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Gbureks Geld-Geklimper

Konsequenzen aus der Zinswende

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Anleihen reißen Aktien nach unten, Fonds mauscheln mit Versicherungen, Gold erholt sich, und am Ende kommen vor allem junge Anleger mit starken Nerven nicht an Aktien vorbei.

Goldmünzen Quelle: dpa

Ein paar enthüllende Zahlen gefällig? An diesem Mittwoch stieg die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf 0,67 Prozent. Gemessen an ihrem Tiefststand vom April bei gerade mal 0,05 Prozent war das mehr als eine Verdreizehnfachung. Und das, obwohl die EZB seit März Geld in einem noch nie gekannten Ausmaß über die Finanzmärkte ergießen lässt.

Daraus könnte man schließen, dass der Zins – hier in Gestalt der Rendite – seine Funktion als Preis für Geld eingebüßt hat. Oder doch nicht? Derweil ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 2,26 Prozent gestiegen. Und schon wieder ein Fragezeichen: Warum erholt sich der Euro gerade jetzt gegen den Dollar, da doch der Renditeabstand zwischen Bundesanleihen und US-Staatsanleihen nach wie vor beachtlich ist? Er beträgt immerhin 1,59 Prozentpunkte.

Was Investoren für die lukrativste Geldanlage halten

Das alles hängt offenbar mit den Erwartungen der Anleger zusammen, speziell der Großanleger und unter ihnen der Hedgefonds, von Insidern liebevoll Hedgies genannt: Zuerst haben sie erwartet, die Geldschwemme der EZB werde die Renditen weiter nach unten treiben, obwohl der Spielraum nur noch äußerst gering war. Danach sind sie schlagartig umgeschwenkt in der Erwartung, die Zinswende sei fällig, weil Inflation drohe.

Das alles innerhalb weniger Wochen. Zu diesem Szenario passt denn auch die jetzige Erholung des Goldpreises, ausgelöst durch die Erwartung, Gold schütze vor Inflation. Und weil gerade ein Bild von Picasso zum Rekordpreis von mehr als 179 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hat, fühlen sich die Anhänger der Inflationsthese sogar von daher bestätigt.

 Adios Anleihen!

Jede Wende kommt für die meisten Anleger überraschend, auch die jetzige Zinswende. Dennoch sind bereits die ersten Argumente zu hören, warum die Überraschung dieses Mal eigentlich gar nicht so groß gewesen sein kann: Erstens, weil die amerikanische Notenbank Fed allen gegenteiligen Äußerungen aus ihren Kreisen zum Trotz den Leitzins doch schon bald erhöhen werde. Und zweitens, weil europäische Staatsanleihen in größerem Umfang auf den Markt kämen, während es an fälligen Anleihen, also an der Gegenposition, erheblich mangele.

Beide Argumente sind nachgeschoben, in den nächsten Tagen werden weitere folgen. Anleger brauchen halt angeblich rationale Begründungen für ihr vielfach emotionales Verhalten. Das ändert indes nichts an der Tatsache, dass der Bogen an den Anleihemärkten längst überspannt war und weiter überspannt bleibt. Zwar ist damit zu rechnen, dass die Diskussion darüber, ob die Zinswende bereits stattgefunden hat oder ob sie erst noch ansteht, in den kommenden Monaten munter weiter geführt wird. Aber allein schon die Heftigkeit des bisherigen Renditeanstiegs in Europa wie auch in den USA spricht Bände: Adios Anleihen!

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