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Europäische Fondsbranche Rekorde, Rekorde, Rekorde

Europas Fondsbranche sammelte im vergangenen Jahr so viel neues Geld ein wie nie. Es ist eine Flucht in die Fonds. Experten glauben, dass der Trend erst dreht, wenn die gute Börsenstimmung kippt.

Die Branche profitiert vom Zustrom der Anleger. Quelle: Bloomberg

FrankfurtDiana Mackay hat es nicht kommen sehen. „Überraschend, das hätte ich nie vorhersagen können“, kommentiert die Mitgründerin der Londoner Beratungsfirma Mackay Williams die aktuelle Entwicklung der europäischen Fondsbranche. Doch die jüngsten Zahlen der Ratingagentur Morningstar, die dem Handelsblatt vorab vorliegen, dürften nicht allein Mackay verblüffen. Investoren aus Deutschland und dem übrigen Europa steckten demnach im vergangenen Jahr so viel Geld in Publikumsfonds wie nie zuvor.

Es ist eine Flucht in die Fonds: Die Anbieter sammelten mit den in Europa aufgelegten Produkten für Privatanleger im vergangenen Jahr netto 779 Milliarden Euro ein, verwalten jetzt knapp 9,6 Billionen Euro. Beide Zahlen stellen die bisherigen Höchstwerte weit in den Schatten. „Rekorde, Rekorde, Rekorde“, lautet das Fazit von Ali Masarwah von Morningstar. Der Analyst begründet den Zuspruch der Anleger mit den rosigen Börsenzeiten. Während es auf dem Sparkonto keine Zinsen mehr gebe, locke ein ideales Börsenumfeld: gutes Wirtschaftswachstum, nur moderate Inflation und kein großes Störfeuer von den Notenbanken.

Seit bereits neun Jahren läuft ein Aufschwung an den Wertpapiermärkten. Bis heute sorgen die Aktienbörsen mit regelmäßigen Rekorden für Schlagzeilen. Wer in den vergangenen Jahren in Wertpapiere oder höher verzinste Anleihen investierte, konnte vergleichsweise attraktive Renditen einfahren – was nun offensichtlich immer mehr Anleger zur Nachahmung animiert.

Nach Daten von Scope Analysis warfen beispielsweise breit anlegende Aktienfonds in den letzten fünf Jahren im Schnitt über zehn Prozent Ertrag jährlich ab. „Anleger kaufen im Vertrauen auf weiter boomende Märkte“, erklärt Mackay.

Bei den 2017 stark gewachsenen Neuanlagen verblüfft dabei auf den ersten Blick das extrem hohe Interesse an Anleihefonds. Rund 313 Milliarden Euro flossen in die Produkte. Die Rekordkäufe von Anleihefonds halfen beim Gesamtrekord kräftig mit. „In der Tat mögen die Zuflüsse überraschen“, meint Matthias Hübner, Experte für Vermögensverwaltung bei der Beratungsfirma Oliver Wyman. Die Zinsen sind historisch tief, manche Staatsanleihen rentieren sogar negativ. Hübner erklärt das Phänomen mit verändertem Verhalten der Anleger: „Die gehen weg von Produkten mit Staatsanleihen hin etwa zu solchen mit Unternehmensanleihen, teilweise auch zu Emissionen aus Schwellenländern – auf der Suche nach mehr Rendite.“

Pimco-Fonds ist der Blockbuster

Morningstar-Mann Masarwah beobachtet außerdem, dass Manager mit großen Anlagefreiheiten gefragt sind, natürlich mit dem gleichen Ziel: mehr Ertrag herauszuholen. Er nennt als Paradebeispiel den Fonds mit den größten Zuflüssen. Der „Income Fund“ des großen US-Hauses Pimco sammelte im vergangenen Jahr allein netto 41,5 Milliarden Euro ein. Kein anderes Produkt schaffte mehr.

