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Gbureks Geld-Geklimper

Eine Börse wie im Film

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Aktienkurse werden zunehmend von Spielern bestimmt; derweil ticken Zeitbomben. Nach den Beschlüssen des EZB-Rats am 5. Juni ist mit gravierenden Folgen zu rechnen.

Welche Rendite die Dax-Aktien liefern
Dividendenrendite sinktFast 9800 Punkte Mitte Januar: Über die vergangenen zwölf Monate ist der Dax zu neuer Höchstform aufgelaufen. Doch kaum eines der großen deutschen Unternehmen wird die Dividende je Aktie im gleichen Maß anheben, wie die Kurse angezogen sind. Nach Berechnungen der Commerzbank (Stichtag 20.1.2014) ist die Dividendenrendite, das Verhältnis von der Ausschüttung je Aktie zum Kurs, im Dax flächendeckend gesunken. Und mit K+S, Eon oder RWE liegen gerade solche Unternehmen vorn, deren Kurse sich weniger berauschend entwickelt haben. Die Dividende dagegen schwankt nicht so stark, sie kann gleich bleiben oder nur leicht zurückgehen. Quelle: dpa
Platz 1: Munich ReAktionäre des größten weltweiten Rückversicherers können sich freuen: Voraussichtlich wird kein anderer Dax-Konzern 2014 relativ zum Aktienkurs mehr ausschütten. Zum 20.1. errechnet die Commerzbank eine Dividendenrendite von 4,59 Prozent. Damit kommen Anteilseigner jedoch schlechter weg als noch vor einem Jahr. Damals betrug das Verhältnis von Dividende zu Kurs mehr als fünf Prozent. Grund: Munich Re könnte laut Studie mit 7,25 Euro nur 25 Cent mehr ausschütten als noch 2013. Das wäre ein geringer Anstieg angesichts satter Kursgewinne (+12 Prozent) im vergangenen Jahr. Quelle: dpa
Platz 2: EonDividendenrenditen von mehr als sieben Prozent wie im vergangenen Jahr kann auch der Energieversorger Eon seinen Aktionären nicht mehr liefern. Atomausstieg und Erneuerbares Energiegesetz (EEG) hat dem Versorger zugesetzt. Nach einem Gewinneinbruch von mehr als 50 Prozent, schaffte der Aktienkurs auf Jahressicht lediglich ein Plus von 1,76 Prozent. Laut Commerzbank könnte Eon daher die Dividende von 1,10 Euro auf 60 Cent kürzen. Dennoch bietet das Unternehmen Aktionären im Dax-Vergleich mit 4,39 Prozent Rendite noch den zweitgrößten Ertrag im Verhältnis zum Aktienkurs. Quelle: dpa
Platz 3: K+SWegen politischer Querelen zwischen Russland und Weißrussland hat der Aktienkurs des Düngemittel-Herstellers im vergangenen Jahr eine rasante Talfahrt durchgemacht. Als die beiden Großkonzerne Uralkali (Russland) und Belaruskali (Weißrussland) ihr Kartell beendeten und damit einen Preisverfall auf dem Markt für Düngemittel auslösten, riss es auch die K+S-Aktie nach unten. In den vergangenen zwölf Monaten büßten K+S-Papiere rund 33 Prozent ein. Die Dividende allerdings könnte weniger stark nachgeben: die Commerzbank rechnet mit Kürzungen von 40 Cent je Aktie – oder 28 Prozent. Dann würde die Dividendenrendite insgesamt nicht fallen, sondern im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht anziehen, von vier auf 4,07 Prozent. Quelle: dpa
Platz 4: Deutsche TelekomAktionäre der Deutschen Telekom können über 3,98 Prozent Dividendenrendite freuen, schätzt die Commerzbank. Das wäre das viertbeste Verhältnis zwischen Ausschüttung je Aktie und Kurs. Die meisten dürfte das dennoch enttäuschen: im Vorjahr konnten Anteilseigner noch 8,14 Prozent Dividendenrendite einstreichen. Grund für den starken Rückgang: Während die Telekom ihre Dividende je Aktie laut Commerzbank für 2014 von 70 auf 50 Cent sogar senken könnte, war der Aktienkurs binnen eines Jahres um 42,6 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Platz 5: AllianzAuch die Allianz hat mit geschätzten 3,95 Prozent eine niedrigere Dividendenrendite vorzuweisen als im vergangenen Jahr (4,29 Prozent). Trifft die Einschätzung zu, würde das Verhältnis zwischen Dividende und Aktienkurs etwa auf dem Stand von 2007 liegen. Der Aktienkurs des Versicherers ist um rund 19,5 Prozent gestiegen. Bei der absoluten Dividende erwarten die Analysten der Commerzbank einen Anstieg von 4,5 Euro auf 5,25 Euro je Aktie. Quelle: dpa
Platz 6: RWEMit RWE findet sich ein weiterer Versorger unter den Dax-Konzernen mit der höchsten Dividendenrendite. Sie soll für das Jahr 2013 bei 3,71 Prozent liegen und ist damit rund 2,7 Prozent niedriger als im Vorjahr. Wie Eon und EnBW hatte auch RWE mit der Energiewende und den daraus entstehenden Verlusten zu kämpfen. Die Commerzbank erwartet, dass der Versorger seinen Anlegern einen Euro pro Aktie statt zwei Euro wie im vergangenen Jahr zahlt. Der Kurs der RWE-Aktie hat im vergangenen Jahr rund 4,1 Prozent verloren. Quelle: dpa

