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Erste Börsenwoche unter Trump Furcht vor US-Protektionismus zieht Dax runter

Donald Trump startet in seine erste Arbeitswoche als 45. Präsident der USA. Der Dax reagierte am Montag mit Verlusten; Analysten erwarten unruhige Zeiten.

Ein Fernseh-Bildschirm zeigt Trumps Gesicht, im Hintergrund ist der Dax zu sehen. Quelle: REUTERS

Die vielen offenen Fragen über die US-Wirtschaftspolitik unter Donald Trump haben die Anleger am deutschen Aktienmarkt am Montag in die Defensive gedrängt. Der deutsche Leitindex Dax berappelte sich bis zum Mittag zwar ein Stück weit, notierte aber immer noch 0,47 Prozent im Minus bei 11.574,96 Punkten.

"Die Rede war erneut von einem eher protektionistischen Tonfall geprägt", urteilten die Analysten der BayernLB. Erhoffte Details zum geplanten Konjunkturprogramm sei Trump dagegen erneut schuldig geblieben.

Nach Einschätzung von Michael Hewson, Chef-Marktanalyst für Großbritannien beim Online-Broker CMC Markets, steuern die Börsen auf unruhiges Fahrwasser zu. "Mit seinem eindeutigen Mangel an politischem Können bei offenbar klarer Visionen für seine Amtszeit stehen wir offenbar vor einer Achterbahnfahrt."

Dank Spekulationen auf einen US-Wirtschaftsboom unter dem neuen Präsidenten haben die europäischen Börsen seit Trumps Wahl Anfang November rund zehn Prozent zugelegt. In den vergangenen Wochen wuchsen aber die Zweifel an den "Trumponomics". So bezeichnet es Harm Bandholz, Chef-Analyst für die USA bei der Unicredit, angesichts des demografischen Wandels als unmöglich, das Trump in der kommenden Dekade wie angekündigt 25 Millionen neue Jobs schafft.

An der Wall Street hatten sich die US-Indizes nach Börsenschluss in Deutschland kaum bewegt. Der Dow Jones beendete die Sitzung 0,5 Prozent und der Nasdaq 0,3 Prozent höher. Der S&P500 stieg ebenfalls um 0,3 Prozent.

Protektionismus-Angst an Asien-Börsen

Aus Angst vor einer protektionistischen Handelspolitik der Vereinigten Staaten trennten sich Anleger am Montag vom Dollar. Zum Yen verlor die US-Währung mehr als ein Prozent auf 113,30 Yen. Die Dollarschwäche belastete Exportwerte in Japan. An der Tokioter Börse schloss der Leitindex Nikkei 1,3 Prozent im Minus bei 18.891 Punkten. "Der Markt wird nervös, weil er befürchtet, dass der Welthandel schrumpfen wird", sagte Experte Koichi Yoshikawa von der Großbank Standard Chartered. Dies dämpfte den Optimismus der vergangenen Wochen, dass Trump über Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben das Wachstum der US-Wirtschaft anschieben wird.

Die meisten anderen Börsen in Fernost bewegten sich kaum. Der MSCI-Index für Aktien der Region Asien-Pazifik ohne Japan tendierte 0,3 Prozent höher. Die chinesische Börse in Shanghai lag leicht im Plus. Der südkoreanische Aktienmarkt in Seoul und die Börse in Hongkong traten auf der Stelle.

