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Engelmanns Eigenhandel

EZB: Warum Draghi die Kreditklemme befördert

Unser Kolumnist besuchte eine Trinkhalle – nicht, um das Euro-Elend im Rausch zu vergessen, sondern um sich Gedanken über die Kreditklemme zu machen, die Südeuropa bremst.

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Kleine und Mittelständische Unternehmer wie Kioskbetreiber haben es nicht leicht. Sie kriegen kaum Kredite um ihr Unternehmen zu finanzieren, besonders in den Krisenländern Quelle: dpa

Die EZB pumpt zwar reichlich Geld ins  System, bei den kleinen  Unternehmen aber kommt nichts an. Schuld daran ist indirekt und ungewollt EZB-Chef Mario Draghi, denn für die Banken in der Euro-Zone ist der Kauf von Staatsanleihen mittlerweile zu einer Art "free lunch" geworden.

Weil sie die Anleihen im Fall aller Fälle der Zentralbank andienen können, nutzen sie das billige Geld der Notenbank und kaufen damit eben jene höher verzinsten Anleihen. Das ist leichter und weniger riskant, als die Bonität kleiner und mittlerer Unternehmen zu prüfen und womöglich Kreditausfälle auf sich zu nehmen.

Die "Black Fööss" setzten ihr bereits vor vielen Jahren ein musikalisches Denkmal: der Kaffeebud! Ihre Beschreibung jener Kölner Institution, die man in anderen Teilen Deutschlands als "Wasserhäuschen", "Büdchen" oder "Kiosk" kennt, zeigt die Liebe der rheinischen Musiker für Land und Leute.

Wenn sich "Schreiner, Pützer, Mürer und de Brüggele vun d'r Poss und sujar dä dicke Schupo vun d'r Eck" bei einer Tasse Kaffee und einem Brötchen gegenseitig ihre Ahnungslosigkeit in Sachen Fußball vorhalten und darüber in heftigen Streit geraten, am Ende aber doch versöhnt und friedlich ihrer Wege ziehen, dann möchte man glatt selbst in die nächste "Kaffeebud" stürmen und sich "de Kaffee in d'r Kopp schödde".

Denn die Büdchen der Republik sind in der Tat mehr als schnöde Verkaufsstellen für Kaffee, Bier und Zigaretten. Sie sind Marktplatz, Therapieeinrichtung und Bühne der Selbstdarstellung in einem. Und erfreuen sich deshalb regen Zuspruchs. Wer schon einmal den kleinen Kiosk am Düsseldorfer Lessingplatz besucht und dort ein Bier mit einem selbsternannten "Kosmopoliten" in Sandalen und weißen Tennissocken getrunken hat, den lässt die "Faszination Trinkhalle" nicht mehr los.

Von wegen Porsche…

Die Kioskbesitzer indes führen ein hartes Leben. Zwar glaubt so mancher, angesichts der vergleichsweise hohen Preise, die die Betreiber der Büdchen für ihre Waren verlangen, diese führen nur noch im Porsche spazieren und wohnten einzig in städtischen Bestlagen. Doch weit gefehlt. Das Leben als Kioskbesitzer ist alles andere als glamourös. Und das liegt nicht nur daran, dass das "Kosmopolitische" sehr schnell ins Banale abgleiten kann, wenn man es sich Tag um Tag anhören muss.

Nein, auch die wirtschaftliche Situation vieler Büdchenbetreiber sieht alles andere als rosig aus. Wer glaubt, mit der Eröffnung einer Trinkhalle den ersten Schritt auf dem Weg zum Millionär gemacht zu haben, der beweist ungefähr so viel gesunden Menschenverstand wie der frühere deutsche Kaiser Wilhelm II., als er erklärte, das Auto werde das Pferd niemals ersetzen.

Der Besitzer einer kleinen "Kaffeebud" im Frankfurter Westend jedenfalls muss Nacht für Nacht auf dem Flughafen Pakete in einem Frachtzentrum verladen, um mit seiner Familie über die Runden zu kommen. Reich wird man als Pächter eines Büdchens also mit Sicherheit nicht.

