Franken-Schock Schweizer Börse weiter im Crash

Die Turbulenzen um die Frankenaufwertung halten an. Experten warnen vor Schieflage von Hedgefonds.

Die Schweizerische Nationalbank, SNB, in Bern. Quelle: dpa

Drei Jahre hielt sie stand. Bis Donnerstag. Und löste dann ein Beben an den Märkten aus. Um kurz nach zehn Uhr war die Finanzwelt noch in Ordnung. Dann hob die Schweizer Notenbank (SNB) völlig überraschend den Mindestkurs zum Euro auf. Damit reagiert sie auf drohende Staatsanleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Selbst hartgesottenen Händlern verschlägt es ob der massiven Marktreaktionen die Sprache. Der Schweizer SMI verliert bis Freitagmittag binnen zweier Handelssitzungen 14 Prozent. Noch härter traf es die zwischenzeitlich die Währungsseite. Der Rückzug aus der aktiven Wechselkurspolitik schickte den Euro in der Spitze um mehr als 28 Prozent gegenüber dem Schweizer Franken in den Keller. Eine solche Bewegung dauert in der Regel Jahre. Am Donnerstag reichten Sekunden.

So kreditwürdig sind die Eurostaaten
Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa
Die Entwicklung der Kreditfähigkeit von Frankreich ist nach wie vor unbestimmt, eine Trendwende hin zu einer eindeutig zunehmenden Kreditfähigkeit ist weiterhin nicht auszumachen. Dementsprechend vergibt das CEP eine gelbe Ampelwertung bei einem CEP-Default-Index von 1,7. Ein positiver Wert bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsdefizit bedeutet: Die kapazitätssteigernden Investitionen eines Jahres übersteigen die Nettokapitalimporte. In diesem Fall lässt sich nicht allgemein sagen, ob die Kreditfähigkeit der Volkswirtschaft erodiert oder nicht. Aufgrund seiner Bedeutung für die Euro-Zone und angesichts der fortschreitenden Kreditfähigkeitsprobleme in Italien, Portugal und Griechenland sowie neuerdings auch in Belgien und Finnland ist es dringend notwendig, dass die französische Regierung Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen ergreift, damit die Wettbewerbsfähigkeit und mithin die Kreditfähigkeit des Landes wieder ansteigen. Quelle: dapd

Algotrader am Werk

Kaum von der Hand zu weisen, sind Spekulationen, dass sogenannte Algotrader für diesen Rutsch mitverantwortlich sind. Diese reagieren binnen Millisekunden auf bestimmte Nachrichten oder technische Signale via vorab programmierter Kauf- und Verkaufsprogrammen. So sollen Algotrader einen Stopp bei einem Franken/Euro-Kurs von 1,1999 gelegt haben. 0,0001 Schweizer Franken unter der Marke, die die SNB drei Jahre lang verteidigte. Dafür spricht die schnelle Gegenreaktion. Vom Tief bei 0,86 Franken erholte sich der Euro am Donnerstagmorgen binnen rund einer Viertelstunde um mehr als 20 Prozent. In Summe pendelte er sich dann auch am Freitag um die 1:1-Parität ein.

Swatch-Aktien minus 20 Prozent

Kurse von Schweizer Exporteuren wie der Swatch Group oder Cie. Financière Richemont fielen an der Börse Zürich seit Donnerstagmorgen jeweils um die 20 Prozent. „Der Schritt der SNB heute ist ein Tsunami, für die Exportwirtschaft und für den Tourismus, letztlich für das ganze Land“, schrieb Swatch-CEO Nick Hayek bereits gestern in einer E-Mail. „Es fehlen mir die Worte.“ „Das Ganze ist absolut schockierend. Für Unternehmen mit internationalem Geschäft werden die transferierten Gewinne niedriger ausfallen. Und für Unternehmen, die heimisch produzieren, gehen die Margen zurück. Das ist ein schrecklicher Tag für die Schweizer Unternehmen“, so Jon Cox, Analyst bei Kepler Cheuvreux in Zürich. 

SNB-Entscheidungen löst an der Schweizer Börse Rekord-Einbruch aus

Standhafter Dax

Der Dax dagegen ließ sich nur kurz beirren und endete nach zwischenzeitlichen Verlusten den Tag am Ende im Plus sogar oberhalb der 10000-Punkte-Marke, die auch am Freitag zunächst hält. Chris Beauchamp, Marktanalyst bei IG Markets, glaubt, dass weitere Überraschungen folgen könnten. „Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht“, sagt er. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft seien der rasant steigende Franken und ein abstürzender Euro sehr schlecht. „Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität.“

Statements zur Franken-Freigabe der Schweizer Notenbank

Gold wieder im Haussemodus

„Das Vertrauen in die monetären Systeme verschwindet immer mehr“, sagt Wilhelm Peinemann, Berater des Goldport Stabilitätsfonds. Gold ist, anders als Papierwährungen, nicht beliebig vermehrbar. Er glaubt, dass Gold weiterhin durch solche Aktionen Auftrieb bekommen wird, da es anders als die Papierwährungen nicht beliebig vermehrbar sei. Er erwartet, dass die Sensibilität der Investoren für die Währungsthemen zunehmen wird Anleger sollten an ihren Positionen festhalten.  Seit Jahresanfang ist der Goldpreis schon um elf Prozent gestiegen, in Euro gerechnet. Auffällig war, dass alles , was die SNB zuvor gegen Franken gekauft hatte, gestern kräftig fiel: Neben Bundesanleihen, deren Kurse absackten und deren Renditen im Gegenzug anzogen – die der Zehnjährigen von 0,43 auf 0,48 Prozent– auch die Schwedenkrone und sogar die Nokia-Aktie, von denen die SNB in einem Korb finnischer Aktien 24 Millionen Stück gegen Euro gekauft hatte. Überall hier fällt nun auf Sicht ein zuverlässiger Käufer aus.

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