Der von den Medien betriebene Kult um die 10.000 Punkte beim Deutschen Aktienindex Dax geht Ihnen wie wahrscheinlich auch den meisten anderen Anlegern bestimmt auf die Nerven. Was bedeuten sie denn schon? Magisch? Historisch? Unsinn. Sie signalisieren doch nur, dass dieser Performance-Index, also die Summe aus aktuellen Kursen und längst ausgezahlten Dividenden deutscher Standardwerte, fünf- statt vierstellig wird. Würde man die historischen Dividenden, wie international üblich, vom deutschen Leitindex abziehen, bliebe gerade mal gut die Hälfte an Dax-Punkten übrig.

Viel Kult wird aktuell auch um die nächste Sitzung des EZB-Rats am 5. Juni betrieben, im Gegensatz zum Dax-Bohei allerdings zu Recht. Denn mit dieser Sitzung verbinden Börsianer hochgestochene Erwartungen, die sich gefährlich auswirken können: Entspricht ihnen die EZB, indem sie den Leitzins von 0,25 auf 0,15 Prozent oder auf eine Bandbreite zwischen null und 0,25 Prozent senkt, wird es anschließend heißen, die Erwartungen seien bereits in den Kursen eingepreist gewesen und die Kursspielräume nach oben ohne weitere Impulse deshalb begrenzt. Belässt die EZB es wider Erwarten beim Leitzins von 0,25 Prozent, könnten Börsianer für kurze Zeit schockiert reagieren. Falls die EZB jedoch zu besonders drastischen Maßnahmen greift, indem sie etwa ihr ganzes Arsenal an expansiver Geldpolitik einschließlich Anleihenkauf einsetzt, wären die Folgen für längere Zeit gravierend.

Gleich zwei tickende Zeitbomben

Was für Folgen? Solche, die gerade kontrovers diskutiert werden. Zum Beispiel einerseits eine Blasenbildung, inzwischen gängiger Ausdruck für eine Überbewertung. Andererseits träumen viele Anleger davon, der seit Mitte Mai im Vergleich zum Dollar etwas schwächere Euro würde dem ganzen Euroraum Wettbewerbsvorteile verschaffen und für alles andere als eine Blasenbildung sprechen. Wiederum andere, vor allem Profis, machen sich Sorgen um die steigenden Barwerte der Pensionsverpflichtungen deutscher Konzerne, deren Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme dadurch sinkt und so mittelbar auf die Aktienkurse zu drücken droht. Doch die meisten Anleger dürften mit Entsetzen beobachten, wie ihre Kapitallebensversicherung oder alternativ ihre private Rentenversicherung im Lauf der Jahre zusammenschrumpft und damit die Altersvorsorge infrage stellt – schließlich verfügen die Deutschen ja, statistisch betrachtet, pro Person im Durchschnitt über mehr als eine von solchen Versicherungen.


Was wiegt besonders schwer? Blasenbildung hin oder her, beim Kursniveau um 10.000 Dax-Punkte, zustande gekommen nach einem fünfeinhalbjährigen Aufwärtstrend mit nur einer größeren Unterbrechung im Sommer 2011, sind auf jeden Fall Gewinnmitnahmen an der Tagesordnung. Ein starker Kursausbruch nach oben ist also nicht zu erwarten. Der leicht schwächelnde Euro bringt zwar geringfügige Wettbewerbsvorteile; aber damit der ganze Euroraum von ihnen profitiert, müssten etwa die französische und die italienische Autoindustrie erst einmal profitabel arbeiten, müssten Spaniens leer stehende Häuser endlich Käufer finden und niederländische Verbraucher weniger auf Pump leben. Die steigenden Pensionsverpflichtungen deutscher Konzerne sind tickende Zeitbomben, die jederzeit hochgehen und die Aktienkurse nach unten befördern können, die schrumpfenden Versicherungen nicht minder, weil sie zur Altersarmut beitragen.

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