Krisenländer leiden unter der Kreditklemme

Die zehn größten Euro-Lügen 2013
Francois hollande Quelle: dpa
Mario Draghi Quelle: dpa
José Manuel Barroso Quelle: REUTERS
Wolfgang Schäuble Quelle: AP
Martin Schulz Quelle: REUTERS
Antonis Samaras Quelle: dapd
Jean-Claude Juncker Quelle: dpa

Auch kleine und mittelständische Unternehmer haben mit Problemen zu kämpfen - allerdings weniger hierzulande als in den Ländern der Euro-Zonen-Peripherie. Stichwort: Kreditklemme. Während deutsche Firmen einer Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau zufolge kaum Probleme bei der Kreditaufnahme haben und sich für sie eher die Frage stellt, ob sie im derzeitigen konjunkturellen Umfeld überhaupt investieren und dazu Kredite aufnehmen wollen, mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich kleine und mittlere Unternehmen im Süden Europas mit massiven Problemen bei der Kreditaufnahme konfrontiert sehen.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte das überhaupt nicht schmecken. Zuletzt hatte die Notenbank den Satz für die Vergabe von Geldern an Kreditinstitute auf das Rekordtief von 0,5 Prozent abgesenkt. Dass die Kreditvergabe in Ländern wie Spanien und Portugal trotzdem stockt, deutet darauf hin, dass der sogenannte Transmissionsmechanismus, jener wundersame Mechanismus also, mit dem die Geldpolitik der Zentralbank auf die Wirtschaft wirken soll, gestört ist.

Bei Unternehmen kommt nichts an

Der volkswirtschaftlichen Theorie zufolge sollte ein niedriger Leitzins eigentlich die Kreditvergabe an Unternehmen und damit schlussendlich die Wirtschaft stimulieren. Doch wieder einmal zeigt sich, dass zwischen Theorie und Praxis bisweilen ein deutlicher Unterschied besteht. Unternehmen in den wirtschaftlich stärkeren Ländern der Euro-Zone könnten zwar Kredite aufnehmen, scheinen aber angesichts des sich weiterhin eintrübenden wirtschaftlichen Umfeldes von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen zu wollen.

Unternehmen in den wirtschaftlich schwächeren Ländern der Euro-Zone bräuchten Kredite, um ihren Geschäftsbetrieb fortzusetzen, und könnten in schwieriger Lage von den einmalig niedrigen Zinsen profitieren. Doch einen Kredit zu bekommen, erweist sich für viele kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Süden Europas als schwieriges Unterfangen. Wenn nicht sogar als aussichtsloses. Und so nützt auch der niedrigste Leitzins nichts. Um mit dem Mühlheimer Comedian Helge Schneider zu sprechen: "Es ist eine verrückte Welt!"

Spaniens Banken als gebrannte Kinder

Oder ist es am Ende doch eine ganz normale? Denn ist es nicht so, dass aus gutem Grund Kredit immer nur der bekommt, der ihn nicht braucht? Die Regel, wonach das gebrannte Kind das Feuer scheut, lässt sich auch auf die Kreditinstitute der Euro-Zone übertragen. Spanische Banken sind in diesem Zusammenhang ein anschauliches Beispiel.

Zwar hatten sich die Institute auf der iberischen Halbinsel nicht an jenem Subprime-Irrsinn beteiligt, der manch andere europäische Bank in den vergangenen Jahren an den Rand des Bankrotts gebracht hat. Dafür aber vergab man massenhaft Hypothekarkredite, mit denen eine gigantische Immobilienblase aufgepumpt wurde. Die ist inzwischen geplatzt. Und viele der vergebenen Kredite sind notleidend geworden. Spaniens Banken befinden sich in einer schweren Krise - ein Umstand, der sie in der Kreditvergabe deutlich restriktiver werden lässt.

Draghi Put befördert Kreditklemme

Und dann ist da ja auch noch der "Draghi Put", jenes Versprechen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), alles Notwendige unternehmen zu wollen, um den Euro zu erhalten. Dieses Versprechen umfasst - falls nötig - auch den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen notleidender Staaten im Rahmen sogenannter "Outright Monetary Transactions" (OMT).

