WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Engelmanns Eigenhandel

Das Schreckgespenst des Schuldenschnitts

Seite 2/3

Spanien im Fokus

Eine Frau vor einem Bankautomaten der Bankia Quelle: REUTERS

All diese Fragen müssen Sie für sich selbst beantworten. Denn der klugen Lebensweisheit folgend, wonach man nicht über das urteilen sollte, was man nicht kennt, kann ich mir kein Urteil über Thilo Sarrazins Werk erlauben. Ich habe sein Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen. Mir genügt es vollauf, an jedem Börsentag das Drama um die Währungsunion live zu verfolgen - ein Drama, das aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich mehr als die sonst im Schauspiel üblichen fünf Akte haben wird. In der vergangenen Handelswoche spitzte sich die europäische Staatsschuldenkrise erneut zu.

Zur Abwechslung stand dieses Mal nicht die griechische Tragödie im Fokus, sondern die Situation in Spanien. Auf der iberischen Halbinsel ist eine gigantische, durch die im Gefolge der Euro-Einführung stark gesunkenen Zinsen ausgelöste Blase am Immobilienmarkt geplatzt. Die Folgen treten nun immer deutlicher zu Tage. Die spanischen Banken leiden unter signifikantem Abschreibungsbedarf, der in manchem Fall die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Institute übersteigt.

Spanier räumen ihre Konten

Hinzu kommt, dass private Anleger verstärkt ihre Einlagen abziehen und die Banken so weiter in die Bredouille bringen. Helfen soll der spanische Staat! Die Regierung des konservativen Mariano Rajoy, die erst seit dem vergangenen Jahr im Amt ist, stemmt sich mit aller Kraft gegen die Krise. Rajoy geht sogar noch weiter: Er will, dass Spanien es ohne Hilfen der anderen europäischen Länder schafft. Kann das gelingen? Und wenn ja, woher soll das Geld kommen, das der spanische Staat benötigt, um notleidende Banken zu stützen? Bislang verlief die Mittelaufnahme Spaniens vergleichsweise gut.

Bis Ende der vergangenen Woche hatte der Finanzminister bereits 56 Prozent des für das Jahr 2012 geplanten Emissionsvolumens am Kapitalmarkt eingesammelt. Eine beeindruckende Summe, die bislang auch die ausstehenden Anleihen des Landes stützte. Rechnet man nun einen weiteren Mittelbedarf von 23 Milliarden für die Rettung der in Schwierigkeiten geratenen Bankia hinzu, sinkt dieser Wert auf nur noch 44 Prozent.

Melden weitere Banken Geldbedarf an oder müssen die spanischen Regionen unterstützt werden, weil ihnen eine eigenständige Mittelaufnahme am Kapitalmarkt nicht mehr möglich ist, verschlechterte sich die Lage weiter. Vor diesem Hintergrund gerieten spanische Staatsanleihen (Bonos) in der vergangenen Handelswoche massiv unter Druck. Papiere mit fünfjähriger Restlaufzeit rentierten knapp oberhalb 6 Prozent, zehnjährige Bonos mit annähernd 6,5 Prozent. Tendenz: weiter steigend.

D-Mark-Spekulation

Spiegelbildlich dazu die Lage in Deutschland. Bundesanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit explodierten in den vergangenen Tagen förmlich im Kurs und nähern sich nun mit großen Schritten der von mir in einer früheren Ausgabe dieser Kolumne als mögliche Zielmarke genannten Rendite von einem Prozent. Anleihen mit kürzerer Laufzeit weisen bereits negative Renditen auf, der Anleger muss also noch Geld mitbringen, wenn er sein Geld in diese Anleihen investiert. Es geht im Zusammenhang mit einer Anlage in deutschen Staatsanleihen schon längst nicht mehr darum, eine Rendite zu erwirtschaften. Sicherheit ist das Einzige, das zählt. "Fluchtgelder" aus ganz Europa strömen auf den deutschen Anleihenmarkt und treiben die Kurse wie sonst nur Raketenbrennstoff eine Raumkapsel.

Die Skepsis der Anleger gründet sich auf den Erfahrungen, die viele mit Investments in griechischen Staatsanleihen gemacht haben. Das Schreckgespenst eines Schuldenschnitts geistert durch die Köpfe der Anlegerschaft. Und da Kapital bekanntermaßen scheu wie ein Reh ist, hoppelt jenes Reh eben nach Deutschland, dem Land, von dem viele weiterhin annehmen, dass es seinen Zahlungsverpflichtungen auch in Zukunft wird nachkommen können. So mancher Kauf deutscher Staatsanleihen dürfte auch durch die Spekulation auf ein Auseinanderbrechen der Währungsunion motiviert sein. Kalkül: Eine "Neue deutsche Mark" könnte signifikant aufwerten und somit ausländischen Anleihebesitzern satte Währungsgewinne bescheren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%