Vier Buchstaben pro Wort, neun Wörter je Satz
„Ich bin sehr gebildet. Ich kenne Wörter. Ich habe die besten Wörter.“Zu diesen Wörtern gehörten im Wahlkampf wüste Beschimpfungen und abwertende Adjektive. Trumps Sprache wurde oft als rassistisch oder auch sexistisch beschrieben. So sagte er etwa über mexikanische Einwanderer: „Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität, sie sind Vergewaltiger, und einige, nehme ich an, sind auch nette Leute.“ Sprach- und Kommunikationswissenschaftler aus Mainz, Siegen, Mannheim und dem amerikanischen Berkeley haben sich jeweils Interviews, Reden und Tweets von Trump vor und nach dem Wahlsieg des 70-Jährigen angeschaut. Eine Analyse. Quelle: dpa
LieblingswörterTrump sprach vor der Wahl häufig von „wir“ und „sie“ – Zeichen eines Weltbilds mit scharfen Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Nach der Wahl stellt er sich mit „ich“ massiv selber in den Vordergrund, wie eine Korpusanalyse von Ulrike Schneider, Anke Lensch und Matthias Eitelmann vom Fachbereich Englisch und Linguistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zeigt. Quelle: AP
LieblingsthemaIm Wahlkampf ging es Trump um Bedrohung durch Mexikaner und Muslime, um ein ausblutendes Land und eine im Sterben liegende Nation – das sagt die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling, die im kalifornischen Berkeley forscht. Doch schon in der Dankesrede sei es ihm darum gegangen, die Nation zu einen: „Jetzt ist es an der Zeit für Amerika, die Wunden der Trennung zu schließen; wir müssen zusammenfinden. Ich sage zu allen Republikanern und Demokraten und Unabhängigen überall im Land, es ist Zeit für uns, als vereintes Volk zusammenzukommen.“ (Dankesrede am 09.11.2016) Quelle: AP
WertungSeit der Wahl lobt Trump auch sehr gerne – oder straft krass ab. Dabei gebe er sich wie ein strenger Vater, meint Wehling. Diese Art der Bewertung und Einteilung sei raffiniert, weil Trump so vielen Menschen das Gefühl gebe, er biete Orientierung. Ein Beispiel? Trumps Twitter-Reaktion nachdem Darsteller des Musicals „Hamilton“ sich an Trump-Vize Mike Pence gewandt hatten: „Das Theater muss immer ein sicherer und spezieller Ort sein. Das Ensemble von „Hamilton“ war letzte Nacht sehr unhöflich zu einem sehr guten Mann, Mike Pence. Entschuldigt euch!“ Quelle: REUTERS
Politischer GegnerHillary Clinton wird von Trump vor der Wahl vergegenständlicht („Marionette“), entpersonifiziert („Katastrophe“) und bekommt das Adjektiv „korrupt“ zugeschrieben. Nach der Wahl ist sie „Secretary Clinton“ und „sehr, sehr stark und sehr intelligent“. Das zeigen die Linguistinnen Eva Gredel und Konstanze Marx von der Universität Mannheim auf. Zwei Beispiele: „Das ist das Vermächtnis von Hillary Clinton: Tod, Zerstörung, Terrorismus und Schwäche.“ (Rede auf Parteiversammlung am 21.07.2016) „Hillary hat sehr lange und sehr hart gearbeitet, über einen langen Zeitraum hinweg, und wir sind ihr großen Dank schuldig für ihren Dienst für unser Land.“ (Dankesrede am 09.11.2016) Quelle: REUTERS
SatzlängeTrump spricht in kurzen, oft sehr kurzen Sätzen, mit den wichtigsten Begriffen am Ende. Das hat sich auch nach dem Wahlsieg nicht geändert, wie die Korpusanalyse der Mainzer Sprachwissenschaftler zeigt. Der durchschnittliche Satz ist nur neun Wörter lang. Übrigens sind auch seine Wörter simpel: Im Schnitt umfasst ein Wort nur vier Buchstaben. Quelle: REUTERS
WiederholungenDie Reden von Trump sind gespickt mit Wiederholungen. Mit diesen Wörtern oder Phrasen hangele sich Trump gerne an seinem Beitrag entlang, meint Antje Wilton, Professorin für Englische und Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Siegen. Sie kann bei diesem Mittel keinen Unterschied zwischen vor und nach dem Sieg feststellen. Ein Beispiel: „Menschen geben fantastische Karrieren auf, um sich euch Leuten auszusetzen und vielen anderen Leuten auszusetzen. Aber sie geben viel auf. Ich meine, einige geben fantastische Unternehmen auf, um für vier oder vielleicht acht oder wie lange der Zeitraum auch ist, zu sitzen. Aber ich denke, wir werden einiges an fantastischem Talent sehen, fantastisches Talent kommt.“ (Interview der „New York Times“ vom 23.11.2016) Quelle: AP

Trump hatte am Freitag in seiner Antrittsrede seinen harten außen- und wirtschaftspolitischen Kurs bekräftigt und die Formel "Amerika zuerst" zur Leitlinie seiner Amtszeit erklärt. Am Sonntag kündigte er zudem an, bald das Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada neu zu verhandeln. "Weil Trump sein 'America first' so oft wiederholt, bleiben Investoren in Japan in der Defensive", sagte Marktstratege Hiroyuki Nakai vom Tokai Tokyo Research Center. Kollege Masahiro Ichikawa vom Vermögensverwalter Sumitomo Mitsui Asset Management ergänzte: "Seine Rede klang protektionistisch."

In Tokio standen Aktien exportabhängiger Unternehmen unter Druck, denen ein festerer Yen im Auslandsgeschäft besonders stark zu schaffen macht. Die Papiere von Toyota gaben 1,6 Prozent nach, die Titel des Elektronikkonzerns Hitachi rund 1,5 Prozent. Zu den Kursgewinnern zählten hingegen die Toshiba -Aktien, die nach dem Kurseinbruch der vergangenen Woche neun Prozent nach oben schossen. Der angeschlagene Industriekonzern bereitet Insidern zufolge einen Teilverkauf seiner wichtigen Chipsparte vor, der dem Unternehmen finanziell Erleichterung bringen würde.

An den asiatischen Devisenmärkten zog der Euro an auf 1,0742 Dollar. Der Schweizer Franken notierte zum Euro mit 1,0725 und zum Dollar mit 0,9984.

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