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Engelmanns Eigenhandel

Das Schreckgespenst des Schuldenschnitts

Thilo Sarrazins Buch hat unser Kolumnist nicht gelesen, ihm reicht es, das Drama der Währungsunion an jedem Börsentag live zu verfolgen. Das ist vor allem geprägt von der Krise der spanischen Banken und der Flucht der Anleger  in Sicherheit, die die Kurse von Bundesanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit dramatisch steigen lässt und die Renditen Richtung ein Prozent drückt.

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Das neue Buch von Sarrazin Quelle: dapd

Ich liebe Bücher! Bücher sind mir heilig! Deshalb betrachte ich Buchläden auch nicht als schnöde Einzelhandelsgeschäfte, sondern vielmehr als Kathedralen des Geistes. In ihnen kann man all den vielen Autoren huldigen, die - einsam in ihrer Kemenate sitzend - ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und große Werke literarischer Kunst geschaffen haben. Auch die Fachabteilungen, in den Sachbücher aus den verschiedensten Wissensgebieten Seit' an Seit' in den Regalen stehen, laden zum Staunen und Bewundern ein.

Ist es nicht faszinierend, welches enorme Wissen zwischen die beiden Deckel eines Buches passt? Aber egal ob hochgeistige Prosa oder Schundliteratur, egal ob romantische Lyrik oder Sachbuch: Schon allein die große Auswahl lässt die Herzen von Bücherwürmern höher schlagen und macht Buchläden für sie zu Oasen der Glückseligkeit. Nur ab und an wird diese Glückseligkeit gestört, und zwar immer dann, wenn die Buchhändler in einem Werk einen neuen Bestseller vermuten. Dann kann der sonst so inspirierende Bummel durch die Welt der Bücher schnell zu einer öden Angelegenheit werden. Manche Autoren und ihre Neuerscheinungen verfolgen einen dann auf Schritt und Tritt. So wie Thilo Sarrazin und sein jüngstes Werk.

Die provokantesten Zitate aus Sarrazins Euro-Buch
"Ich war im Bundesfinanzministerium im Juli 1989 in die von Horst Köhler geleitete Währungsabteilung gewechselt. (…) Mehrheitlich betrachteten wir damals im Hause alle Überlegungen für eine Europäische Währungsunion als Anschlag auf die deutsche Stabilitätskultur.“" Quelle: dapd
„Sind die Briten, Schweden, Polen, Tschechen keine Europäer oder leben sie in gescheiterten Staaten, nur weil sie nicht mit dem Euro zahlen?“ Quelle: AP
"Für Italien zeigt die jahrzehntelange Erfahrung, dass vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation nicht wesentliche Triebfedern dieser Gesellschaft  (…) sind." Quelle: REUTERS
"Objektive Faktoren sind für diese Unterschiede nicht maßgebend, vielmehr ist es die Mentalität der Völker. Im Durchschnitt kann man sagen, dass finanzielle Solidität in Europa umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima und je länger und dunkler der Winter." Quelle: dpa
„Wie viele ältere Männer war Helmut Kohl von dem Gefühl getrieben, wichtige langfristige Fragen, für die die Weisheit und Macht seiner Nachfolger nicht ausreichen würde, möglichst zu seiner Zeit abschließend zu regeln, mochten ein paar technische Unterpunkte auch noch ungeklärt sein. So kam Deutschland zum Euro.“ Quelle: dapd
„Angela Merkel zumal konnte nichts für den Schlamassel, den sie übernommen hatte. Aber sie nahm Kohls Erbe an und erwies sich im Sommer 2011 mit der Formel ,Scheitert der Euro, dann scheitert Europa’ als seine würdigen politische Tochter.“ Quelle: AP
„Dazu passte ein Bundesfinanzminister Schäuble, der sich schon seit seinem Amtsantritt im November 2009 mehr um die europäische Zukunft als um die deutschen Staatsfinanzen zu sorgen schien.“ Quelle: dpa

Stapel statt Vielfalt

Der vormalige Bundesbankvorstand und frühere Finanzsenator Berlins und sein  "Europa braucht den Euro nicht" sind ein Schrecken für den Vielfalt schätzenden Bücherwurm. Als ich kürzlich der örtlichen Dependance einer großen Buchhandelskette einen Besuch abstattete, da spürte ich nur wenig von eben jener Vielfalt, die solche Geschäfte für gewöhnlich auszeichnet. Wohin ich auch blickte: Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin. Schon im Eingangsbereich hatte man unzählige Exemplare der Streitschrift  aufeinandergestapelt - ganz so, als erwarte man minütlich den Ansturm ganzer Busladungen Euro-kritischer Zeitgenossen.

