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FXDirekt "Bumslisten verschwinden lassen"

Der Fall des Internet-Brokers wirft Schatten auf die Branche: Banken kooperierten ohne Bedenken, Ermittler waren zu lasch, eine Brokerwahl war wohl manipulationsanfällig. FXdirekt hat Ungereimtheiten im Oktober bestritten. Heute schweigt die Bank.

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Mit diesen Banken sind Sie schlecht beraten
Eine Passantin geht am Mittwoch (14.04.2004) an einer Filiale der Hamburger Sparkasse vorbei. Quelle: dpa/dpaweb
Eingang zu einer Filiale der HypoVereinsbank Quelle: AP
Filliale der Santander Bank Quelle: dpa
Taschenrechner mit dem Logo der Commerzbank Quelle: dpa
Filiale einer Volksbank Quelle: AP
sparda-bank
TARGOBANK Quelle: obs

Die E-Mail an die Mitarbeiter der FX-direkt Bank klang eindringlich: "Ich bitte Sie darum, umgehend alle Schreibtische und Büros aufzuräumen", hieß es in der Ansage unter dem Betreff: "Besuch". Vor allem die "Bumslisten" müssten "vorübergehend verschwinden". Bumslisten, so sollen in der Bank die Listen von zahlungskräftigen Kunden genannt worden sein, die von Kundenbetreuern zum Handeln auf der Plattform des Online-Brokers gedrängt werden sollten.

In den letzten Wochen dürfte bei FXdirekt wieder so einiges verschwunden sein. Die Finanzaufsicht BaFin ließ sich außerplanmäßig in Oberhausen blicken. Sie habe, heißt es aus Kreisen der Bank, gerade eine weitere Sonderprüfung im Haus beendet. Im Kern ging es um die Frage, ob Händler des Online-Brokers die Preise für außerbörsliche Produkte im Rahmen halten – oder ob sie es mit der Preisstellung zum Nachteil der Kunden übertreiben. FXdirekt ist Market Maker, das heißt, die Bank stellt die An- und Verkaufskurse für ihre Kunden.

Aufseher waren informiert und reagierten nicht

Die WirtschaftsWoche hatte über zweifelhafte Geschäftsmethoden bei dem Finanzinstitut berichtet, das Kunden ausgeplündert haben soll. Die Bank hatte Unregelmäßigkeiten in einer Stellungnahme zum ersten Bericht Anfang Oktober bestritten. Seither hat sie Fragen der Redaktion nicht mehr beantwortet.

Der Fall FXdirekt wirft Schatten auf die Arbeit von Aufsehern und Staatsanwälten. Sie sind offenbar seit Jahren über Probleme bei der Bank informiert – und taten im Ergebnis nichts. Staatsanwälte ermittelten wegen Betrug und Unstimmigkeiten bei einer Brokerwahl und stellten die Verfahren wieder ein.

Verschwundene Bänder

FXdirekt-Mitarbeiter sollen die BaFin-Prüfer nach allen Regeln der Kunst an der Nase herumgeführt haben. Kurz bevor die angemeldeten Prüfer anrückten, sollen gut informierte Mitarbeiter versetzt worden sein. Andere sollen dazu gedrängt worden sein, sich krankschreiben zu lassen, damit Prüfer nicht mit ihnen sprechen konnten.

Interessiert waren Aufseher an Aufzeichnungen der Telefonate mit Kunden. Sie wollten prüfen, ob Kundenbetreuer der Bank Anleger beraten haben. Anlageberatung war dem Broker verboten. In den FXdirekt-Büros soll es Apparate gegeben haben, deren Gespräche nicht aufgezeichnet wurden. Mitarbeiter sollen gewusst haben, welches Telefon zu benutzen war, wenn wieder mehr Umsatz gebraucht wurde. Offenbar stellten Führungskräfte vor einem Besuch der Aufseher Mitarbeiter ab, die Bänder abhören sollten. Bänder von Gesprächen, in denen Kunden beraten worden seien, sollen abhanden gekommen sein, sagen Insider.