„Der Pimco-Fonds war früher stark im US-Häusermarkt engagiert, heute stärker in den Schwellenländern – das Beispiel bringt den Aufschwung für diese Anlageklasse bei den Geldzuflüssen der Anleger auf den Punkt“, sagt Masarwah. Aktienfonds waren ebenso gefragt. Auch in Mischfonds steckten die Anleger so viel neues Geld wie seit Jahren nicht. Diese Produkte sind gerade in Deutschland beliebt. Die endgültigen Zahlen für den hiesigen Fondsmarkt wird der nationale Investmentverband ‧Anfang Februar veröffentlichen.

Experten sind jedoch zuversichtlich, dass der positive Trend anhält. „Solange die Aktienmärkte weiter steigen und es in Europa keinen deutlichen Zinsanstieg gibt, dürften sich die Vermögensverwalter auch weiter über Mittelzuflüsse freuen“, glaubt ‧Berater Hübner. Ähnlich denkt Asset-Management-Experte Philipp Koch von der Unternehmensberatung McKinsey. Er traut der Branche weitere Rekordgewinne zu.

Der Boom der Fonds hängt jedoch eng mit der Entwicklung der Finanzmärkte zusammen. „Wenn die Börsen drehen, werden Privatanleger auch wieder Geld abziehen“, mutmaßt Hübner. An Warnungen fehlt es nicht. Skeptikern zufolge haben die Notenbanken mit ihrer Nullzinspolitik die Anleger in risikoreiche Vermögensformen getrieben, dort die Preise verzerrt und labile Märkte geschaffen. US-Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller wiederholte diese Woche seine Mahnung vor zu teuren ‧Aktien an der Wall Street.

Landsmann Michael Schoenhaut widerspricht jedoch. Der erfolgreiche Mischfondsmanager von JP Morgan Asset Management räumt zwar ein, dass US-Aktien nicht mehr billig seien. Hohe Bewertungen sind seiner Meinung nach aber kein Grund für ein Kippen der Märkte. Er glaubt vielmehr: „Die letzte Phase des Börsenaufschwungs steht noch bevor, und die bringt die höchsten Erträge.“

Doch auch Anlageexpertin Mackay sieht erste Warnzeichen. „Der Großteil des Kapitalzuwachses bei den Verwaltern kommt von den Neugeldern der Anleger, nicht von den erzielten Gewinnen der Manager an den Kapitalmärkten“, beobachtet sie. Da sei kurzfristig angelegtes Geld dabei, das sich bei Marktturbulenzen schnell wieder verabschieden werde. Sie verweist dabei auf den hohen Anteil an Indexfonds bei den Neuinvestments. Zwei Drittel der Zuflüsse bei Aktienfonds seien ihnen zuzuschreiben. „Diese Produkte werden häufig für kurzfristige Dispositionen eingesetzt, im Ernstfall aber auch schnell wieder verkauft“, sagt sie.

Die Vermögensverwalter können sich über den aktuellen Zuwachs beim Kundenkapital jedoch vorerst doppelt freuen. Ihre Einnahmen und Gewinne sind direkt an die Höhe der Anlagegelder gekoppelt. Steigende Kurse bescheren ihnen automatisch höhere Erträge. Der Ansturm auf risikoreichere Vermögensklassen ist ein zusätzliches Plus, denn die entsprechenden Produkte verlangen höhere Gebühren. Ein Aktienfonds kostet laut Morningstar im Schnitt über 1,6 Prozent Jahresgebühr. Und auch viele der populärer werdenden Anleihefonds mit größeren Freiheiten sind nur unwesentlich billiger. Pimco verlangt vom Privatkunden für den erwähnten Bestsellerfonds 1,4 Prozent.

Masarwah sieht deshalb für die Branche kurzfristig nur eine Gefahr: „Bitter wäre es für die Fondsbranche nur, wenn sich die Anleger um die Börse sorgen und dann beispielsweise in billige Produkte wie Geldmarktfonds wechseln würden.“

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