Finanzmärkte Mit Volldampf in den nächsten Crash

Immer wieder drehen die Finanzmärkte durch. Schon seit vielen Jahrzehnten. Es wird Zeit, dass wir aus der Geschichte lernen: Ein bisschen Regulierung reicht nicht. Denn Finanzmärkte streben nicht ins Gleichgewicht, sondern zerstören sich immer wieder selbst. Wenn die Politik das nicht bald erkennt, steuern wir geradewegs auf den nächsten Crash zu. Ein Gastbeitrag.

Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
Farbenprächtig blühende Tulpen im Erholungspark Britzer Garten in Berlin Quelle: dpa/dpaweb
Strände Neukaledoniens - hier «Kuto Bay» Quelle: dpa-tmn
Broker stehen am 25. Oktober 1929 in der New Yorker Boerse waehrend des Boersenkrachs, der die Weltwirtschaftskrise einleitete ('Schwarzer Freitag'). Quelle: AP
Blick auf das leere Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg. Wegen der Ölkrise wurde am 02.12.1973 zum zweiten Mal ein sonntägliches Fahrverbot verhängt Quelle: dpa
Hektisches Treiben in der Aktienbörse in Frankfurt (Hessen) Quelle: dpa
United Airlines planes arrive at Denver International Airport in Denver Quelle: REUTERS
 Boris Jelzin, links, neben Alexander Korschakow Quelle: AP
A broker holds his head in his hands Monday, Aug. 18, 1997, after a three percent drop on the Jakarta Stock Exchange. Quelle: AP
Specialist Robert Lucey, second from left, directs trades in shares of Sprint PCS Group on the New York Stock Exchange floor Quelle: AP
an aerial view of the terror attacks on the World Trade Center in New York. Quelle: dpa
U.S. soldiers and aircraft take their position at Forward Operating Base Remagen airstrip Quelle: dpa/dpaweb
A bull styrofoam figure is pictured in front of the DAX board at the Frankfurt stock exchange Quelle: REUTERS
Ein Schriftzug zeigt das Datum "15. September" an der Zentrale von Lehman Brothers in New York Quelle: dpa
Hypo Real Estate bank in Berlin, Germany Quelle: AP
fukushima Quelle: dapd
Ein Aktienmakler Quelle: AP

Immer häufiger wird jetzt in der Wirtschaftspresse behauptet, die Finanzkrise sei längst abgehakt. Woran man das sehe? An der Ruhe, die jetzt auf den Märkten eingekehrt sei. Die Kurse steigen ja wieder. Und damit, so schreibt beispielsweise "Die Welt" vor einigen Tagen, wolle die Börse uns sagen: „Die Krise ist vorbei.“

Malte Heynen ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und der Universität München. Er war unter anderem mehrere Jahre Chefreporter der Fernsehsendung

Die Börsen werden also wieder als eine Art Orakel betrachtet, das uns eine höhere Wahrheit mitteilen will. Doch haben wir nicht gerade erst gesehen, wie massiv Märkte versagen können? Mehr noch: Die Finanzblase der letzten Jahre war keine Ausnahme. Durch die Geschichte ziehen sich viele Fälle von durchdrehenden Finanzmärkten, von Preisverzerrungen, die ganze Volkswirtschaften erfassen. Aus diesen Erfahrungen sollten wir endlich lernen:

  • Fast schon grotesk war die Aktien- und Immobilien-Blase in Japan. Allein in den fünf Jahren bis Ende 1989 vervierfachten sich die Kurse der japanischen Aktien. Gleichzeitig stiegen in Tokio die Immobilienpreise um bis zu 50 Prozent im Jahr. Zwei Quadratkilometer Land waren dort 1991 so teuer wie alle Grundstücke in Kanada zusammen (Kanada hat eine Fläche von fast zehn Millionen Quadratkilometern). Schließlich erreichte die Blase ihren Höhepunkt: Die Aktien der japanischen Firmen wurden so hoch gehandelt, dass sie 42 Prozent des gesamten Welt-Börsenwerts ausmachen. Das bedeutet: Um die Aktien aller japanischen Firmen aufzukaufen, hätte man fast so viel Geld zahlen müssen wie für die Aktien aller anderen Firmen in allen anderen Ländern der Welt zusammen. Vom gewaltigen Crash, der 1990 einsetzte, hat sich der Nikkei-Index bis heute nicht erholt: Wer 1990 in Nikkei-Aktien investierte, konnte zwar zwischenzeitlich einige Dividenden kassieren, doch seine Aktien haben heute drei Viertel ihres damaligen Werts verloren.