Keiner konnte die Wahrheit sagen

So fühlt man dem Finanzberater auf den Zahn
Nachbarn unterhalten sich Quelle: dpa
Fangfrage 2: "Wenn etwas schief läuft, dann ersetzen Sie mir doch den Schaden?" Solch eine Versicherung gegen Verluste wünscht sich jeder Anleger, doch keine Bank mag das versprechen. Wenn ein Berater sich darauf einlässt, überschreitet er seine Kompetenzen – und will unbedingt etwas verkaufen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht, auch eine Fehlinformation an den Kunden. Quelle: dpa
Fangfrage 3: "Welche Produkte brauche ich denn nun?" Gute Berater entwickeln eine Strategie, und sie schauen sich die Vermögens- und Finanzsituation eines Kunden an. Dann reden sie mit ihm über seine Ziele und seine Risikobereitschaft. Einzelne Produkte kommen – wenn überhaupt – immer ganz zuletzt. Berater, die sich sofort darauf einlassen, denken vor allem an ihre Provision. Diese ist häufig davon abhängig, wie viel Produkte in einem bestimmten Zeitraum von ihm verkauft werden. Quelle: dpa
Uhr Zifferblatt Quelle: dpa
Fangfrage 5: "Ich bin risikoscheu und möchte mindestens fünf Prozent Rendite. Das ist doch für Sie kein Problem?" Es sollte ein Problem für Berater sein. Wer diese Frage sofort bejaht, hat sich als unsolide geoutet. Denn fünf Prozent Rendite sind aktuell meist nur mit einem recht hohen Risiko oder anderen Nachteilen zu erzielen. Wer als Anleger gar kein Risiko möchte, muss sich aktuell eher mit einem bis zwei Prozent begnügen – den Konflikt zwischen Risiko und Rendite sollte ein Berater darstellen und nicht schamhaft überspielen. Quelle: dpa
zerrissener Euro-Schein Quelle: dpa
Fangfrage 7: "Ich vertraue Ihnen, das Kleingedruckt ist sicher in Ordnung. Wo soll ich unterschreiben?" Geldanlagen sollten gut überlegt sein. Berater, die ihren Kunden wenig Zeit lassen, wollen ein Gespräch schnell abhaken. Häufig verbergen sie diese Absicht. Durch diese Fangfrage können Anleger dem Berater auf die Schliche kommen. Jeder Berater sollte das Kleingedruckte erklären, und hinterher sollte es der Anleger noch mal lesen. Einfach zu unterschreiben, ist keinesfalls in Ordnung. Quelle: dpa

Prüfer sollen auch Kundenbetreuer zum Rapport gebeten haben. Den Insidern zufolge sollen Vorgesetzte ihnen eingetrichtert haben, was sie zu sagen hätten – und was nicht. In Gesprächen mit den Prüfern hätten neben den einfachen Angestellten Führungskräfte der Bank gesessen. "Keiner konnte in deren Beisein den Prüfern die Wahrheit sagen", sagt ein Ex-Mitarbeiter.

Die Bank sollte offenbar bereits 2009 im Zuge von Ermittlungen durchsucht werden. Das Personal dafür soll parat gestanden haben. Im letzten Moment jedoch soll die Aktion abgeblasen worden sein.

Kurse zu Ungunsten der Kunden verändert

Dabei hätten Beamte schon damals Dokumente finden können, die heute der Redaktion vorliegen. Aufzeichnungen etwa, die den Vorwurf erhärten, dass Kurse, zu denen Kunden mit Finanzprodukten bedient wurden, zuvor manipuliert worden waren. Per Chat und E-Mail haben Kundenbetreuer die Händler des Brokers informiert, welche Kundenorders als nächste kämen, worauf Anleger also wetten wollten (Ausriss Seite 99). Die Händler der Bank könnten danach Zeit gehabt haben, um Kurse zuungunsten von Anlegern zu verändern. Insidern zufolge soll das der Grund für solche internen Absprachen gewesen sein.