Zwar kam es bislang noch zu keinen Käufen seitens der Notenbank, doch hat allein die Ankündigung des Programms bewirkt, dass die Renditen für Staatsanleihen der Euro-Zonen-Peripherie deutlich gesunken sind. Diese Beruhigung des Marktes, die letztendlich auch dazu geführt hat, dass sich die Staaten wieder günstiger neu verschulden können, kann zwar als Erfolg gewertet werden, erweist sich aber mit Blick auf die Kreditvergabe an die Wirtschaft als Bumerang. Denn für die Banken in der Euro-Zone ist der Kauf von Staatsanleihen mittlerweile zu einer Art "free lunch" geworden.

Wozu noch Bonitäten prüfen?

Die zehn größten Euro-Lügen
Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
Giorgios Papandreou Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dapd
Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker Quelle: dapd
Angela Merkel mit Draghi Quelle: dapd
Mariano Rajoy Quelle: REUTERS

Wenn man die Anleihen im Fall aller Fälle der Zentralbank andienen kann, warum dann nicht das billige Geld der Notenbank nutzen und damit eben jene höher verzinsten Anleihen kaufen? Großartiger "Carry-Trade"! Wozu noch die Bonität kleiner und mittlerer Unternehmen prüfen? Wozu Ausfälle riskieren? Zumal im Hintergrund die Richtlinie über Eigenkapitalanforderungen (Capital Requirements Directive) der Übernahme von Kreditrisiken ohnehin Grenzen setzt?

Mehr tun als nur Geldpolitik

Auf ihrer letzten Sitzung am vergangenen Donnerstag beließ die EZB den Leitzins ebenso unverändert wie die Sätze für die Spitzenrefinanzierungs- und die Einlagenfazilität. EZB Präsident Draghi bekräftigte die Einschätzung der Notenbank, dass die Preisstabilität weiterhin gewährleistet sei und dass sich die Wirtschaft auf einem, wenn auch langsamen Erholungskurs befinde. Und doch scheint man sich im Rat der EZB Sorgen um eben jene Erholung zu machen. Dass der Transmissionsmechanismus gestört sein könnte, dürfte auch den Ratsmitgliedern nicht entgangen sein.

Das zeigt auch Mario Draghis Äußerung, man habe in der EZB viele verschiedene "non-standard measures", also Maßnahmen, die über die üblichen Instrumente der Geldpolitik hinausgehen, diskutiert. Darunter dürften wohl auch neue Wege gewesen sein, wie man die Kreditvergabe an kleinere und mittlere Unternehmen befördern könnte.

Königsweg Verbriefung?

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Ein solcher Weg könnte sich über die Europäische Investitionsbank (EIB) eröffnen. Das Zauberwort lautet in diesem Zusammenhang "Verbriefung". Dabei werden Kredite gebündelt und anschließend als Wertpapiere verbrieft - ein Konzept, das man am Kapitalmarkt schon seit längerem kennt. Ebenso wie Kreditkartenforderungen oder Autokredite verbrieft werden, können auch Kredite an kleine und mittlere Unternehmen als "Asset Backed Securities" verbrieft und anschließend am Kapitalmarkt verkauft werden.

Und fänden sich für solche Papiere nicht genügend Abnehmer im Kreis institutioneller Investoren, so könnte die EIB solche Papiere erwerben und über Repogeschäfte mit der Notenbank refinanzieren. Ebenso wäre es denkbar, dass die EIB ABS Transaktionen, in denen Kredite an kleine und mittlere Unternehmen gebündelt wurden, mit einer Garantie versieht und so für sicherheitsorientierte Anleger attraktiver macht.

Noch sind solche Überlegungen reine Gedankenspiele. Aber angesichts der Tatsache, dass selbst rekordtiefe Leitzinsen und unbegrenzte Liquidität keinen Umschwung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Staaten der Peripherie der Euro-Zone bewirkt haben, muss die Notenbank auch weiterhin unkonventionelle Wege beschreiten.

Ob das im Sinne des Erfinders ist oder ob wir uns in Europa mit solcherlei Maßnahmen immer weiter vom ursprünglichen Konzept der Marktwirtschaft entfernen, ist eine philosophische Diskussion. Vielleicht ein Thema für den nächsten Besuch in der "Kaffeebud"!

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