Doch damit nicht genug: Zu beiden Seiten der Rolltreppe in den ersten Stock: Sarrazin. Zwischen Kochbüchern und Reiseführern: Sarrazin. Neben allerlei esoterischen Lebenshilfebüchern und Ratgebern aller Arten: Sarrazin. Es hätte mich nicht gewundert, auch noch auf dem stillen Örtchen jenes Ladens eine Ausgabe von "Europa braucht den Euro nicht" vorzufinden - selbstverständlich durch eine eiserne Kette vor Diebstahl gesichert. Motto: Niemand entkommt Thilo Sarrazin. Muss man ihn also gelesen haben, um überhaupt am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen zu können? Sagt uns Thilo Sarrazin etwas Neues? Und vor allem: Wem nützt seine Erkenntnis?

Spanien im Fokus

Eine Frau vor einem Bankautomaten der Bankia Quelle: REUTERS

All diese Fragen müssen Sie für sich selbst beantworten. Denn der klugen Lebensweisheit folgend, wonach man nicht über das urteilen sollte, was man nicht kennt, kann ich mir kein Urteil über Thilo Sarrazins Werk erlauben. Ich habe sein Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen. Mir genügt es vollauf, an jedem Börsentag das Drama um die Währungsunion live zu verfolgen - ein Drama, das aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich mehr als die sonst im Schauspiel üblichen fünf Akte haben wird. In der vergangenen Handelswoche spitzte sich die europäische Staatsschuldenkrise erneut zu.

Zur Abwechslung stand dieses Mal nicht die griechische Tragödie im Fokus, sondern die Situation in Spanien. Auf der iberischen Halbinsel ist eine gigantische, durch die im Gefolge der Euro-Einführung stark gesunkenen Zinsen ausgelöste Blase am Immobilienmarkt geplatzt. Die Folgen treten nun immer deutlicher zu Tage. Die spanischen Banken leiden unter signifikantem Abschreibungsbedarf, der in manchem Fall die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Institute übersteigt.

Spanier räumen ihre Konten

Hinzu kommt, dass private Anleger verstärkt ihre Einlagen abziehen und die Banken so weiter in die Bredouille bringen. Helfen soll der spanische Staat! Die Regierung des konservativen Mariano Rajoy, die erst seit dem vergangenen Jahr im Amt ist, stemmt sich mit aller Kraft gegen die Krise. Rajoy geht sogar noch weiter: Er will, dass Spanien es ohne Hilfen der anderen europäischen Länder schafft. Kann das gelingen? Und wenn ja, woher soll das Geld kommen, das der spanische Staat benötigt, um notleidende Banken zu stützen? Bislang verlief die Mittelaufnahme Spaniens vergleichsweise gut.

Bis Ende der vergangenen Woche hatte der Finanzminister bereits 56 Prozent des für das Jahr 2012 geplanten Emissionsvolumens am Kapitalmarkt eingesammelt. Eine beeindruckende Summe, die bislang auch die ausstehenden Anleihen des Landes stützte. Rechnet man nun einen weiteren Mittelbedarf von 23 Milliarden für die Rettung der in Schwierigkeiten geratenen Bankia hinzu, sinkt dieser Wert auf nur noch 44 Prozent.

Melden weitere Banken Geldbedarf an oder müssen die spanischen Regionen unterstützt werden, weil ihnen eine eigenständige Mittelaufnahme am Kapitalmarkt nicht mehr möglich ist, verschlechterte sich die Lage weiter. Vor diesem Hintergrund gerieten spanische Staatsanleihen (Bonos) in der vergangenen Handelswoche massiv unter Druck. Papiere mit fünfjähriger Restlaufzeit rentierten knapp oberhalb 6 Prozent, zehnjährige Bonos mit annähernd 6,5 Prozent. Tendenz: weiter steigend.