Ein Email-Scan von FXDirekt

Am 12. Februar 2009 etwa fragte ein Kundenbetreuer per Chat beim Handel an: "Wir wollen jetzt einen Kunden mit CZK/CHF short einbuchen. Der soll per Marktorder rein. Wo soll der Stopp hin?" Der Anleger wollte im Währungspaar Tschechische Krone/Schweizer Franken auf den steigenden Franken setzen. Bei einer Marktorder akzeptiert der Kunde den nächsten handelbaren Preis – das ist ein Freibrief für Händler, den Kurs zu verschlechtern. Verteuert der Handel zuvor den Kurs, könnte der Kunde zu viel bezahlen.

Neukunden waren heißbegehrt

Später am Tag schreibt ein Kundenbetreuer, dass gleich wahrscheinlich eine Order über eine Million "ZAR/CHF long vom Kunden" Möller reinkäme (echter Name ist der Redaktion bekannt). Möller wollte im Währungspaar Südafrikanischer Rand/Schweizer Franken auf eine fallende Schweizer Währung wetten. In einem anderen Fall bittet ein Händler die Kundenbetreuer um mehr Zeit – Betreuer sollten Anleger am Telefon hinhalten, damit der Handel in Ruhe an Kursen drehen konnte.

Die Betreuer hatten ein niedriges Fixgehalt. Wer mehr verdienen wollte, musste mit Kunden ordentlich Umsatz machen. Wer viel Umsatz generierte, bekam Neukunden zugewiesen. Die waren heiß begehrt, weil sie zu Anfang ihrer meist desaströs endenden Spekulantenkarrieren besonders viel handeln. In einer E-Mail vom 25. Mai 2009 heißt es, wer zuerst ein Volumen von 1,5 Millionen einbuche, dürfe fortan einen neuen Kunden betreuen. Als weiterer Ansporn hingen an einer Tafel 50- und 100-Euro-Scheine. Wer sein Umsatzziel erreicht hatte, durfte Bargeld von der Tafel rupfen. "Das spornte schon an, ich hatte das Geld die ganze Zeit vor Augen", sagt ein Ehemaliger.

Ermittler haben wenig in der Hand

Mit diesen Werten zocken Anleger am liebsten
15. PlatzDie Commerzbank-Aktie liegt wie Blei in vielen Depots. Viel Freude hatten die Aktionäre in den vergangenen Monaten und Jahren nicht mit den Papieren. Auch die Kursgewinne der vergangenen Wochen ändern daran wenig. Trotzdem oder gerade deshalb gehört die Commerzbank zu den beliebtesten Basiswerten der Zertifikate-Anleger. Mit einem Volumen von 13,5 Millionen Euro wurden an der Stuttgarter Börse Commerzbank Faktor 4x Short DAXF Indizes ge- und verkauft. Das reicht für Platz 15 der beliebtesten Basiswerte, die im September an der Stuttgarter Börse gehandelt wurden. Quelle: Börse Stuttgart Quelle: dpa
14. PlatzAuch die Bayer-Aktie zog zuletzt kräftig an. Seit Juli ist das Papier kontinuierlich im Wert gestiegen. Von den Kursgewinnen wollten auch viele Zertifikate-Anleger profitieren. Sie handelten Papiere mit Basiswert Bayer für 15,5 Millionen Euro. Quelle: AP
13. PlatzIm August brach bei BMW der Neuwagenverkauf um 13,5 Prozent ein. Das belastete auch den Kurs der Aktie. Dennoch waren die Papiere zuletzt bei den Anlegern gefragt. Zertifikate mit Basiswert BMW wurden mit einem Volumen von 19,1 Millionen Euro gehandelt. Quelle: dapd
12. PlatzEntgegen ihrer Ankündigung wird die Commerzbank wohl auch für das Geschäftsjahr 2013 keine Dividende an ihre Aktionäre auszahlen. Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus plagen vor allem Probleme im Kreditgeschäft. Zertifikate-Anleger stört das weniger. Sie zockten trotzdem kräftig mit Papieren auf Deutschlands zweitgrößte Bank. Im September wurde der Basiswert Commerzbank an der Börse Stuttgart mit einem Volumen von 21,5 Millionen Euro gehandelt. Quelle: dpa
11. PlatzObjekt der Begierde vieler Anleger war im September auch Silber. Sie kauften und verkauften Papiere mit Basiswert Silber im Volumen von 22,8 Millionen Euro. Quelle: dpa
10. PlatzAnfang Juni war ein günstiger Zeitpunkt, um Aktien der Telekom zu kaufen. Seither hat das Papier rund 20 Prozent zugelegt. Im September war der Bonner Konzern auch bei Zertifikate-Anlegern gefragt. Sie kauften und verkauften den Basiswert Telekom in Höhe von 23,1 Millionen Euro. Quelle: dapd
9. PlatzDie Pkw-Absatzkrise in Deutschland macht auch Volkswagen zu schaffen. Doch was hierzulande schlecht läuft, klappt in den USA umso besser. Dort verbuchen die Wolfsburger Verkaufsrekorde. Ähnlich gefragt wie VW-Fahrzeuge in Übersee, war im September der Wolfsburger Konzern bei Anlegern. Sie kauften und verkauften Zertifikate auf die Aktie im Volumen von 26,2 Millionen Euro. Quelle: rtr

