1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Börse
  4. Israel und Gaza: Sorge vor abstürzenden Börsen und einem Ansturm auf Gold

Gaza-KriegEin regionaler Flächenbrand würde zu abstürzenden Börsen und einem Ansturm auf Gold führen

Die Finanzmärkte haben geopolitische Schocks oft falsch eingeschätzt. Das könnte jetzt wieder der Fall sein. Im schlimmsten von vier denkbaren Szenarien drohen eine Ölkrise, weltweite Stagflation und Turbulenzen an den Märkten. Ein Gastbeitrag.Nouriel Roubini 14.11.2023 - 11:17 Uhr

Israelische Soldaten positionieren sich inmitten der laufenden Bodenoperation gegen die islamistische Gruppe Hamas in Gaza.

Copyright: Israeli Defense Forces/Handout via REUTERS

Foto: REUTERS

Das barbarische Massaker der Hamas an mindestens 1400 Israelis am 7. Oktober und die anschließende israelische Militäraktion im Gazastreifen zur Auslöschung der Gruppe haben vier geopolitische Szenarien im Hinblick auf die Weltwirtschaft und die Märkte aufkommen lassen. Wie es bei derartigen Schocks häufig der Fall ist, könnte sich Optimismus als unangebracht erweisen. Denkbar sind vier Szenarien:

Szenario 1: Begrenzter Krieg, Beibehaltung des Status Quo

Im ersten Szenario bleibt der Krieg weitgehend auf den Gazastreifen beschränkt, ohne dass es zu einer regionalen Eskalation kommt, die über kleinere Scharmützel mit iranischen Stellvertretern in den Nachbarländern Israels hinausgeht; tatsächlich ziehen es die meisten Akteure inzwischen vor, eine regionale Eskalation zu vermeiden. Die Militäraktion der israelischen Streitkräfte in Gaza schwächt die Hamas erheblich und hinterlässt eine hohe Zahl an zivilen Opfern, und der instabile geopolitische Status quo bleibt bestehen. Nachdem er jegliche Unterstützung verloren hat, scheidet der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu aus dem Amt, doch die israelische Öffentlichkeit lehnt eine Zwei-Staaten-Lösung weiter entschieden ab. Dementsprechend schwelt die Palästinenserfrage weiter; die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien ist eingefroren; der Iran bleibt eine destabilisierende Kraft in der Region, und die Vereinigten Staaten machen sich weiterhin Sorgen um das nächste Aufflammen.

Ökonom Nouriel Roubini bei einer Veranstaltung in Italien im September 2023.

Foto: imago images
Zur Person
Nouriel Roubini ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der Stern School of Business der New York University und Chefökonom der Beratungsgesellschaft Atlas Capital Team.

Die Auswirkungen dieses Szenarios auf die Wirtschaft und den Markt sind gering. Der derzeitige leichte Anstieg der Ölpreise würde sich abschwächen, da es keinen Schock für die regionale Produktion und die Exporte aus der Golfregion gäbe. Die USA könnten zwar versuchen, iranische Erdölexporte zu unterbinden, um das Land für seine destabilisierende Rolle in der Region zu bestrafen, doch es ist unwahrscheinlich, dass sie eine solche eskalatorische Maßnahme ergreifen. Die iranische Wirtschaft würde unter den bestehenden Sanktionen weiter stagnieren, was die Abhängigkeit des Landes von engen Beziehungen zu China und Russland noch verstärken würde.

Israel würde unterdessen eine schwere, aber zu bewältigende Rezession erleiden, und Europa würde einige negative Auswirkungen erfahren, da die leicht gestiegenen Ölpreise und kriegsbedingte Ungewissheiten das Vertrauen der Unternehmen und Haushalte beeinträchtigen. Durch den Rückgang von Produktion, Ausgaben und Beschäftigung könnte dieses Szenario die derzeit stagnierenden europäischen Volkswirtschaften in leichte Rezessionen abrutschen lassen.

