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Engelmanns Eigenhandel

Schuld und Schulden in der Euro-Krise

Lange Wege auf diversen Airports verschaffen unserem Kolumnisten Zeit zum Nachdenken. Er erkennt: Die Krise der europäischen Staatsfinanzen und der mit ihr verbundene Rückgang des Wohlstandes in Europa sind in letzter Konsequenz Folgen der Globalisierung. Asien holt sich sein Stück vom Kuchen. Für Griechenland bleibt dann nur noch Hoffnungslosigkeit ­, und der Bundesfinanzminister freut sich, dass er, weil deutsche Anleihen als Fluchtgeld heiß begehrt sind, kaum noch Zinsen zahlen muss.    

Wachstumsstrategien für Europa
François Hollandes Mission lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wachstum. Der neue französische Präsident hat sich zum Ziel gesetzt, Europa die seiner Meinung nach einseitige Ausrichtung auf die Sanierung der Staatsfinanzen auszutreiben und den Kontinent damit aus der Wirtschaftskrise zu führen. Das Thema ist keine Erfindung Hollandes - die EU-Regierungschefs haben sich immer wieder damit beschäftigt, wie der Kontinent Rezession und Arbeitslosigkeit entrinnen kann. Aber die Debatte um die richtige Strategie erhält durch die Wahl des Sozialisten eine ganz neue Dynamik. Quelle: dpa
Die Leitfrage dabei lautet: Wie lässt sich die Wirtschaft ankurbeln, ohne dafür viel Geld in die Hand zu nehmen? Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme gelten nicht als Option - schließlich sind die Staatskassen leer. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso propagiert daher, "auf wachstumsfreundliche Art und Weise zu sparen". Nach Ansicht vieler Ökonomen lässt sich die Konjunktur nur dann ankurbeln, wenn Wirtschafts- und Finanzpolitiker sowie Notenbanker einige bislang als unantastbar geltende Prinzipien aufgeben. Quelle: dpa
1. Weniger SparenDie heftigen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Italien und Co. sind nach ihrer Einschätzung Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: „Der derzeitige Austeritätskurs ist zu hart“, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Die Sparziele sollten auf vier bis fünf Jahre gestreckt werden. Ähnlich argumentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: „Wer Wachstum will, darf die Austeritätspolitik in den Krisenländern nicht übertreiben.“ Quelle: dapd
Barroso setzt dabei unter anderem auf die von ihm vorgeschlagenen Projektbonds. Damit will die EU-Kommission dieses und nächstes Jahr private Investitionen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte in den Bereichen Verkehr und Energie anstoßen. Die EU selbst soll die privaten Investitionen mit 230 Millionen Euro ins Rollen bringen. Quelle: dapd
2. Unkonventionelle GeldpolitikDie Europäische Zentralbank kann nach Auffassung von Ökonomen mehr für das Wachstum tun. Die EZB sei deutlich restriktiver als die Notenbanken in vielen anderen Industrieländern, betont etwa Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. So seien die kurz- und langfristigen Zinsen nach Abzug der Inflationsrate deutlich höher als in den USA oder Großbritannien. Um Abhilfe zu schaffen, könnte die EZB die Leitzinsen von derzeit einem Prozent auf die Untergrenze von null senken - so, wie es die Zentralbanken in den USA und in Großbritannien schon vor mehreren Jahren getan haben. Quelle: dpa
Noch wichtiger ist nach Ansicht vieler Beobachter aber, dass die EZB die Panik auf dem Markt für Staatsanleihen bekämpft - indem sie signalisiert, dass sie im äußersten Notfall als Käufer agiert. Europas Kernproblem sei die Gefahr, dass die kleineren Länder größere Staaten wie Italien anstecken, so Schmieding. „Das Risiko einer Finanzmarktpanik könnte die EZB mit solch einer Ankündigung in den Griff bekommen“, glaubt der Volkswirt. An den Finanzmärkten würden die Risikoaufschläge sinken, Staaten wie Unternehmen könnten sich leichter refinanzieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde die EZB eine solche Ankündigung gar nicht einlösen müssen, sagt IMK-Chef Horn: „Das ist wie im Kalten Krieg: Da hat es gereicht, seine Atomwaffen zu zeigen.“ Quelle: Reuters
3. Sanierung der BankenEin stabiles, funktionierendes Bankensystem ist Grundvoraussetzung für eine prosperierende Volkswirtschaft - viele Geldinstitute in der Euro-Zone gehen aber nach wie vor am Stock und zaudern bei der Vergabe von Krediten. „Wir brauchen dringend eine Sanierung und Rekapitalisierung der Banken“, betont Oxford-Professor Clemens Fuest. „So kann die Politik einen katastrophalen Absturz der europäischen Wirtschaft verhindern.“ Zudem brauche die Währungsunion eine einheitliche Bankenaufsicht und Regeln dafür, wie in Schieflage geratene Banken saniert werden. Quelle: Reuters