Belege für Manipulationen, verbotene Beratung und dieses Umsatzmachen um jeden Preis dürften Ermittler bei einer Durchsuchung heute kaum mehr finden – nach dem Artikel der WirtschaftsWoche sollen Mitarbeiter Weisung bekommen haben, ihre Postfächer gründlich zu säubern.

Weil nicht durchsucht wurde, hatten Ermittler wenig in der Hand und vertrösteten die Geschädigten. Die Duisburger Staatsanwaltschaft etwa stellte Ende 2009 und Mitte 2010 Ermittlungen wegen Betruges gegen Vorstandschef und Alleinaktionär Wolfgang Stobbe und andere ein. Oberstaatsanwalt Bernhard Englisch schrieb an mehrere Kunden der Bank, die Anzeige erstattet hatten, dass die Geschäfte von FXdirekt "im Grunde als Spiel oder Wette zu werten sind und ähnlich wie im lizenzierten Glücksspiel auf Dauer nur auf Seiten der Bank zu Gewinnen führen können". Allerdings habe die Aufsicht die Erlaubnis für derlei Geschäfte erteilt.

Beeinflusste Brokerwahlen

Kunden wetten bei der Bank außerbörslich mit Differenzkontrakten (Contracts for Difference, CFDs) auf steigende und fallende Kurse, etwa von Währungen. Mit kleinem Einsatz sind hohe Gewinne möglich – theoretisch. Denn wenn Händler Kurse nur minimal zum Nachteil des Kunden verändern, potenzieren sich deren Verluste.

Ein weiterer Scan

Wichtig für die Kunden-Akquise sind Brokerwahlen. Viele Anleger suchen ihren Handelspartner anhand von Rankings aus. Der Fall FXdirekt zeigt, wie anfällig eine Wahl, die auf einer Umfrage basiert, für Manipulationen sein könnte. E-Mails von Stobbe und anderen Stellen in der Bank zeigen, wie versucht wurde, das Ergebnis auf der Web-Seite brokerwahl.de zu beeinflussen. In ihrer Stellungnahme hatte FXdirekt Anfang Oktober behauptet, dass Mitarbeiter im Jahr 2009 nicht "gezwungen wurden, Stimmen zu organisieren oder künstlich" zu schaffen.

Sieben Euro pro Stimme

Gezwungen vielleicht nicht, wohl aber gedrängt. In einer E-Mail vom 2. März 2009 etwa verspricht die Bank, dass Mitarbeiter, die mehr als sieben Stimmen für FXdirekt reinholen, für jede darüber hinaus geholte Stimme sieben Euro bekämen. Außerdem lobte die Bank eine Playstation und Wellnessurlaub aus. "Falls Preise und Vergünstigungen für das Einwerben von Stimmen vergeben worden sind, wäre die Grenze des Legalen überschritten worden", sagt Andreas Tilp, Anwalt für Bankrecht aus Tübingen.

Die Mitarbeiter sollten abstimmen, sich aber nicht erwischen lassen: Jede IP-Adresse, warnte die Marketingabteilung, werde bei der Abstimmung nachverfolgt. Anhand einer IP lässt sich ein Internet-Nutzer identifizieren. "Sollten also mehrere Stimmen von der gleichen IP-Adresse stammen, kann dies zur Disqualifikation der Bank führen." Anbieter von Arcor bis Yahoo wurden aufgelistet, bei denen Mitarbeiter für die Abstimmung E-Mail-Adressen besorgen könnten.