Szenario 2: Frieden, Stabilität und Fortschritt nach dem Krieg

Im zweiten Szenario folgen auf den Krieg in Gaza eine regionale Normalisierung und Frieden. Der israelische Feldzug gegen die Hamas ist erfolgreich, ohne dass es zu vielen weiteren zivilen Opfern kommt, und gemäßigtere Kräfte – wie die Palästinensische Autonomiebehörde oder eine arabische multinationale Koalition – übernehmen die Verwaltung der Enklave. Netanjahu tritt zurück (nachdem er die Unterstützung fast aller verloren hat), und eine neue gemäßigte Mitte-Rechts- oder Mitte-Links-Regierung konzentriert sich auf die Lösung der Palästina-Frage und die Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien.

Flucht aus Russland

Dubai, der neue „Wurmfortsatz von Moskau“

Im Mittleren Osten bauen wohlhabende Russen ihr Geschäft neu – und sehen wegen des Kriegs in Israel schon die nächste Einwanderungswelle auf sich zurollen.

von Artur Lebedew

Anders als Netanjahu würde diese neue israelische Regierung nicht offen für einen Regimewechsel im Iran eintreten. Sie könnte die Islamische Republik dazu bringen, eine israelisch-saudische Normalisierung stillschweigend zu akzeptieren und im Gegenzug neue Gespräche über ein Atomabkommen führen, das eine Lockerung der Sanktionen beinhaltet. Dies würde es dem Iran ermöglichen, sich auf dringend benötigte Wirtschaftsreformen im eigenen Land zu konzentrieren. Dieses Szenario hätte offenkundig sehr positive wirtschaftliche Auswirkungen, sowohl in der Region als auch weltweit.

Szenario 3: Regionaler Flächenbrand, Eskalation mit Hisbollah und Iran

Im dritten Szenario eskaliert die Situation zu einem regionalen Konflikt, an dem auch die Hisbollah im Libanon und möglicherweise der Iran beteiligt sind. Dies könnte auf mehrere Arten geschehen. Der Iran, der die Folgen einer Ausschaltung der Hamas fürchtet, lässt die Hisbollah gegen Israel losschlagen, um es vom Militäreinsatz in Gaza abzulenken. Oder Israel beschließt, diesem Risiko durch einen größeren Präventivschlag gegen die Hisbollah zu begegnen. Und dann sind da noch all die anderen iranischen Stellvertreter in Syrien, Irak und Jemen. Jeder von ihnen ist erpicht darauf, Israel und die US-Streitkräfte in der Region im Rahmen seiner eigenen destabilisierenden Agenda zu provozieren.

Sollten Israel und die Hisbollah tatsächlich in einen ausgewachsenen Krieg verwickelt werden, würde Israel wohl auch iranische Nuklear- und andere Einrichtungen angreifen, vermutlich mit logistischer Unterstützung der USA. Am Ende würde Iran, der massive Ressourcen für die Bewaffnung und Ausbildung sowohl der Hamas als auch der Hisbollah aufgewendet hat, den umfassenderen regionalen Aufruhr wahrscheinlich dazu nutzen, die Schwelle zur Atommacht endgültig zu überschreiten.

Terror-Miliz

Mit diesem „professionellen Finanzapparat“ versorgt sich die Hisbollah mit Geld

Der Nahost-Konflikt spitzt sich nach dem Tod des Hisbollah-Anführers Hassan Nasrallah zu. Über die nun führungslose Terror-Miliz und ihre Einnahmequellen.

von Svenja Gelowicz

Falls Israel – und möglicherweise die USA – den Iran bombardieren, würden die Produktion und die Energieexporte aus dem Golf vermutlich für Monate zurückgehen. Dies würde eine Ölkrise wie in den 1970er-Jahren auslösen, gefolgt von einer weltweiten Stagflation (steigende Inflation und geringeres Wachstum), abstürzenden Aktienmärkten, schwankenden Anleiherenditen und einem Ansturm auf sichere Anlagen wie Gold. Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen wären in China und Europa schwerwiegender als in den USA, die heute Nettoexporteur von Energie sind und die die unvorhergesehenen Gewinne der amerikanischen Energieerzeuger besteuern könnten, um Subventionen zu finanzieren, die die negativen Auswirkungen auf die Verbraucher (Haushalte und Unternehmen außerhalb des Energiesektors) begrenzen.

