WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Gbureks Geld-Geklimper

Aktien jetzt verfolgen, später kaufen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die Anleger haben derzeit nur das Risiko von Aktien im Blick. Grund genug, jetz schon die späteren Chancen auszuloten, auch wenn die Kurse jetzt noch fallen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Manfred Gburek

Es gibt eine auf die Börse bezogene warnende Metapher, die gerade in diesen Tagen ihre Gültigkeit unter Beweis stellt: Fange nie ein fallendes Messer. Um metaphorisch zu bleiben, sei die Warnung indes gleich ergänzt: Außer das Messer fällt mit dem Griff nach unten, denn wer es dann geschickt auffängt, hat schon so gut wie gewonnen.

Doch was heißt unten? Fundamentalisten, also die Gilde der Bilanzleser und Kennzahlenversteher, behaupten beispielsweise, viele deutsche Aktien seien spottbillig, weil ihre Kurse unter den Buchwerten und ihre Kurs-Gewinn-Verhältnisse nahe den historischen Tiefs stünden. Dagegen behaupten Chartisten, die 200-Tage-Linie habe den Deutschen Aktienindex Dax zu Beginn der jetzigen Abwärtsbewegung so heftig von unten nach oben geschnitten, dass das Dax-Tief längst noch nicht erreicht sei.

Verkaufszwang drückt die Kurse

Fundamentalisten und Chartisten haben recht, allerdings mit Einschränkungen: Die einen, sofern sie historische und, falls überhaupt verfügbar, aktuelle Daten verwenden. Die anderen, sofern die Regel vom Schnitt der 200-Tage-Linie auch dieses Mal gilt und nicht eine der Ausnahmen zutrifft, wie wir sie in der Vergangenheit hin und wieder erlebt haben. Doch was bedeuten schon fundamentale Werte und charttechnische Regeln, wenn der Verkaufsdruck an der Börse so groß ist, dass vor allem institutionelle Anleger sich ihm nicht entziehen können? Aktuell nichts, später – womöglich schon im vierten Quartal 2011, spätestens im ersten Quartal 2012 – sicher ganz viel.

Wer Liquiditätsprobleme hat, wie jene Anleger, steht unter Verkaufszwang. Diese Notlage könnten andere Anleger, die über viel Cash verfügen und keinerlei Kaufzwang unterliegen, für sich gewinnbringend nutzen. Das tun sie in der Erwartung, dass die Aktienkurse weiter fallen, aber erst in geringem Umfang. Zurzeit dominiert auf der einen Seite der Verkaufszwang; die kurzfristigen Kurserholungen ersticken immer wieder im Keim. Weil es auf der anderen Seite keinen Kaufzwang gibt, wodurch Aktienkäufe in größerem Umfang und über die ganze Breite des Kurszettels ausbleiben, sacken die Aktienkurse weiter nach unten durch. Wir haben es hier also mit einer asymmetrischen Zwangssituation zu tun.

Drei Aktienkategorien im Visier

Was gerade mit den Dax-Aktien geschieht, gilt zwar weitgehend auch für MDax-, SDax-, Euro Stoxx-Aktien und sonstige, aber Allianz, Deutsche Bank, Siemens, BASF, E.on & Co. trifft es besonders hart – und das ausgerechnet wegen der Effizienz der Deutschen Börse. Deren Effizienz wird sich später beim Drehen der Kurse nach oben allerdings auch positiv auswirken. Noch spricht aber wenig dafür, dass es schon so weit ist.

Deutsche Börse in Frankfurt Quelle: dapd

Private Anleger mit hohem Cashanteil haben es in der aktuellen Gemengelage der Börse am besten. Sie sind gut beraten, sich bei mickrigen Zinsen ihres Tagesgeldkontos nicht auf dem vielen Geld auszuruhen, sondern sich schon jetzt bei insgesamt fallenden Kursen im Vorfeld des wahrscheinlich spätestens im ersten Quartal 2012 zu erwartenden Kursaufschwungs auf die Lauer zu legen. Das ist viel Fleißarbeit. Denn es gilt, die Kurse Dutzender Aktien zu beobachten, ihre Reaktion auf Euro-Krise, Konjunktureinbruch, chinesische Anleihenkäufe und Beteiligungen sowie weitere Einflüsse von außen zu verfolgen, Geschäftsberichte zu lesen und Kennzahlen zu vergleichen.

Auf drei Kategorien achten

Im Großen und Ganzen empfehlen sich drei Aktienkategorien für die intensive Beobachtung (noch nicht oder gar nicht zum Kauf, sondern vorerst allein als Indikatoren), und zwar quer Beet durch alle Indizes, in Deutschland und im Ausland: 1. die relativ starken (Fielmann, Deutsche Euroshop, Nestlé, Roche, China Mobile u.a.), 2. die tief gefallenen (RWE, IVG, Heidelberger Druck, Paktiker, Nokia u.a.) und 3. die speziellen mit einem Schuss Kursphantasie (Centrotherm, Eckert & Ziegler, SGL Carbon, Rational, Toray u.a.). Bei der ersten Kategorie handelt es sich um Aktien mit relativ geringem Abwärts- und mittlerem Aufwärtspotenzial, bei der zweiten Kategorie um mögliche Kandidaten für eine starke Kursreaktion nach oben, sobald die Börsen sich erholen, und bei der dritten Kategorie um Aktien von Unternehmen, die auf ihren Produktmärkten eine Sonderstellung genießen.

Augen auf!

Anleger können sich in jeder Kategorie natürlich auch auf viele andere Aktien konzentrieren. Sie sollten jedoch immer mindestens zwei, am besten alle drei Kategorien unter die Lupe nehmen und um das Verfolgen der noch bestehenden Megatrends ergänzen, vor allem bei Edelmetallen und Rohstoffen. Welche von den drei Kategorien im Zuge des nächsten Kursaufschwungs favorisiert sein wird, lässt sich erst im Lauf der kommenden Monate bestimmen. Wie, liegt auf der Hand: Behalten Fielmann, Nestlé & Co. ihre relative Stärke, also ihre im Vergleich zu den betreffenden Indizes bessere Kursentwicklung, gehören sie zu den Favoriten. Rauschen die Kurse von RWE bis Nokia nicht mehr weiter in die Tiefe, dürften Schnäppchenjäger ihre Kurse kurzfristig besonders stark nach oben treiben. Und Technologieaktien wie Centrotherm oder SGL Carbon dürften favorisiert sein, falls Börsianer hier die Kursphantasie in Kursgewinne umsetzen, weil sie eine Hightech-Neuauflage erwarten.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%