D-Mark-Spekulation

Spiegelbildlich dazu die Lage in Deutschland. Bundesanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit explodierten in den vergangenen Tagen förmlich im Kurs und nähern sich nun mit großen Schritten der von mir in einer früheren Ausgabe dieser Kolumne als mögliche Zielmarke genannten Rendite von einem Prozent. Anleihen mit kürzerer Laufzeit weisen bereits negative Renditen auf, der Anleger muss also noch Geld mitbringen, wenn er sein Geld in diese Anleihen investiert. Es geht im Zusammenhang mit einer Anlage in deutschen Staatsanleihen schon längst nicht mehr darum, eine Rendite zu erwirtschaften. Sicherheit ist das Einzige, das zählt. "Fluchtgelder" aus ganz Europa strömen auf den deutschen Anleihenmarkt und treiben die Kurse wie sonst nur Raketenbrennstoff eine Raumkapsel.

Die Skepsis der Anleger gründet sich auf den Erfahrungen, die viele mit Investments in griechischen Staatsanleihen gemacht haben. Das Schreckgespenst eines Schuldenschnitts geistert durch die Köpfe der Anlegerschaft. Und da Kapital bekanntermaßen scheu wie ein Reh ist, hoppelt jenes Reh eben nach Deutschland, dem Land, von dem viele weiterhin annehmen, dass es seinen Zahlungsverpflichtungen auch in Zukunft wird nachkommen können. So mancher Kauf deutscher Staatsanleihen dürfte auch durch die Spekulation auf ein Auseinanderbrechen der Währungsunion motiviert sein. Kalkül: Eine "Neue deutsche Mark" könnte signifikant aufwerten und somit ausländischen Anleihebesitzern satte Währungsgewinne bescheren.

Stützen oder Fallen lassen?

Christbaum-Schmuck in Form eines Euro-Rettungsschirmes Quelle: dpa

 

Wo wird die Reise nun in Zukunft gehen? Drei Szenarien sind denkbar:

1. Fortsetzung und Intensivierung der bisherigen Bemühungen, notleidende Staaten der Euro-Zone zu stützen. Wichtigste Instrumente bleiben hierbei die Hilfsmechanismen "European Financial Stability Facility" (EFSF)  und "European Stability Mechanism" (ESM). Eventuell werden zukünftig auch Banken durch den ESM gestützt. Der Fiskalpakt kommt, wird aber durch einen Wachstumspakt ergänzt - finanziert durch massive Steuererhöhungen. Um die Finanzmärkte zu stabilisieren, greift die Europäische Zentralbank auch in Zukunft zu "außergewöhnlichen Maßnahmen" wie Tendern vom Modell "Dicke Bertha" und zu Staatsanleihenkäufen.

2. Einführung einer Fiskalunion samt Euro-Bonds oder

3. das Auseinanderbrechen der Währungsunion.

Noch ist die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines der beiden letzt genannten Szenarien deutlich geringer als für das erst genannte. Insbesondere die positive Renditeentwicklung französischer Staatsanleihen dürfte französische Forderungen nach gemeinsamen Anleihen aller Euro-Zonen Staaten schwächer werden lassen. Denn europäischer Gedanke hin oder her: Am Ende geht es - wie meist im Leben - doch nur um eines: ums Geld. Solange sich der französische Staat eigenständig deutlich günstiger finanzieren kann als über die Ausgabe von Euro-Bonds, wird er deren Einführung wohl kaum fordern.

Börse



Wahrscheinlicher ist, dass die europäische Politik weiterhin versuchen wird, Brände lokal zu löschen - in der stillen Hoffnung, dass eine Konsolidierung der Haushalte das Vertrauen der Anleger irgendwann einmal wieder herstellen wird. Beim Schuldenabbau hilft in der Zwischenzeit die Inflation. Und so mancher Politiker träumt auch noch vom Wirtschaftsaufschwung. Sollte die Währungsunion am Ende allerdings doch noch auseinanderbrechen, dann brauchen wir uns ja eh keine Sorgen machen. Das meint zumindest Herr Sarrazin.

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