Manipulation der Wahl sei nicht auszuschließen

Warum Kunden ihrem Banker misstrauen
Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Finanzanleger negativ beeinflusst. Zu diesem kommt die aktuelle Studie der Nürnberger Puls Marktforschung unter 1.000 deutschen Bankkunden. Deren deutliche Mehrheit ist inzwischen der Meinung, sich eigenständig über Geldanlagen informieren zu müssen. Quelle: dpa
74 Prozent der Befragten geben an, dass man bei reinem Vertrauen in den Berater ohne eigene zusätzliche Information „selbst Schuld“ bei Verlusten sei. Dies sehen speziell Männer, Ältere und Besserverdienende so. Quelle: dpa-tmn
Beratungsgespräch in einer Bank Quelle: Fotolia
Auch bei der Frage, welchen Informationsquellen die Bankkunden vertrauen, kommt die Studie zu einem ernüchterndem Ergebnis: Eigentlich keiner so richtig. Aber: „Die persönliche Beratung bei unabhängigen Stellen, wie etwa der Verbraucherberatung, werden von heutigen Kunden noch am ehesten als vertrauenswürdig angesehen,“ fasst Dr. Konrad Weßner, Puls-Geschäftsführer, zusammen. Quelle: picture-alliance
Gerade mal 17 Prozent der Befragten vertrauen dem persönlichen Berater, 15 Prozent unabhängigen Institutionen. Quelle: dpa
Die Weiten des Internets taugen bei der Mehrheit auch nicht für Anlagetipps, sondern als reine Informationsplattform wie etwa zu Aktienkursen. Quelle: dpa
Das Beratungsprotokoll findet bei Anlegern mehr Anklang als vermutet: 95 Prozent derjenigen, die ein Protokoll erhalten haben, lesen es durch. Die Hälfte von ihnen ausführlich, die anderen überfliegen es zumindest. Quelle: dpa

Die Bank soll Insidern zufolge Mitarbeitern eine Software auf Firmenrechner gespielt haben, die die IP-Adresse fortlaufend wechselte. Einzelne Mitarbeiter sollen abgestellt worden sein, E-Mail-Adressen anzulegen. Auf diese Weise sollen massenhaft Stimmen gesammelt worden sein.

Aus einer internen Liste geht hervor, welcher Mitarbeiter bis zum 20. März 2009 wie viele Stimmen gesammelt hatte. Vorstand Jörg Ernst hatte demnach 28 Stimmen besorgt, andere hatten schon über 100 zusammen.

Am 9. April 2009 aber bekam Bankchef Stobbe kalte Füße. Ab sofort sei es "den Mitarbeitern verboten, bei der Brokerwahl selbst Stimmen abzugeben". Aufgrund vorliegender Informationen sei eine Manipulation der Wahl nicht mehr auszuschließen. In der Stellungnahme der Bank hieß es, die Bank habe sich aufgrund der "erkennbaren Manipulationen" dann "unter Protest aus der Wahl vorzeitig zurückgezogen".

Stimmabgabe während der Arbeitszeit

2008 sah das ganz anders aus. Damals stoppte Stobbe die Wahl nicht – im Gegenteil. Am 15. Februar rief er Mitarbeitern per Rundmail in Erinnerung, wie wichtig die "Titelverteidigung" bei der Brokerwahl für die Bank sei. "Jede Platzierung hinter dem Gewinner" würde einen "enormen Imageschaden" bedeuten. Kunden und Interessenten könnten sich dem neuen Sieger zuwenden. Jeder Mitarbeiter werde daher "in den kommenden Wochen im Rahmen seiner Arbeitszeit aktiv an der Stimmabgabe beteiligt und bekommt hierzu die Gelegenheit seinen Freundes- und Bekanntenkreis zur aktiven Stimmabgabe zu mobilisieren". Als Prämien gab es eine Spielkonsole oder ein iPod.

