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Engelmanns Eigenhandel

Kate und William spenden Trost - na bravo!

Deutschland hat zwar kein Königshaus, dafür läuft unsere Wirtschaft besser als die britische. Doch mit dem Höhenflug des Dax könnte es bald vorbei sein, fürchtet unser Kolumnist - und zieht Parallelen zu 2007/08, als der Dax über 8000 Punkte sprang, es am Rentenmarkt aber schon brannte.

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Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi

Na bravo!" - mit diesen Worten hätte Erzherzog Franz-Karl, neben dem Oberst Böckl wohl die bekannteste Figur der Sissi-Trilogie, sicherlich das Ja-Wort kommentiert, das sich der Duke und die Duchess of Cambridge, einer breiteren Öffentlichkeit bislang nur als Prinz William und Catherine Middelton bekannt, am vergangenen Freitag in der Londoner Westminster Abbey gaben. An den Leid geplagten Ehemann der Erzherzogin Sophie musste ich unwillkürlich denken, als ich hörte, dass der Sohn des britischen Thronfolgers noch kurz vor seiner Hochzeit von der Queen zum Herzog von Cambridge gekürt worden war - und seine Kate, bis dato eine ordinäre "Bürgerliche", zur Duchess. Denn auch der stets heitere, da gegenüber seiner raubeinigen Frau Schwerhörigkeit vortäuschende Vater des österreichischen Kaisers hatte im Film eine Bürgerliche in den Adelsstand erhoben und damit deren Hochzeit mit dem Sohn des Herzogs Max in Bayern jenen Anstrich dynastischer Ebenbürtigkeit gegeben, der zuvor nicht vorhanden war. So wurde aus der Schauspielerin Marie Louise Mendel die "Freiin von Wallersee" und aus der "Ehe zur linken Hand" eine - zumindest aus Sicht der Erzherzogin Sophie und ihrer Schwester Ludowika - einigermaßen akzeptable.  

Die Royals in voller Pracht

"Anspruchslos unterhaltsame Farbenpracht" - so harsch urteilte 1963 das "Handbuch V der katholischen Filmkritik" über Ernst Marischkas Verfilmung des Schicksals der Prinzessin Elisabeth in Bayern, die durch ihre Hochzeit mit dem österreichischen Kaiser von der "Liesel aus Possenhofen" zur "Sissi" mutierte und deren Darstellerin Romy Schneider ein Millionpublikum zu Tränen rührte. Und Jahrzehnte später konnte man in Heynes Filmlexikon lesen: "Damals, als es Lady Di noch nicht gab, mussten die Bedürfnisse der Royalisten anders befriedigt werden…Herzallerliebst." "Anspruchslos unterhaltsame Farbenpracht" und "herzallerliebst" - mit diesen Worten hätte man auch die Hochzeit von William und Kate beschreiben können. Keine Nation versteht es besser, Prunk und Pracht zu inszenieren,  als  die englische: Farbenfrohe Uniformen, im Sonnenschein funkelnde Rolls Royce Limousinen (und VW Busse), riesige Damenhüte, auf denen selbst Hubschrauber problemlos landen könnten - hier entfaltet sich die ganze Pracht ihrer Majestät Elisabeth II. Königreich. Nur Kleingeister fühlen sich in diesem Zusammenhang zur Kritik aufgerufen. 

Britannia sah schon bessere Zeiten

So wie die, die angesichts der am vergangenen Freitag im Vereinigten Königreich ruhenden Wirtschaft die tatsächlichen Kosten jener Hochzeit zu beziffern versuchten. Milliarden gingen verloren, so jammerte manch Volkswirt, und verwies auf den ohnehin schon kritischen Zustand der britischen Wirtschaft. Ein Pech, dass Henry VIII. nicht mehr auf dem Thron sitzt - der hätte solche Unkenrufe mit der sofortigen Einweisung in den Tower of London quittiert. Gewiss: Großbritannien hat schon bessere Zeiten gesehen. Zwar wuchs die  Wirtschaft im ersten Quartal 2011 gegenüber dem vierten Quartal des vergangenen Jahres um 0,5 Prozent; Jahr über Jahr betrachtet steht ein Wachstum von 1,8 Prozent zu Buche. Dass die Wirtschaft überhaupt wieder wächst, scheint allerdings fast schon die einzige, positive Botschaft zu sein. So sieht es zumindest der Oppositionsführer, der Labour-Abgeordnete Ed Miliband, der in einer Fragestunde des Parlaments aus seiner Enttäuschung über das schwache Wirtschaftswachstum keinen Hehl machte. 

Rigide Sparprogramme

Auch die Analyse verschiedener Teilbereiche der Wirtschaft gibt Anlass zur Sorge. So sank die Aktivität im Baugewerbe im ersten Quartal um 4,7 Prozent und hierfür dürfte nicht nur allein der Winter verantwortlich gewesen sein. Auch die Staatsverschuldung und das Haushaltsdefizit stimmen sorgenvoll. Zwar versucht die neue Regierung unter Premierminister David Cameron, die Staatsfinanzen mittels rigider Sparprogramme zu sanieren - allerdings dürfte dieses Ziel erst in Jahren zu erreichen sein. Hinzu kommen deutliche Preissteigerungen, die den Briten das Leben schwer machen und auch nicht gerade dazu angetan sind, die Konsumlaune und damit das Wachstum zu steigern. Wer will es den Briten da verdenken, wenn sie sich für einen Tag der anspruchslos unterhaltsamen Farbenpracht hingeben und der königlichen Familie, den Symbolfiguren des Landes, zujubeln? Wer will es ihnen übelnehmen, wenn sie Glanz und Gloria des Empire wiederauferstehen lassen und sei es auch nur auf dem kurzen Stück zwischen Buckingham Palace und Westminster Abbey? Herzallerliebst. 

