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Gbureks Geld-Geklimper

Heiße Energie-Aktien

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Der Sturz des Ölpreises bringt unter Energiekonzernen Gewinner und Verlierer hervor. Anleger können davon profitieren – allerdings nur dann, wenn sie sehr spekulativ vorgehen.

Energieversorger im Aufwind

Auf schnelle Kursgewinne bedachte Börsianer haben es gern, wenn sich Aktienkurse extrem bewegen. Zumal dann, wenn Kaufkurse immer näher rücken oder schon ihren Boden gefunden haben. Dafür grassiert an der Börse eine hässliche, aber treffende Metapher: ausgebombt. Doch warum machen Börsianer gerade jetzt, da insbesondere die Kurse der meisten Energieaktien ausgebombt sind, um diese einen großen Bogen? Zum Beispiel um E.On und RWE, Royal Dutch und Exxon, Gazprom und Seadrill - um nur repräsentativ einige zu nennen, die es mehr oder weniger stark erwischt hat. Weil Börsianer in solchen Fällen gern einer anderen Metapher verhaftet sind: Fange nie ein fallendes Messer.

Die nutzlosesten Börsenweisheiten
"The Trend is your friend""Der Trend ist dein Freund" gehört wohl in die Kategorie der irreführenden Börsenweisheiten. Denn es animiert Anleger dazu, einem Aufwärts- oder Abwärtstrend durch Käufe oder Verkäufe von Wertpapieren zu folgen, blendet dabei aber aus, das Trends endlich sind und auch jäh kippen können. Das Problem: Die Gefahr ist hoch, dass der Anleger zu spät auf den fahrenden Zug aufspringt und er bis zu der Erkenntnis, dass sich der Freund "Trend" von einem abgewendet hat, hohe Verluste eingefahren hat. Gerade in turbulenten Börsenzeiten wie in den vergangenen Jahren wechseln Trends sehr häufig und sehr schnell. Quelle: "Sell in May and go away - Was die Börsenweisheiten von Kostolany, Buffett und Co. heute noch taugen", von Jessica Schwarzer (Handelsblatt), erschienen im Börsenbuchverlag im Dezember 2013, sowie eigene Recherchen. Quelle: dpa
"Sell in may and go away"Eine weit verbreitete Börsenweisheit, die die Entscheidung zu kaufen oder zu verkaufen anhand des Kalenders propagiert. Doch leider hält sich die Kursentwicklung an der Börse nicht an Termine. Zwar nimmt der Handel in den Sommermonaten oftmals ab und im Herbst wieder zu, doch gibt es in der Historie auch reichlich Gegenbeispiele. Etwa den Mai 2013, als der deutsche Hauptindex Dax seine Rekordjagd begann und nur in diesem einen Monat um sechs Prozent zulegte. Letzten Endes ist es nicht das Datum, sondern die erwartete Wirtschaftslage, die über Auf und Ab an der Börse entscheidet. Quelle: Fotolia
"Timing ist alles"Jeder möchte Aktien gerne kaufen, wenn die Kurse auf dem Tiefpunkt sind, und verkaufen, wenn sie ihren Zenit erreichen. Das Problem: Wann Hoch- oder Tiefpunkt erreicht wurden, wissen Anleger erst im Nachhinein. Denn leider klingelt kein Wecker, wenn die Kauf- und Verkaufskurse optimal sind. Nicht einmal Profis gelingt das perfekte Timing ohne eine große Portion Glück - aber sie erkennen, wann eine Aktie günstig bewertet oder schon zu teuer ist und verfolgen meist eine langfristige Strategie. Wer aber versucht, immer in die Kurstäler und -spitzen zu handeln, generiert hohe Handelsgebühren, die viel von der Rendite aufzehren. Hier gilt eher der Börsenspruch: "Durch eine verpasste Gelegenheit ist noch niemand arm geworden." Gleiches gilt für Gewinnmitnahmen bevor der Kurs seinen Gipfel erklommen hat. Quelle: dpa
"Beim Denken ans Vermögen, leidet oft das Denkvermögen"Diesen Spruch gibt es auch in vereinfachter Form: Gier frisst Hirn. Zwar neigt die Psyche des Menschen dazu, sich die eigenen Fehler schönzureden und wer allzu gierig ist, schlägt leicht über die Stränge oder geht allzu vollmundigen Versprechen oder gar Betrügern auf den Leim. Aber im Grunde ist diese Erkenntnis nutzlos, denn schließlich kann sich kein Anleger seiner Psyche entziehen. Der einzige Rat der daraus folgt, sollte für Anleger an der Börse eigentlich eine banale Selbstverständlichkeit sein: Bewerten Sie die Fakten so objektiv wie möglich und verlassen Sie sich nicht einfach auf ihr Bauchgefühl. Das weiß aber jeder Anleger, der schon einmal zulange an einem Wertpapier festgehalten und dadurch schmerzliche Verluste gemacht hat. Quelle: dpa
"Buy on bad news, sell on good news"Grundsätzlich ist es ja richtig: Gibt es zu einer Aktie schlechte Nachrichten, fällt in der Regel der Kurs, und das Papier kann billig gekauft werden. Aber häufig sind bei Unternehmen in Schwierigkeiten ganze Serien schlechter Nachrichten zu beobachten, so dass die Kurse immer noch tiefer fallen. Woher sollen Anleger auch wissen, ob es nicht noch schlimmer kommt? Umgekehrt gilt das ebenso: Es gibt Unternehmen, die regelmäßig mit ihren Ergebnissen die Markterwartungen übertreffen. Wer gleich bei der ersten positiven Überraschung verkauft, verpasst womöglich das Beste. Beispiele dafür waren in der Vergangenheit etwa Werte wie Apple oder Google. Was die Zukunft aber bringt, kann kein Anleger wissen. Quelle: AP
Hermann Josef Abs und Josef Fischer Quelle: Picture-Alliance/dpa
"Ein Spekulant der auf fallende Kurse setzt, gräbt eine Grube, in die andere hineinfallen."Hintergrund ist, dass zum Beispiel Hedgefonds Aktien verkaufen können, die sie gar nicht besitzen. Geschieht das in großer Menge, fallen die Kurse und der Spekulant kann die Aktien günstiger kaufen, um seine Verkaufsposition auszugleichen - und erzielt so einen Spekulationsgewinn auf Kosten der anderen Aktionäre. Die Erkenntnis hilft einem Privatanleger jedoch wenig, denn mit seinen kleinen Handelspositionen ist er dem Auf und Ab durch derlei Kursmanipulationen zunächst ausgeliefert. Ist der Kurssturz jedoch nicht durch fundamentale Daten wie Umsatz, Gewinn oder Cash-Flow eines Unternehmens untermauert, dürfte sich eine so heruntergeprügelte Aktie in der Folge wieder erholen. Anleger können die Schwächephase also aussitzen. Quelle: dpa

