaft das meiste Kapital stellt, der sollte auch die volle Verantwortung übernehmen. Er muss vorangehen. Denn nur dann hat er auch das Sagen. In einem der Vermögensbeiräte, in welchem ich über zehn Jahre Mitglied war, fasste es mein Kollege, ein erfahrener Wirtschaftsanwalt aus Bonn völlig richtig zusammen: „Ganz am Ende kommt es nur auf Eines an: Ob er einen rausschmeißen kann“.

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Weiterhin würde ich empfehlen, „gemütliche Altherrenrunden“ im Aufsichtsrat kritisch zu betrachten. Erfahrungen aus verschiedenen Generationen sind wichtig. Meine ideale Altersstruktur im Aufsichtsrat wäre - was ich nenne - die „75-55-35 Regel“. Angetroffen in der Praxis habe ich meist die Altersklassen 55 bis 65 Jahre. Damit geht abrupt zu einem bestimmten Zeitpunkt viel Know How von Bord.

Von festen Pensionierungsgrenzen im Aufsichtsrat halte ich nichts. Wenn ich tüchtige 40jährige und 50jährige Aufsichtsratsmitglieder habe, freue ich mich über einen Senior im Alter von 82 Jahren im Gremium. Es geht um die Ausgewogenheit an Erfahrung und Wissen im Kontrollgremium. Das ist für den Aktionär von Wert.

Eine Unsitte ist der fehlende Aktienbesitz bei vielen Aufsichtsräten. Da bin ich unerbittlich. Wer nicht substantiell - im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten - in Aktien der Gesellschaft investiert, bei der er über die Kapitalinteressen zu wachen hat, der gehört einfach nicht auf den Aufsichtsratssessel. So ein Mensch ist wie ein Bademeister, der nicht schwimmen kann. Als Aktionär bestehe ich darauf, dass meine Kapitalinteressen von Leuten vertreten werden, die ebenfalls Geld verlieren, wenn der Aktienkurs sinkt. Also, wenn der Aktienbesitz nicht im Bericht veröffentlicht wird, dann würde ich die Investor Relations Abteilung danach fragen. Diejenigen Aufsichtsratsmitglieder, die nur wenige Aktien besitzen, würde ich gezielt nach der Begründung dieses Sachverhaltes fragen. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, Sie werden überrascht sein, wie viele Aufsichtsräte sich mit lächerlich niedrigen Summen engagiert haben.

Börse



Dies sind nur einige der Punkte und die Liste lässt sich um Einiges verlängern. Mein Fazit:

Ein guter Aufsichtsrat ist Gold wert. Als Value-Investor würde ich mich lieber an weniger Unternehmen beteiligen, als in diesem Punkt Kompromisse einzugehen oder im Dunkeln zu tappen einzugehen. Ich halte das aus Kapitalsicht für zu gefährlich. Also, vielleicht denken Sie einmal darüber nach und schauen sich künftig die Damen und Herren im Aufsichtsrat genau an.

Dr. Markus Elsässer ist Gründer und berät den ME Fonds- Special Values (WKN: 663307) und den Rohstoff-Aktienfonds ME Fonds Pergamon (WKN: 593117). Diese beiden Fonds könnten Positionen in Titeln halten, die in dieser Kolumne genannt sind.

Für den Fall, dass Leser dieser Kolumne Positionen eines genannten Titels in einem Umfang erwerben, der dazu geeignet ist, den Preis des Titels zu beeinflussen, könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide die Fonds im Falle der Veräußerung des Titels aus deren Portfolio nach einem solchen Kursanstieg vom Erwerb des Titels durch die Leser der Kolumne profitieren. Auch im Falle eines Verkaufs in einem entsprechenden Umfang durch Leser der Kolumne könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide Fonds von fallenden Kursen durch günstigere Einstiegskurse im Falle eines späteren Kursanstiegs profitieren.

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