Ob "Frankfurt Rhein-Main", "Franz Josef Strauss" oder "London Heathrow" - eines haben die meisten Flughäfen gemeinsam: lange Wege. Die muss der Passagier zurücklegen, will er "Über den Wolken" die grenzenlose Freiheit spüren, die schon Reinhard Mey dereinst besang. Gefühlt einige Kilometer muss man manchmal marschieren, bevor man in den Sitz seines Fliegers fallen und sich mit dem Erfrischungstuch, das einem die freundliche Stewardess reicht, den Schweiß von der Stirn wischen kann. Pauschaltouristen, die Bier trinkend mit geschultertem Ghetto-Blaster den Ferien im sonnigen Süden entgegenfiebern, mag das ebenso wenig ausmachen wie kleinen Kindern, für die der Besuch eines Flughafens sowieso mehr einem Abenteuerurlaub gleicht. Doch der Geschäftsreisende stöhnt allein bei dem Gedanken, eine Flugreise und damit zuvor einen Halbmarathon antreten zu müssen. Gummipunkte auf der Frequent Flyer Karte und ein trockenes Stück Kuchen, das in der "Business Class" zum Kaffee gereicht wird, sind da nur ein kleiner Trost.

Glitzerwelt des Konsums

Hinzu kommt, dass mehr und mehr Flughäfen Shopping Centern gleichen. Geschäft reiht sich an Geschäft, eine Edelboutique neben der anderen - man könnte sich durchaus auf der Goethestrasse, der Maximilianstrasse oder Old Bond Street wähnen. Der bunten Glitzerwelt des Konsums entkommt niemand. Zwar kenne ich kaum einen Menschen, der sich ausgerechnet an einem Flughafen eine teure Uhr, einen neuen Anzug oder einen Computer kauft; auch dürfte jeder, der den Taler wert sein will und deshalb den Pfennig ehrt, die völlig überteuerten Lebensmittel meiden, die an Flughäfen angeboten werden. So mancher Imbiss müsste in der Apothekenrundschau schon als gesundheitsgefährdend eingestuft werden, denn wer für ein Sandwich und eine kleine Flasche Wasser acht Euro berappen muss, der riskiert, dass ihm schon der erste Bissen im Halse stecken bleibt.

Unfähige griechische Elite

Doch die langen Wege an vielen Flughäfen haben auch ihr Gutes: Sie geben einem Zeit zum Philosophieren. Wer der Versuchung widerstanden hat, einfach eines der zahlreichen Klappräder zu kapern, mit denen die Flughafenangestellten die großen Distanzen zurücklegen, dessen Gedanken können angesichts der internationalen Atmosphäre durchaus weltumspannenden Charakter annehmen. Auch in Bezug auf die Frage nach der Zukunft Europas. Die scheint dieser Tage gefährdeter denn je. Schlechte Meldungen, wohin man schaut - allen voran über die Unfähigkeit der politischen Eliten Griechenlands, sich zusammenzuraufen und eine Regierung zu bilden. Nachdem sich sowohl der Vorsitzende der konservativen Nea Demokratia, Andonis Samaras, als auch der Führer der linken Allianz Syriza, Alexis Tsipras, und der Chef der sozialdemokratischen Pasok, Evangelos Venizelo, vergeblich um die Bildung einer Regierung bemüht haben und auch die Idee des griechischen Staatspräsidenten, Karolos Papoulias, eine Expertenregierung nach italienischem Vorbild einzusetzen, sich als nicht mehrheitsfähig erwiesen hat, stehen nun Neuwahlen an - Ergebnis: offen.

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