Das soll so viel bedeuten wie: Die Kursverluste gehen weiter. Warum, wird gleich nachgereicht: Weil E.On (trotz kommender Aufspaltung) und RWE zu Opfern der deutschen Energiewende geworden sind, weil die Ölreserven von Royal Dutch und Exxon allmählich zur Neige gehen, weil Gazprom im neuen Kalten Krieg zwischen Ost und West aufgerieben werden könnte und weil Seadrill nach besonders tiefen und damit teuren Lagerstätten bohrt, deren Rentabilität in Anbetracht des zurzeit sehr niedrigen Ölpreises in weite Ferne zu rücken droht.

Die entscheidende Frage bleibt indes, ob die Kursrückgänge nicht bereits einen Großteil der jeweiligen Malaise vorweggenommen haben, kurzum, ob das Messer nicht bald auf den Boden prallt oder vielleicht schon auf ihm liegt.

Heiße Spekulation mit Gazprom und Seadrill

In den Fällen E.On und RWE fällt die Antwort besonders schwer, vor allem, weil die Politik mitmischt. Das heißt, die Aktien der beiden Energieversorger zu kaufen, bedeutet, eine Spekulation ins Blaue zu wagen. Bei Royal Dutch und Exxon ist die Sache dagegen einfach: Solange die beiden Ölmultis auskömmliche Dividenden zahlen, mögen ihre Aktienkurse, wie zuletzt geschehen, zwischenzeitlich um 10 oder 20 Prozent fallen, an der Dividendenfähigkeit wird sich dadurch nicht viel ändern.