Eine Mail von CEO Stobbe

Am 3. März 2008 erhöhte Stobbe den Druck: Erst 19 Mitarbeiter hätten Stimmen gesammelt. Dass andere sich nicht bemühten, koste Kunden, Umsatz und Marktanteil. "Wer so leichtsinnig seinen Arbeitsplatz aufs Spiel setzt hat es nicht anders verdient. Ich distanziere mich von solchen Mitarbeitern und werde das Unternehmen mit denen die sich engagieren weiter aufbauen. Verlierer und/oder verlieren kommt für mich nicht Frage!" Mit freundlichen Grüßen.

Ermittlung ist Sache der Behörden

2008 siegte FXdirekt tatsächlich. Auf der Homepage wirbt der Broker bis heute mit einem "1. Platz in der Kategorie Forex Broker in den Jahren 2005–2008".

David Ernsting, dessen GmbH brokerwahl.de betreibt, identifiziert Mehrfachstimmabgaben anhand einer Software. "2008 haben wir bei mehreren Brokern Mehrfachstimmabgaben festgestellt. Diese Stimmen wurden deaktiviert", sagt Ernsting. Die Wahlergebnisse der Brokerwahlen seien somit nur auf Basis gültiger Stimmen zustande gekommen. Nachdem er 2009 erneut Mehrfachstimmabgaben festgestellt habe, habe er die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Es sei jedoch Sache der Ermittlungsbehörden herauszufinden, wer versucht habe, die Wahl zu manipulieren, und wer bei Wertung der Stimmen davon hätte profitieren können.

Banken handelten blauäugig

Eine Mail des Management zum erstellen gefälschter Accounts

Die Staatsanwaltschaft Münster bestätigt, dass im Mai 2009 eine Strafanzeige wegen "Fälschung beweiserheblicher Daten" eingegangen sei (61 UJs 427/09). Geschädigter sei die GmbH von Ernsting gewesen. Zunächst ging es gegen Unbekannt, dann wurde gegen mutmaßlich Verantwortliche der FXdirekt Bank ermittelt (61 JS 1557/09). Namen sind der Redaktion bekannt. Das Verfahren wurde im September 2009 wegen Geringfügigkeit eingestellt.

In Arbeit
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Nachdem der FX-Skandal nun öffentlich ist, haben renommierte Banken offenbar erkannt, wie blauäugig sie ihren Namen für Kooperationen hergegeben haben. Die BNP-Paribas-Tochter Cortal Consors und die zum Bankhaus Jungholz gehörige Direkt-Anlage Österreich haben über ihre Internet-Seiten Kunden für FXdirekt geworben. Consors vermittelte 1300 Anleger, zehn Prozent handeln angeblich noch heute aktiv bei FXdirekt. Consors verdient dank Provision an jedem Trade mit. Nach eigenen Angaben haben Consors und die Direkt-Anlage die Kooperation mit FXdirekt nun vorläufig gestoppt.

"Von einem neutralen Partner bewacht"

Eine Kooperation mit der Bayerischen Börse läuft weiter. Zwar hat die Börse den Link zu FXdirekt von ihrer Startseite genommen. Wer weiterklickt, kann aber ein Konto in Oberhausen eröffnen. Unter dem Produktnamen "Contrex" will die Handelsüberwachungsstelle der Münchner Börse die Preise für CFDs der Oberhausener kontrollieren. Für Kunden, die ein Contrex-Konto eröffnen, bleibt FXdirekt jedoch Market Maker, gibt also die Kurse vor. Die Kurse werden aber wohl nachträglich nach München geschickt, wo Mitarbeiter der Handelsüberwachung draufschauen sollen. FXdirekt wirbt deshalb kräftig damit, dass die Kursstellung "von einem neutralen Partner überwacht" werde.

Ehemalige FXdirekt-Mitarbeiter sind heute auch bei Wettbewerbern aktiv. Einer, dessen Name in den Chat-Protokollen auftaucht, ist bei der Commerzbank-Tochter Comdirect. Ein Marketingmanager, der für die Brokerwahl trommeln musste, arbeitet für den Devisenbroker Alpari.

Beide Herren beteuern, dass sie in Oberhausen Erlebtes auf keinen Fall bei ihrem neuen Arbeitgeber anwenden würden.

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