  • Auch die Aufblähung des US-Immobilienmarkts war ganz offensichtlich wirtschaftlicher Wahnsinn. Die ausstehenden privaten US-Immobilienkredite erreichten 2007 ein Volumen von mehr als 10.000 Milliarden Dollar. Eine Verdreifachung in nur elf Jahren! Die Kreditvergabe an Haushalte in den USA lag damit weit vor der Kreditvergabe an Unternehmen. Anders gesagt: Private US-Immobilienkredite waren der mit Abstand größte Kreditmarkt in der größten Volkswirtschaft der Welt. Die Kreditgeber steckten mehrere tausend Milliarden Dollar in endlose, immer weiter wuchernde Vorstädte, in denen heute ganze Straßenzüge leer stehen. Das gewaltige Wachstum des Kreditvolumens basierte schlicht auf unsolider bis krimineller Kreditvergabe.

"Es könnte verheerend enden!"
Warren Buffett, weltbekannter Investor „Es besteht kein Zweifel, dass sich die Konjunktur in den kommenden Monaten weltweit abkühlen wird. Besonders hart dürfte es Europa treffen.“ (24.11.2012) Quelle: dapd
Marc Faber, Buchautor und Investor „Die Börsen werden um mindestens 20 Prozent einbrechen, weil der Weltwirtschaft im nächsten Jahr die Puste ausgeht.“ (15.11.2012) Quelle: dpa
Bill Gross, Fondsmanager „Die fiskalische Klippe in den USA ist tiefer, als sie angegeben wird. Sie ist ein Abgrund wie der Grand Canyon.“ (12.11.2012) Quelle: Handelsblatt
Nouriel Roubini, Ökonom „Das Risiko, dass die globale Wirtschaft in einen erneuten Abschwung geraten könnte, ist groß.“ (06.12.2012) Quelle: Handelsblatt
Max Otte, Ökonom und Investor „Wir haben nicht den Euro gerettet oder Europa vor einem Krieg bewahrt. Griechenland hatte einen Einbruch von 20 Prozent der Wirtschaftsleistung zu verkraften. Die Arbeitslosigkeit nähert sich 30 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit 50 Prozent. Ebenso in Spanien. Sieht so eine Rettung aus? „Gerettet“ haben wir die Gläubiger und die Finanzeliten – auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger im Norden UND im Süden. Und dafür haben wir unser Rechts- und Geldsystem zerstört!“ (7.12.2012) Quelle: Handelsblatt
Dirk Müller, Mister Dax „Inflation ist nicht per se schlecht oder schädlich. Im Gegenteil: Eine kontrollierte Rate zwischen sieben und acht Prozent wäre sogar dringend vonnöten, um unsere Systeme wieder in Gang zu bringen, begleitet von steigenden Löhnen und Renten.“ (29.11.2012) Quelle: Handelsblatt Online
George Soros, Hedge-Fonds-Manager „Wir können die Schulden nicht wegschrumpfen“ (30.10.2012) Quelle: dpa
Mark Mobius, Fondsmanager „Die Fiskalklippe in den USA könnte verheerend enden.“ (27.11.2012) Quelle: REUTERS
Josef Ackermann, ehemaliger Chef der Deutschen Bank „Eine neue Aktieninitiative, gerade für dividendenstarke Papiere, wäre derzeit angebracht.“ Quelle: Presse
Michael Keppler, Fondsmanager „Deutschland kann sich der Euro-Krise nicht entziehen, das ist richtig. Das heißt aber nicht, dass die Unternehmen nicht gut verdienen. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienkursen ist weit weniger ausgeprägt, als die meisten denken. Eine Analyse der vergangenen 120 Jahre zeigt, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Aktienkursen und gesamtwirtschaftlichem Wachstum gibt.“ (04.12.2012) Quelle: Handelsblatt
Hans-Olaf Henkel, Buchautor „Was der Euro konjunkturell anrichtet, zeigen die neuen Arbeitslosenzahlen und die Prognosen der EZB. Mit 18,7 Millionen sind heute so viele Eurozonenbürger arbeitslos wie noch nie. Allein im November sind 173.000 Arbeitslose hinzugekommen. Alles schaut zwar auf Griechenland, dabei wird übersehen, dass Frankreich zum Geisterfahrer auf der Euroautobahn geworden ist. Francois Hollande fährt nicht in Richtung Fiskalpakt. Er fährt gegen die Wand.“ (10.12.2012) Quelle: dpa
Jürgen Meyer, Fondsmanager „Der drohende Zahlungsausfall einiger südeuropäischer Staaten hatte Mitte letzten Jahres auch die Kurse von Aktien in Nordeuropa tangiert – obwohl es primär ein Problem der Anleihegläubiger war und ist. Wer sich von dieser vorübergehenden Volatilität nicht hat beeindrucken lassen, ist mit Aktien gut gefahren. Selbst wenn es den Euro eines Tages nicht mehr geben sollte: Ein gutes Unternehmen wird auch dann noch gut sein, wenn es seine Rechnungen in einer anderen Währung fakturiert. Die Währung ist doch austauschbar.“ (3.12.2012) Quelle: Presse
Jim Rogers, Rohstoffguru und Fondsmanager „Ich würde derzeit eher Silber kaufen als Gold.“ (5.12.2012) „Genießen Sie 2012, denn 2013 wird unangenehm. Ich bin sehr beunruhigt.“ (12.09.2012) Quelle: ddp
Eckart Langen von der Goltz, Vermögensverwalter „Wir sitzen momentan auf viel Geld und es mag auf den ersten Blick dumm erscheinen, aber es wäre noch viel dümmer, damit waghalsige Spekulationen zu tätigen. In diesem Spannungsumfeld der ungelösten wirtschaftlichen Krise voll in Aktien einzusteigen, ist nur etwas für Helden. Augenblicklich wollen wir nur circa zehn bis zwanzig Prozent in Aktien investieren.“ (07.12.2012) Quelle: Handelsblatt Online
Eugen Weinberg, Rohstoffexperte „Gold entwickelt sich immer weniger wie ein Rohstoff und immer mehr wie ein Investment. Ähnlich wie Öl oder der Euro: Beides ist nicht knapp, ihre Preise können aber gegenüber anderen Anlagen durchaus steigen.“ (30.11.2012) Quelle: Handelsblatt.
Mario Monti, (noch) italienischer Ministerpräsident „Wenn ich meine Gefühle heute beschreiben müsste, würde ich sagen, dass ich mir große Sorgen mache.“ (9.12.2012) Quelle: dapd
  • Die Liste lässt sich endlos fortsetzen, und sie erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte. Allein in den letzten Jahrzehnten gab es Dutzende von Beispielen, wie die Asienkrise von 1997, die Technologieblase bis 2000, die skandinavische Bankenkrise der neunziger Jahre oder der Börsencrash von 1929, der schließlich in der Weltwirtschaftskrise endete. Es ist immer das gleiche Muster: Die Politik lässt den Finanzmärkten weitgehend freie Hand, in der Folge werden Kredite immer leichtfertiger vergeben, das Kreditvolumen schwillt an. Das frische Geld fließt in Aktien, Anleihen oder Immobilien, die Kurse explodieren. Irgendwann platzt die Blase und die Wirtschaft leidet. In allen Fällen ist nicht etwa eine Minderheit von Spekulanten für das Aufpumpen der Blase verantwortlich: Das Gros der Anleger macht mit, auch die Profis.

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