Ganz anders steht es um Gazprom. Die Aktie des russischen Konzerns wirft eine hohe Dividendenrendite ab, nicht zuletzt deshalb, weil Deutschland ein großer treuer Abnehmer des Russengases ist. Hier geht es also um die Spekulation, dass es dabei bleibt – und dass der Kalte Krieg nicht weiter eskaliert. Seadrill schließlich ist eine noch heißere Spekulation. Sie lässt sich in erster Linie damit rechtfertigen, dass der Aktienkurs die Bezeichnung ausgebombt noch mehr verdient als der von Gazprom.

Deutsche Energieversorger im Vergleich

In letzter Zeit beherrschen eher die vermeintlichen Gewinner des niedrigen Ölpreises die Börsenschlagzeilen. Zu Recht? Eher nicht, denn die meisten der vorgetragenen Argumente sind dann doch zu fade. So muss man sich fragen, ob Lufthansa dank des vorübergehend billigen Öls und damit Kerosins einen nachhaltig gewinnsteigernden Effekt erzielen kann. Oder ob es der Post-Tochter DHL gelingen wird, der Mutter dank des niedrigen Spritpreises einen Gewinnschub zu geben. Auch das Argument, das billige Öl rege den Konsum entscheidend an, ja es sei wie ein Konjunkturprogramm, hält einer kritischen Analyse nicht stand. Marginale Wirkung für maximal einige Monate ja, Superkonjunktur dagegen nein.

Alternative Energien senden Signale

Man verfolge zum Beispiel die Kursentwicklung der Aktien von Unternehmen, die sich alternativen Energien verschrieben haben, um die hier vorgetragenen Argumente zu erhärten: Egal, ob Tesla und First Solar, beide USA, Canadian Solar, Yingli/China, Hanwha/Südkorea, Vestas/Dänemark oder Nordex und Manz, beide Deutschland - all diese und noch manch andere Aktien, deren Kurse jeweils eine erfolgreiche Story im Bereich alternativer Energien mit den Schwerpunkten Sonne und Wind widerspiegeln, hatten zwischenzeitlich beachtliche Höhenflüge zu verzeichnen, ohne danach auf alte Tiefstkurse zurückzufallen (prominente Ausnahme: Solarworld).


Hinter diesen Erfolgsgeschichten verbirgt sich unter anderem die berechtigte Erwartung, dass der Ölpreis nach seinem jetzigen Rücksetzer wieder steigen wird. Immerhin ist das die Erwartung von gestandenen Unternehmern, die lange genug Chancen und Risiken abgewogen haben, statt von Volkswirten, die uns einreden wollen, der amerikanische Schiefergasboom in Verbindung mit dem Öldumping durch Saudi-Arabien werde den Ölpreis dauerhaft drücken.

Es bleibt spannend

Das Thema Öl bleibt auch noch wegen eines weiteren Aspekts spannend: Für Energie-Investitionen wurden vor allem in den USA und Kanada hohe Kredite in Form von hochprozentigen Anleihen aufgenommen. Solche Anleihen erfreuten sich wegen ihrer üppigen Verzinsung über längere Zeit einer wachsenden Beliebtheit bei den Verwaltern von Fonds, Pensionskassen usw.

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Doch zuletzt erreichten immer mehr von ihnen Ramsch-Status, ausgelöst durch negative Bewertungen der Ratingagenturen. Die Konsequenz: Energie-Investitionen werden zurückgefahren, oder das Problem erledigt sich durch Pleiten von selbst.
Wer sich spekulativ bzw. extrem spekulativ betätigen will, greift mit dem ersten Teil des Einsatzes zu einer der sechs eingangs genannten Aktien von Royal Dutch bis Seadrill. Fallen deren Kurse weiter, kommt bei einem nochmaligen Spike nach unten der zweite Teil zum Einsatz. Steigen sie dagegen, sind schnell 10 bis 20 Prozent Kursgewinn möglich, für Anleger mit starken Nerven und viel Durchhaltevermögen sogar noch mehr.

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