In diesem Szenario bleibt das iranische Regime an der Macht, weil sich viele Iranerinnen und Iraner angesichts eines israelisch-amerikanischen Angriffs hinter das Regime stellen würden – selbst seine Gegner. Alle Parteien in der Region werden radikalisiert und konfrontativer, so dass Frieden oder diplomatische Normalisierung ein Wunschtraum bleiben. Dieses Szenario könnte sogar Bidens Präsidentschaft und seine Chancen auf eine Wiederwahl zunichtemachen.

Szenario 4: Regionaler Flächenbrand mit Regimewechsel im Iran

Im vierten Szenario weitet sich der Konflikt ebenfalls auf die Region aus, es kommt jedoch zu einem Regimewechsel im Iran. Falls Israel und die USA den Iran tatsächlich angreifen sollten, werden sie nicht nur Nuklearanlagen, sondern auch militärische und Dual-Use-Infrastrukturen sowie die Führung des Regimes ins Visier nehmen. Anstatt das Regime zu unterstützen, könnte sich die iranische Bevölkerung – die seit über einem Jahr gegen die Verstöße der Sittenpolizei protestiert – hinter gemäßigte Kräfte wie den ehemaligen Präsidenten Hassan Rouhani stellen.

Mobilisierung in Israel

Vom Chefsessel an die Front: „Ich schlafe mit Schuhen an den Füßen“

Hunderttausende Reservisten ziehen für Israel in den Krieg. Unter ihnen ist Bentzion Levinson, Gründer und CEO eines Drohnen-Start-ups, das er nun von der Front aus leiten muss.

von Mareike Enghusen

Der Sturz der Islamischen Republik würde es dem Iran ermöglichen, sich wieder in die internationale Gemeinschaft einzugliedern. Es gäbe zwar immer noch eine schwere globale Rezession kombiniert mit hoher Inflation und wirtschaftlicher Stagnation, aber die Voraussetzungen für mehr Stabilität und stärkeres Wachstum im Nahen Osten wären geschaffen.

Wie wahrscheinlich die Szenarien sind

Ich würde eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent für die Beibehaltung des Status quo, 15 Prozent für den Beginn von Frieden, Stabilität und Fortschritt nach dem Krieg, 30 Prozent für einen regionalen Flächenbrand und nur fünf Prozent für einen regionalen Flächenbrand mit einem glücklichen Ausgang ansetzen.

Die gute Nachricht ist also, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Konflikt nicht zum Flächenbrand in der gesamten Region ausweitet mit 65 Prozent relativ hoch ist, was bedeutet, dass die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen gering oder begrenzt wären. Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass die Märkte einem regionalen Konflikt mit schwerwiegenden stagflationären Auswirkungen auf der ganzen Welt derzeit allenfalls eine Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent zuordnen, während eine angemessenere Zahl bei 35 Prozent liegt.

Eine solche Selbstgefälligkeit ist gefährlich, insbesondere wenn man bedenkt, dass die kombinierte Wahrscheinlichkeit eines global disruptiven Szenarios (eins, drei und vier) immer noch 85 Prozent beträgt. Das wahrscheinlichste Szenario könnte nur leichte kurzfristige Folgen für die Märkte und die Weltwirtschaft haben, aber es bedeutet, dass ein instabiler Status quo bestehen bleibt, der letztlich zu neuen Konflikten führen wird.

Im Moment sind die Märkte auf nahezu perfekte Bedingungen eingestellt und bevorzugen die mildesten Szenarien. Doch Märkte haben große geopolitische Schocks oft falsch eingeschätzt. Wir sollten nicht überrascht sein, wenn es wieder geschieht.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow, Copyright: Project Syndicate, 2023

Lesen Sie auch: Israel, Ukraine, Taiwan – können die USA mehrere Konflikte gleichzeitig bewältigen?

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick