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EZB-Entscheidung So beeinflusst Draghi den Aktienmarkt

Auch die Kapitalmärkte werden von der EZB-Entscheidung über reduzierte Anleihekäufe massiv beeinflusst. Für Anleihen dürfte das gefährlicher werden als für Aktien, meinen Experten. Was Anleger wissen sollten.

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Für den Aktienmarkt bleiben die Experten auch nach der EZB-Entscheidung zuversichtlich. Quelle: dpa

Frankfurt Jede große Flut erreicht irgendwann ihren Scheitelpunkt: Von Januar an werden die europäischen Notenbanker mit 30 Milliarden Euro monatlich nur noch halb so viele Anleihen kaufen wie zuvor und damit weniger Geld in die Wirtschaft pumpen. Damit dürfte bei der Menge des von den wichtigsten Zentralbanken der Welt gefluteten Geldes sinnbildlich der Höchststand erreicht sein. Denn neben der EZB fahren auch die US-Notenbank Fed und die britische Bank of England ihre ultra-expansive Geldpolitik zurück.

Irgendwann im kommenden Jahr sei dann „Hochwasser“ erreicht, stellt Frank Engels fest, der als Chef der Multi-Asset-Sparte beim genossenschaftlichen Fondshaus Union Investment die aus verschiedenen Wertpapierarten gemischten Fonds verantwortet. Und dieses „Feilen am Einstieg in den Ausstieg“, wie es Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland beim US-Fondsriesen Blackrock nennt, dürfte Folgen für die Kapitalmärkte haben.

Bei Aktien bleiben Experten zuversichtlich. Zwar dürfte künftig mit dem allmählichen Auslaufen der Anleihekäufe nach und nach ein wesentlicher Kurstreiber der vergangenen Jahre wegfallen. Doch die Anzeichen stünden gut, dass die Firmengewinne „robust“ bleiben, meint Lück. Schließlich lockere die EZB ihre Geldpolitik vorerst weiter, nur weniger stark als zuvor.

Konjunkturell nachhaltiges Wachstum sei nötig, dann seien Aktienmärkte nicht teuer, ergänzt Engels von Union. Die überwiegend starken Quartalsberichte der Firmen jedenfalls gäben den Aktienmärkte Rückenwind. Nicht nur aus Europa, auch aus den USA kämen viele positive Äußerungen zu Gewinnerwartungen. Vor dem Hintergrund hält er ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im Weltaktienindex MSCI World von rund 18 für vertretbar.

Die Zinsen dürften im Verhältnis zur guten Makro-Verfassung sehr niedrig bleiben, alles spreche weiter für Aktien, resümiert Lück. Auch für Otmar Lang, Chef-Volkswirt der Targobank, bleiben Aktien in der Geldanlage „erste Wahl – nicht zuletzt weil die Firmengewinne auch im kommenden Jahr steigen dürften“. Besonders empfiehlt er Anlegern den Euro-Raum mit dem Dax als „prominentesten Profiteur der gut laufenden Weltkonjunktur“.


Anleihen mit höherer Rendite

Bei Anleihen sieht die Perspektive allerdings anders aus: Die Kapitalmarktzinsen dürften steigen – allein durch die Tatsache, dass die Notenbanken nicht mehr so massiv Zinspapiere vom Markt wegkaufen. Das könnte ein „Lackmustest“ für die Rentenmärkte werden, meint Engels von Union Investment. Denn unklar sei, wer das künftig größere Angebot am Markt kaufen werde. Wie stark die Kapitalmarktzinsen anziehen, sei allerdings schwer abzuschätzen.

Engels verweist auf eine Studie der Fed, nach der allein deren Käufe von Staatsanleihen die Zinsen zehnjähriger US-Papiere um einen Prozentpunkt gedrückt hätten. Der Grund: Die künstliche Nachfrage hat das Preisgefüge verzerrt und verhindert, dass für diese länger laufenden Bonds der marktübliche Renditeaufschlag gezahlt werde. Es sollte nach Einschätzung der Fed einige Jahre dauern, bis sich dies korrigiert hat. Außerdem dürften die Renditen anziehen, wenn die Notenbank ihren Leitzins weiter anhebt. In Europa dürfte das Zinsgefüge ähnlich reagieren, allerdings mit Zeitverzögerung zum US-Markt.

Unterm Strich rechnen die meisten Experten wie Engels im Zuge der Normalisierung der Geldpolitik mit moderat steigenden Renditen bei Anleihen, auch in Europa. Der Leitzins der EZB dürfte noch länger bei Null bleiben. Viele Investoren und Strategen rechnen nicht vor 2019 mit einer Zinserhöhung.

Für dieses vorsichtige Vorgehen sprechen nach Ansicht von Alexander Krüger, Chefvolkswirt vom Bankhaus Lampe, neben der unter zwei Prozent verharrenden Inflationsrate in der Euro-Zone die Sorge vor „überreagierenden Finanzmärkten“. Schließlich sei auch die Staatsschuldenkrise nicht gelöst: Um sie unter der Decke zu halten, sei eine höhere Inflationsrate und tief bleibende Refinanzierungszinsen weiter nötig, betont er.

Angesichts demnächst steigender Kapitalmarktzinsen rät Lang von der Targobank nun zu „behutsamen Anpassungen“ beim Anleiheanteil im Depot. Bonds sollten Anleger langsam zurückfahren und etwa durch offene Immobilienfonds ersetzen. Angesichts der niedrigen Inflation hält Lang auch Gold für attraktiv.

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