Frankfurter Börse "Anleger müssen selbst entscheiden"

Die Deutsche Börse in Frankfurt plant ein neues Handelssegment für kleine und mittlere Unternehmen. Im Interview erklärt Vorstand Hauke Stars, wie die Börse die Fehler des Neuen Marktes vermeiden will.

Der Handelssaal der Frankfurter Börse: WiWo Club-Mitglieder waren live dabei und sprachen mit Hauke Stars, Vorstandsmitglied der Deutsche Börse AG. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Frau Stars, im März ersetzt die Deutsche Börse ihr Einstiegssegment, den Entry Standard, durch ein neues Segment. Wieso?
Hauke Stars: Wir wollen ein neues Segment starten, das sich an kleine und mittlere Unternehmen wendet. Da gibt es gute Unternehmen, die sich bislang hauptsächlich über Bankkredite finanzieren. Dieses neue Segment löst den Entry Standard ab.

Da klingelt es in meinem Hinterkopf – Neuer Markt...

Hauke Stars, Vorstand der Deutsche Börse AG Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Nein, denn wir haben uns angeschaut, was damals schief gegangen ist. Daher muss es heute klare Kriterien für alle Unternehmen geben, die in das neue Segment wollen. Sie müssen zum Beispiel einen Mindestumsatz von zehn Millionen Euro erwirtschaften. Der Kandidat muss Gewinn machen und an der Börse 30 Millionen Euro wert sein. Außerdem brauchen die Unternehmen auch für die Zeit nach dem Börsengang einen Kapitalmarkt-Partner – das sind etwa Banken, die sich darauf spezialisiert haben, Unternehmen zur Börsenreife zu begleiten. Die machen dann auch eine Buchprüfung und schauen, ob die finanzielle und rechtliche Basis vorhanden ist. So stellen wir von der Börse sicher, dass die Unternehmen ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Auch wenn die Unternehmen einmal an der Börse sind, müssen sie transparent sein. Deswegen werden wir von der Börse fortlaufend Researchberichte von zwei bekannten Analysehäusern zur Verfügung stellen.

Bekommen auch private Anleger die Analysen?
Ja, das ist geplant. Aber wir müssen dabei regulatorische Anforderungen berücksichtigen.

WiWo-Club-Mitglieder Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Gibt es schon Unternehmen, die mit ihren Aktien oder Anleihen in das neue Segment wollen?
Am 1. März, wenn das neue Segment startet, werden wir mit einer zweistelligen Anzahl von Wertpapieren starten können. Und vielleicht gelingt es uns sogar, dabei ein neues Unternehmen mit einem Börsengang in das Segment aufzunehmen. Wir sind mit verschiedenen Unternehmen in Gesprächen. Das Gros aber werden Unternehmen sein, die jetzt im Entry Standard sind.

Wer steht denn in den Startlöchern?
Das darf ich jetzt noch nicht verraten.

Angeblich haben Sie 250 Gespräche geführt, bevor Sie das neue Segment ins Leben gerufen haben.
Ja, wir haben uns bemüht, den Markt zu verstehen und zu analysieren, was früher schief gelaufen ist. Wir werden die Fehler von damals, vom Neuen Markt, nicht wiederholen.

"Was bringt ein neues Börsensegment, Frau Stars?"

Wieso brauchten Sie dazu erst den Druck aus dem Wirtschaftsministerium, das Sie über Jahre zu einem solchen neuen Segment gedrängt hat?
Da war kein Druck, wir verfolgen letztlich das gleiche Ziel. Schon damals, 2014 und 2015, war aber klar: Ein neues Segment allein löst kein Problem. Dazu stehe ich auch heute. Das Problem ist in Deutschland folgendes: Es gibt viele Fonds, die Startup-Unternehmen unterstützen. Es gab aber immer eine Lücke, und zwar dann, wenn Unternehmen eine Schwelle erreicht haben, etwa fünf bis zehn Millionen Euro Investitionsvolumen. Dann gab es keine Investoren für die nächste Kapitalrunde. Dadurch sind viele Unternehmen in die USA abgewandert, weil dort viele Investoren für diese Finanzierungsrunden zur Verfügung stehen. Wir haben daher zunächst Mitte 2015 das Deutsche Börse Venture Network gegründet. Mittlerweile sind mehr als 115 Unternehmen und 200 Investoren in diesem Netzwerk. Wir haben es in etwa einem Jahr geschafft, eine Milliarde Euro an Finanzierung für diese Unternehmen zusammenzubringen.

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