Wirtschaftswunderland?

Ganz anders stellt sich die Lage derweil in Deutschland dar. Der Kaiser hat schon vor fast 100 Jahren abgedankt und einen Balkon, von dem seine Kinder, Enkel und Urenkel winken könnten, gibt es auch nicht mehr, seitdem das Berliner Stadtschloss Erichs Lampenladen weichen musste. Und es scheint auch so, als bedürften wir hierzulande eines solchen Trostes, wie ihn eine Hochzeit in Adelskreisen spenden kann, gar nicht. Die deutsche Wirtschaft hat sich in beeindruckendem Tempo und Umfang von der Krise erholt. Am Wochenende verkündete der Leiter der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, die Zahl der Arbeitslosen sei im April um 132.000 auf nunmehr 3.078.000 gesunken. Mittlerweile gilt es als nicht mehr ausgeschlossen, dass die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr sogar unter die Marke von 3 Millionen rutscht. Deutschland - Wirtschaftswunderland? Ein Blick auf die Aktienmärkte scheint eine solche Einschätzung ebenfalls zu stützen: Mit großen Schritten bewegen sich der Deutsche Aktienindex (Dax) und seine Familienangehörigen auf die magische Marke von 8.000 Punkten zu. Bedenkt man, dass der Index vor etwas mehr als zwei Jahren im Tief noch bei 3.588 Zählern stand, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Überall eitel Sonnenschein.  

Krisen beharrlich ignoriert

Doch frage ich mich, ob diese Entwicklung von Dauer sein kann oder ob wir uns nicht auch schon bald den Kaiser zurückwünschen werden - natürlich nur, um uns durch den Pomp einer Hochzeit seines Ur-Ur-Ur-Enkels mit der Bürgerlichen Lieschen Müller über eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation hinwegtrösten zu können. Weiterhin bleibt die Lage der Staatsfinanzen in einigen Ländern der Euro-Zone angespannt. Vertreter der Europäischen Zentralbank ließen vor kurzem verlauten, eine Restrukturierung der griechischen Staatsschulden könne ähnlich gravierende Konsequenzen haben wie die Pleite der amerikanischen Investment Bank Lehman Brothers im Jahre 2008. Könnte ganz Europa im Gefolge einer Restrukturierung erneut in eine schwere Rezession stürzen? Und was ist mit den Krisenherden in Nord-Afrika und dem Nahen Osten? Nahezu täglich erreichen uns Meldungen über blutige Auseinandersetzungen. Soll diese Instabilität der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region und auch der unseren etwa zuträglich sein? Oder ist es nicht vielmehr so, dass der deutliche Anstieg des Ölpreises die Inflation hierzulande fördert und die wirtschaftliche Aktivität dämpft?  

Was ist mit Amerika und Asien?

 Der Ausblick für die Bewertung amerikanischer Staatsanleihen und damit für die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten wurde erst kürzlich von der Ratingagentur S&P herabgesetzt - der Bewegungsspielraum der U.S. Administration wird immer weiter eingeschränkt. Sollte sich die derzeitige Erholung der Wirtschaft in ihr Gegenteil verkehren, wird die Regierung kaum stützend eingreifen können. In China droht die Wirtschaft dieser Tage zu überhitzen und die Zentralbank kämpft mit Zinserhöhungen gegen die Inflation. Werden China und der Rest Asiens weiterhin die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft bleiben und die deutsche Wirtschaft dadurch mit stimulieren oder droht hier schon bald ein Abbruch des Aufschwungs?  

Aktienhändler hören den Schuss nicht

Sie kennen mich als unverbesserlichen Optimisten, doch auch ich bin in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Als sich der deutsche Aktienmarkt im Herbst des Jahres 2007 noch einmal zu einem Hoch oberhalb der 8.000 Punkte im Dax   aufschwang, da brannte es am Rentenmarkt bereits. Der amerikanische Subprime-Markt war zusammengebrochen und die ersten Banken waren über ihre Investments in strukturierten Kreditprodukten gestolpert. Doch ich kaufte fröhlich Aktien. Motto: Wenn der Dax sich bei der Meldungslage noch so gut hält, dann kann es nicht so schlimm sein. Doch weit gefehlt. Es erwies sich im Laufe des Jahres 2008, dass die Aktienhändler lediglich den letzten Schuss nicht gehört hatten. Und ich natürlich ebenso wenig.  

Skeptische Anleihemärkte

Wiederholt sich die Geschichte nun? Während Aktien munter haussieren, sind Bundesanleihen schon seit einigen Tagen aus ihrer Abwärts- in eine Seitwärts/Aufwärtsbewegung übergegangen. Angesichts bevorstehender Zinserhöhungen durch die EZB und der herrschenden Inflationsgefahr eigentlich erstaunlich - allerdings nicht, wenn man die Käufe der Bundesanleihen als Vorboten eines gestiegenen Sicherheitsbedürfnisses der Kapitalanleger wertet. Ahnen die Rentenhändler bereits das Ungemach, das der deutschen Wirtschaft - von welcher Seite auch immer kommend - bevorsteht und agieren entsprechend, während die Freunde der Dividendentitel immer noch den Traum vom blühenden Jahrzehnt träumen, an dessen Beginn wir uns ihrer Meinung nach befinden?

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