WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Elsässers Auslese

Sinkende Aktienkurse - was ist zu tun?

Markus Elsässer Value Investor

Die größte Herausforderung an der Börse für den Anleger? Der Kampf gegen die eigene Psyche. Dazu eine typische Variante aus der Praxis: Das Verhalten bei sinkenden Aktienkursen. Eine Kolumne.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die besten Tipps für faule Anleger
Das Basis-Portfolio Quelle: dpa
Schwellenländer Quelle: AP
Langfristig denken Quelle: dpa
Sicherheit kostet Quelle: dpa
Gut Ding will Weile haben Quelle: dpa
Die Mischung macht's Quelle: dpa
Variationen Quelle: dpa

Hat sich der Geldanleger erst einmal zum Kauf einer bestimmten Aktie entschieden, so erwartet er im Unterbewusstsein, dass sich schon bald nach seinem ersten Kauf Positives an der Börse tun wird. Das ist natürlich unrealistisch, aber im tiefsten Inneren hätte er es doch gerne so. Vor allem sollten die Kurse seiner Aktie ab jetzt doch - bitte schön - steigen. Genüsslich verfolgt der Aktionär jede Kursbewegung nach oben. Ein wohliges Gefühl der inneren Bestätigung schleicht sich ein. Schnell fühlt sich mancher Anleger wie ein Börsengenie vom Schlag eines Bernard Baruchs oder Kostolanys. Sinkt stattdessen der Börsenkurs, ganz entgegen seiner Erwartung, so setzt eine instinktive Reaktion ein: „Das kann ja wohl nicht sein, so eine Gemeinheit, am besten gleich mal nachkaufen“.

Zur Person

Das Fazit aus einer solchen Verdrossenheit heißt: Den Einstandskurs verbilligen. Dies ist eine gefährliche Zauberformel, die schon Generationen von Börsianern das Finanz-Genick gebrochen hat. Schauen wir uns einmal den Verlauf eines recht typischen Beispiels an: Der erste Kauf wurde zu Kursen um die 100 Euro getätigt. Kurze Zeit später steht die Aktie nur noch bei 91 Euro. Mutig kauft der Aktionär nach. Doch der Kursverfall setzt sich fort. Wenige Wochen später notiert die Aktie bei 78 Euro. Jetzt erst recht, heldenhaft stemmt sich der Anleger gegen die Flut. „Bei den Preisen muss man doch zuschlagen“.....und schon hängt der Investor mit seinem Engagement in einer Schieflage. Es ist eine Art Trotzreaktion („die Börse spinnt ja total“), welche den kühlen und klaren Blick vernebelt. Sobald Kurse sich ganz anders entwickeln, als erwartet, ist dies ein deutlicher Warnhinweis aller erster Güte. Es ist so, als wenn überall Stop-Schilder aufgestellt worden wären.

Welche Aktien aus dem DAX jetzt noch kaufenswert sind

Die richtige Interpretation wäre, sein Ego in den Griff zu bekommen. Der besonnene Investor hat gelernt, dass in solchen Fällen vielleicht etwas vorliegt, was er nicht überblicken kann. Da heißt es, erst einmal nachdenken, recherchieren, Boden unter die Füße bekommen, herausfinden, was da im Busch verborgen sein könnte. Meist hat es seinen Grund, wenn ein Börsenkurs sich massiv auf Talfahrt begibt. Mit meinen 44 Jahren Börsenerfahrung als Value-Investor hat es mich viel Zeit, Geld und Mühe gekostet, konsequent diese Trotz- und (nennen wir es ruhig) Rechthaber-Reaktion abzulegen. Das war alles andere als einfach, dahin zu kommen. Ich habe gelernt, nicht blind den Einstandspreis zu verbilligen.

Wie gehe ich vor?

Beim Aufbau einer neuen Aktienposition sollte der Geldanleger immer klein anfangen. Die Position sollte er dann geduldig Schritt für Schritt über die Zeit ausbauen, aber nur wenn sich der Kurs der Aktie stabil entwickelt. Das ist der entscheidende Punkt, auf den es ankommt. Läuft die Börsennotiz gegen ihn, dann wird eben nicht zugekauft. Nach einer gewissen Recherche stellt man nämlich häufig fest, dass sich doch etwas unerwartet Negatives im Umfeld der Aktiengesellschaft ereignet hat. Dann sollte der Investor über seinen Schatten springen und die Aktienposition verkaufen. Der Schaden ist am Anfang in der Regel gering. Man sollte solch eine frühe Korrektur wie einen Fehlstart bewerten und nicht wie eine Katastrophe, die einem das Engagement an der Börse für immer verleidet.

Wo Deutschlands Aktionäre wohnen
Deutschland-Atlas AnlageverhaltenZwischen Wohlstand und Aktienbesitz gibt es einen direkten Zusammenhang, das zeigt der Deutschland-Atlas Anlageverhalten der Comdirect-Bank. Diese Korrelation zwischen Aktienquote und Wohlstand manifestiert sich auch auf regionaler Ebene: In Kreisen, in denen viele Besserverdienende wohnen, wird überdurchschnittlich häufig in Aktien investiert. Dabei stechen zwei Bundesländer besonders hervor. Die Studie „Deutschland-Atlas Anlageverhalten“ der Comdirect Bank basiert auf aktuellen mikrodemografischen Daten von GfK und Acxiom zu Bevölkerungsstruktur, Einkommen und Aktienbesitz in Deutschland. Die Daten wurden auf Kreis- und Stadtebene konsolidiert und zu ausgewählten Fragestellungen in Bezug zueinander gesetzt. Quelle: AP
Platz 10: Baden-BadenAuf Platz zehn kommt die Baden-Württembergische Stadt Baden-Baden - hier ein Blick auf den Leopoldplatz. Eine Erklärung für die Korrelation liefert Daniel Schneider, Leiter Investing bei Comdirect: „Dass vor allem in einkommensstarken Regionen die Anlagemöglichkeiten am Aktienmarkt gut genutzt werden, erscheint im ersten Moment logisch. Umgekehrt gibt es kaum Regionen, die bei durchschnittlichen Einkommen eine hohe Aktionärsquote verzeichnen. Tatsächlich aber sollten Aktien keine Anlageform nur für Besserverdienende sein.“ Quelle: dpa
Platz 9: Ebersberg (Bayern)Der Landkreis Ebersberg liegt im Speckgürtel von München, was seine hohe Platzierung erklärt. „In Nachbarkreisen des aktienaffinen München zeigen auch Normalverdiener eine hohe Aktienaffinität. Die Metropolen mit überdurchschnittlich vielen Aktionären strahlen auf ihre Nachbarregionen ab“, erklärt der Comdirekt-Experte. Quelle: dpa
Platz 8: Regensburg (Bayern)Regensburg landet auf Platz acht. Doch die Korrelation zwischen hohem Einkommen und entsprechender Aktionärsquote gilt nicht zwangsläufig, so gibt es etwa in Bayern zwei Ausnahmen: Kaufbeuren mit unterdurchschnittlichen 25,5 Prozent Besserverdienenden und 10 Prozent Aktionärsquote, sowie Kempten im Allgäu mit 26,2 Prozent Einkommensstarken und 11,4 Prozent Aktienbesitz. Quelle: dpa
Platz 7: Erlangen (Bayern)Erlangen landet auf Rang sieben. Eine Ausnahme für die Korrelation zwischen vielen Besserverdienern und hoher Aktienquote ist jedoch Leverkusen: Mit 29,9 Prozent Besserverdienern liegt die kreisfreie Stadt zwar leicht über dem Einkommensdurchschnitt. Die Aktionärsquote ist mit 11,5 Prozent jedoch deutlich höher. „Auch hier liegt mit Köln eine Aktienhochburg in unmittelbarer Nähe: Bei einem Drittel Besserverdienern beträgt die Aktionärsquote hier starke 12,6 Prozent“, so Experte Schneider. Quelle: dpa
Platz 6: FürstenfeldbruckBei Fürstenfeldbruck kommt wieder die Nähe zu München ins Spiel. So landet die 35.000-Einwohnerstadt auf Platz sechs des Rankings. Auf den letzten Plätzen der 402 deutschen Kreise nach Einkommen und Aktionärsquote rangieren 33 ostdeutsche Regionen. Hier liegt der Anteil Besserverdienender unter 20 Prozent, zugleich liegt die Zahl der Aktionäre bei unter sechs Prozent. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sind es 28,2 Prozent Besserverdiener, die Aktionärsquote beträgt neun Prozent. Quelle: Screenshot
Platz 5: Main-Taunus-Kreis (Hessen)Der Main-Taunus-Kreis im Regierungsbezirk Darmstadt landet auf Platz fünf. Auch hier besteht eine hohe Korrelation zwischen einem hohen Anteil an Besserverdienern und dem in Aktien angelegten Vermögen. Quelle: imago images

Und umgekehrt heißt es, behutsam mit Freude Aktien nachkaufen, wenn steigende Aktienkurse den Erfolg der Unternehmung widerspiegeln (anstatt sich über die „davon gelaufenen Kurse zu ärgern). Hier gilt die simple Börsenweisheit: „Up is Good“. Indem der Geldanleger gegen die ureigenste psychische Reaktion angeht, handelt er in seinem Aktiendepot nach dem Gärtner-Motto: „Rosen stehen lassen und das Unkraut entfernen“. Hier liegt einer der Hauptgründe, warum einige Investoren in der Lage sind, langfristig eine deutlich bessere Performance zu erwirtschaften als der Gesamtmarkt. Die beschriebene Anlage-Methodik ist für das Ego des Geldanlegers schmerzlich.

Neulinge auf dem Parkett: Wer jetzt an die Börse geht

Es geht um das frühe Eingeständnis, eine falsche Kaufentscheidung getroffen zu haben. In der Realität sieht es leider in den meisten deutschen Depots indessen ganz anders aus. Noch nach Jahren ist bei Depotanalysen festzustellen, dass die Aktien-Portefeuilles voll von solchen „angebissenen Äpfeln“ sind. Erst wenn der historische Einstandspreis erreicht ist, dann sind die meisten Geldanleger willens, sich von ihrem schief gelaufenen Aktienengagement zu trennen. Ein Anlageverhalten, welches ins Verderben führt. So wird die Qualität des Depots doch immer schlechter. Die Aktiendepots schauen mancherorts wie ein Sammelsurium zusammengeschossener Posten aus. Ganz nüchtern betrachtet ist es ja so: Die Höhe des gesamten Vermögens wird jeden Tag an der Börse ganz genau festgesetzt.

Themen



Wie mit einem Barometer dokumentiert die Aktienbörse mit ihren täglichen Börsenkursen genau, wie viel das gesamte Vermögen wert ist. Und deshalb ist es auch ganz gleich, was früher einmal für eine bestimmte Aktie gezahlt wurde. Das Vermögen ist nun mal was es täglich ist, nicht mehr und nicht weniger. An der Börse kann man sich nicht reich oder arm rechnen. Es gibt stets einen Kurs. Auf die Zukunft kommt es an – Rosen oder Unkraut. Von daher mein Rat: Überdenken Sie Ihre Anlagestrategie. Und was ist mit dem „Unkraut“ im Depot? Tun Sie mir den Gefallen, bitte nicht stehen lassen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%